Gewagte Gratwanderung: Rollstuhlgängig
Im Juni rollt eine "Show am Rande des Abgrundes" im T&M über die Bühne

Von Martin Ender

Michael Hitz und Kurt von Allmen bringen eine Show ins T&M, deren Ankündigung unter dem Titel "Rollstuhlgängig" schon für Irritation sorgt. Ein tragisches Ereignis wird vom Betroffenen selbst aufgegriffen. Kurt alias Beverly Stardust erobert sich mit schwarzem Humor und einigen Augenzwinkern die Bühne zurück.

"Ich habe mich nicht "behindern" lassen, weiterhin auf die Bühne zu gehen" sagt Kurt im Gespräch mit Cruiser. "Nach wie vor mache ich meine Auftritte ja nicht als Vollprofi. Aber sie sind Teil meines Lebens und ich will diesen Teil vorläufig nicht aufgeben. Ich mache da weiter, wo ich - gezwungenermassen - aufgehört habe, zwar nicht mehr im gleichen Rahmen wie vorher. Es gibt Leute, die fallen in einer solchen Situation in ein tiefes Loch. Ich habe es nicht soweit kommen lassen und gehe jetzt wieder auf die Bühne. Ich würde zu gerne wissen, ob es sonst noch irgendwo jemanden gibt, der sich mit einer Beinprothese auf die Bühne wagt."

Der Unfall
In der Nacht auf den 14. März 2002 verabschiedete sich Kurt von Allmen in der Pigalle-Bar. Zuvor hatte er noch die letzten Details besprochen zu seiner Show, die am folgenden Tag über die Bühne gehen sollte: eine Katja Ebstein-Parodie. Zum Auftritt kam es nicht mehr. Auf dem Nachhauseweg ereignete sich ein tragischer Unfall. Die Zürcher Polizei, ausgerückt zur Verfolgung eines Einbrechers, erlag einer folgenschweren Verwechslung. Sie hielt in der Altstadtgasse Kurt für den Verdächtigen, schnitt ihm mit dem Polizeiauto den Weg ab und drückte ihn an die Hauswand. Dabei wurde das linke Bein dermassen verletzt, dass die Ärzte im Kantonsspital es nicht mehr retten konnten.

Die Veränderung
Natürlich hat dieser Vorfall das Leben von Kurt umgekrempelt. Bevor er auf die neue Show zu sprechen kommt, sinniert er über das Publikum im T&M, über die Szene, über Freundschaften, Beziehungen und Sex unter Schwulen. Es kommt ihm alles verändert vor. "Das Publikum im T&M ist viel jünger geworden und das Interesse an Shows ist nicht mehr so gross wie vor 10 Jahren", meint Kurt. Vielleicht schwingen da schon Befürchtungen mit, ob die geplante Show auch ankommen wird? Vermutlich ist er auch empfindlicher geworden in der Begegnung mit der sogenannten Szene: "In den letzen anderthalb Jahren, seit ich alleine bin, habe ich festgestellt, wie extrem oberflächlich die Schwulenszene ist. Wenn man nur irgendeinen Makel hat und nicht top aussieht, ist man schnell weg vom Fenster. Der schwule Mann rennt extrem dem Perfektionismus nach, was ich schade finde." Kurt erzählt von Erfahrungen im Chat: "Ich hatte bisher zwei Gesprächspartner, die mir direkt gesagt haben, dass sie ein Problem damit hätten, mit meiner Behinderung. Bei den meisten aber muss man zwischen den Zeilen lesen lernen. Auf die Frage, ob ihn der Unfall mit all seinen Folgen verbittert hätte, kommt sehr schnell und klar: "Ja, das hat schon verbittert. Es wäre gelogen, wenn ich was anderes sagen würde".

Die Zuversicht
Wenn die Show zur Sprache kommt, ist aber von Verbitterung nichts mehr zu hören. Mit Mike Hitz arbeitet Kurt nun schon seit April 03 sporadisch zusammen. "Ich wollte schon sehr früh wieder auf die Bühne, wusste aber nicht, ob ich das alleine schaffe. Eine Einmannshow verlangt schnelle Kostümwechsel, das schaffe ich nicht mehr. Es ist toll und eine Bereicherung für mich, dass ich mit Mike zusammenarbeiten kann." Mike ist einiges länger im Showbusiness als Kurt und sagt "Ich bin nach wie vor semiprofessionell unterwegs". Damit meint er, dass er leider noch nicht davon leben kann, ist aber zuversichtlich, dass die Show-Hälfte immer grösser wird. Mikes Stimme fiel schon in den 80er Jahren im Polygon auf. Er arbeitete viel mit Marc Charles zusammen, bis zu dessen Tod. Nun baut er sich eine Zusammenarbeit mit Kurt auf.

Mit viel Humor
Beide sind sich bewusst, dass der Showtitel Irritation auslösen kann. "Es wird Leute geben, die den Rollstuhl natürlich mit Beverly in Verbindung bringen, andere werden sich fragen: Was soll das? Eine Behindertenshow im T&M?" so Mike und weiter "Wir haben das Thema und den Titel bewusst ausgewählt. Es soll ein Zusammenhang entstehen. Es gibt eine Show mit sehr viel schwarzem Humor. Wir wollen die ganze Situation etwas auf die Schippe nehmen. Unter anderem auch die damalige Medienpräsenz. Das wurde ja allen zuviel, den Betroffenen wie letztendlich auch der ganzen Szene. All das wollen wir ein bisschen verarbeiten. Und natürlich geht es auch darum, zu zeigen, dass Kurt wieder voll da ist." Natürlich gibt's ein paar Eingeständnisse: der Auftritt über die grosse Showtreppe mit dem eleganten Hüftschwung wird weggelassen. (Ist im T&M aus Platzgründen sowieso nicht zu machen). Aber sonst wird sich das Publikum noch wundern. Mike kommt schon fast ins Schwärmen, wenn er von Kurts "schönem" Bühnenbein spricht. Kurt relativiert etwas und erklärt den Unterschied zwischen der Alltags- und der Bühnenprothese: "eine Frau würde diese kosmetische Prothese im Alltag tragen. Mir erlaubt sie, auf der Bühne einen Absatzschuh zu tragen." Und zum Schluss gibt Mike noch ein: "Das Publikum darf ruhig mitbekommen, dass Kurt mit einem Handicap auf der Bühne agiert. Wir wollen nichts vorspielen." Zu hoffen, dass der Funke zum Publikum überspringt und die Show beiträgt, Berührungsängste gegenüber Menschen abzubauen, die nicht ganz perfekt sind.


Eine Internetlösung der