Eine Krux - sogar für die Kirche: Die Ewiggestrigen
Fast alle sehen der Pride 05 in Luzern mit Wohlwollen und gar Freude entgegen


Luzern erhält am 18. Juni die Pride 05 von der Romandie als Geschenk. Die Pride ist das welsche Pendant zum CSD in Zürich. Luzern freut sich drauf. Nun ruft aber die "Priesterbruderschaft Pius X." zum Widerstand gegen diese "beispiellose Provokation" auf. Ziehen am Pilatus die Gewitterwolken auf?

Seit 1997 gibt es das welsche Pendant zum Deutschschweizer CSD, die Gay Pride Romande. Die nationale Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz macht 2005 zu einem besonderen Jahr: Dies hat die Romandie veranlasst, die Pride für eine Ausgabe auf eine Reise über den Röstigraben zu schicken. Am 18. Juni werden sich für einmal nicht nur asiatische Touristen die Finger in der Leuchtenstadt wund knipsen. Dass ausgerechnet die "Suisse primitive" - so die Innerschweiz im Sprachgebrauch der Romands - als Austragungsort auserkoren wurde, liegt nicht zuletzt daran, dass mit der LesBiSchwulen Konferenz Zentralschweiz hier eine einzigartige Vernet
zung regionaler Organisationen besteht. Während sich die Präsidentin des Organisationskomitees, Eugenia Binz, auf ein Fest für und mit der Bevölkerung der Zentralschweiz freut, sieht sich die konservative katholische "Priesterbruderschaft Pius X." mit Sitz in Rickenbach SZ vom ökumenischen Pride-Gottesdienst am Samstag derart provoziert, dass sie zum Beten am Ort der Sünde aufruft.

Offene, mutige Ortskirchen
Erinnerungen an Sion werden wach: Im Jahr 2001 hatte dort die rechtskatholische Vereinigung RomanDit und Bischof Brunner zum Protest gegen das "teuflische Spiel" aufgerufen. Anders als im Wallis aber ist es in der Zentralschweiz nicht die Ortskirche, die ihre Schäfchen mobilisiert. Mit ihren mutigen und progressiven Äusserungen zum Partnerschaftsgesetz haben die beiden Lei
tungsgremien der Katholischen Kirche der Stadt Luzern, Dekanatsvorstand als auch Kirchenrat, jedenfalls eindeutig Stellung für Lesben und Schwule bezogen. In ihrer Stellungnahme zum Partnerschaftsgesetz zitieren sie, die bewusste Diskrepanz zwischen Aussage und Konsequenz erzeugend, die Schweizer Bischöfe: "Die Erinnerung an demütigende gesellschaftliche Ächtung oder gar Strafverfolgung, denen homosexuelle Menschen in der Vergangenheit ausgesetzt waren und zum Teil immer noch sind, hat in den Herzen vieler Menschen das bittere Gefühl erlittenen Unrechts zurückgelassen. Wir Bischöfe bedauern dieses Unrecht und bitten um Verzeihung, sofern es im Namen der Kirche oder des christlichen Glaubens angetan wurde." Anders als die Bischöfe, die ungeachtet dieser nur vordergründig wohlwollenden und eher als heuchlerisch zu bezeichnenden Parole das Partnerschaftsgesetz ablehnen, versteht sich die Katholische Kirche der Stadt Luzern als "Kirche, die für die Menschen da ist" und hat ein vorbehaltloses Ja zum Partnerschaftsgesetz empfohlen.

Gegenkundgebung am Eröffnungsakt nicht bewilligt
Wie Eugenia Binz vom Organisationskomitee betont, waren es denn sowohl die Stadtkirche als auch die Pfarrei St. Maria zu Franziskanern, die den Dank- und Bittgottesdienst unter dem Motto "Ich verlasse mich auf deine Liebe", das auch eine Love Parade betiteln könnte, mitinitiiert haben. Und auch die Kooperation mit dem Orgelnocturno "Orgel Plus", welches ebenfalls in heiligen Hallen stattfindet, wurde von der Luzerner Hof-Pfarrei vorgeschlagen. Stein des Anstosses ist für die "Priesterbruderschaft Pius X." nebst dem Anlass per se, an dem "die Homosexuellen ihre Sünde zur Schau stellen", vor allem der ökumenische Gottesdienst "in einer der drei Hauptkirchen Luzerns", wie sie im Internet schreiben. "Eine solche Verbindung zwischen Homosexuellen und einer Kirche" stellt für die selbsternannten Moralhüter "eine beispiellose Provokation und Blasphemie" dar. Damit zum Kampf gegen die "Art Süchtigen" (Zitat Homepage) auf Stadtboden auch flugs die richtigen Diskussionsargumente "parat sind" wartet die Website mit einem äusserst heterogenen Argumentarium aus mittelalterlicher Moraltheologie, Bibelzitaten, bis hin zu schlichtweg ehrverletzenden Diffamierungen und pseudowissenschaftlichen Fakten auf. Homosexuelle seien z.B. überdurchschnittlich oft psychisch krank und labil, heisst es in dem Pamphlet wider die Sünde, und das Bild des glücklichen Homosexuellen sei ein Märchen für die Zeitung. Die Luzerner Stadtpolizei hat
eine Teilnahme der Bruderschaft am Eröffnungsakt der Pride05, an der auch Stadtpräsident Urs W. Studer teilnimmt und sprechen wird, nicht bewilligt. Eine mögliche Gegendemonstration aber könnte sich etwa auf dem Weinmarkt formieren, wie Eugenia Binz erklärt. Für die Präsidentin des Organisationskomitees aber ist klar, dass der Gottedienst ungeachtet der Bruderschaftskampagne für "die Rechte des Herrn JesusChristus" (Zitat Bruderschaft-Website) zum Trotz stattfinden werde: "Es wird immer Widerstand gegen uns Lesben und Schwule geben, egal was wir auch tun. Was die Bruderschaft Pius X. sagt, ist für uns diskriminierend und provozierend. Wir werden aber sorgfältig mit Protest umgehen und sind zuversichtlich, dass die Pride05 friedlich ablaufen wird."

"Sowieso" ein lustvolles Fest
Bleibt zu hoffen, dass bei diesen Negativschlagzeilen, wie sie auch der lokale Fernsehsender Tele-Tell in einer Vorab-Reportage aufgegriffen hat, die eigentlichen Ziele und Anliegen der Pride05 nicht aus dem Blickfeld geraten. Eugenia Binz jedenfalls ist der Meinung, dass von einer explizit negativen Stimmung am Fusse des Pilatus nicht die Rede sein könne. Sie freut sich als Gastgeberin auf die rund 8000-10000 Teilnehmer/-innen, die zum Umzug und einem bunten Rahmenprogramm erwartet werden. Die Organisator(inn)en sehen nämlich die neunte und gleichzeitig erste Deutschschweizer Ausgabe der Pride in erster Linie als lustvolles Fest für Lesben und Schwule und deren Angehörige, das sich gleichzeitig als Volksfest sowie als Ort der Begegnung und des Austausches sieht. "'Sowieso' markiert dabei die Selbstverständlichkeit, die wir uns für den Umgang mit der psychosexuellen Orientierung wünschen, seitens der Lesben, Schwulen und Bisexuellen selbst, aber auch seitens des Umfelds", wie das Organisationskomitee das Luzerner Motto auf den Punkt bringt. Eingebettet in die Pride05 ist auch das LesBiSchwule (Film-)Festival Pink Panorama, zudem nutzt sie gleichzeitig den in Luzern stattfindenden Internationalen Tag des Flüchtlings, um auch besondere Probleme von lesbischen und schwulen Migrantinnen und Migranten anzusprechen. Wenn sich die Luzernerinnen und Luzerner am 18. Juni so hemmungslos wie an einem Schmutzigen Donnerstag oder einem Güdismontag ins Fest- und Nachtgetümmel stürzen, dürfte wohl selbst den Touristen aus Übersee die Spucke wegbleiben. Und den angereisten Pride-Partisanen aus der Romandie sowieso.

Detaillierte Informationen zum Programm der Pride05 finden sich im Internet unter www.pride05.ch

Die Spendenbilanz der Pride05 sieht bisher nicht allzu rosig aus, gerade weil viele Spender das Partnerschaftsgesetz berücksichtigt haben.

Finanziell unterstützen kann man die Pride via Postkonto 60-686177-7, Pride 05, 6000 Luzern.


Pius X., der Heilige
Pius X. war an sich kein übermässig wichtiger Papst (1903 - 1914) Was ihn von den Päpsten der Neuzeit aber abhebt: Nach Pius V. (gestorben 1572) war er der erste und bislang auch letzte Papst, der heilig gesprochen wurde.
Das sagt einiges über die katholische Kirche aus: Sein Vorgänger, Leo XIII., war im Volk überaus beliebt aufgrund seines sozialen Engagements. Er gilt als Begründer der katholischen Soziallehre.

Doch in der Kirchengeschichte hat ihm das keinen besonderen Platz verschafft, nicht einmal zu einer Seligsprechung reichte es. Die Lorbeeren holte sich stattdessen sein überaus konservativer Nachfolger Pius X. ab. Dessen herausragendste Leistung war der Antimodernisteneid, den Priester abzulegen hatten. Er wurde erst 1967 wieder abgeschafft. Die Priesterbruderschaft St. Pius X. will sein ultrakonservatives Erbe fortführen und negiert die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Priesterbruderschaft St. Pius X.
Selbstdarstellung: "Die Priesterbruderschaft St. Pius X." wurde am 1. November 1970 durch den Bischof von Freiburg, Genf und Lausanne, Mgr. Charrière, als Glied der römisch-katholischen Kirche kanonisch errichtet. Ihr Gründer ist der französische Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991), ehemaliger Missionar
und Apostolischer Delegat für das französischsprechende Afrika.

Im Jahre 1974 erklärte Mgr. Lefebvre: Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am Ewigen Rom, der Lehrerin der Weisheit und Wahrheit. Wir lehnen es hingegen ab, und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kamen."

Eine Internetlösung der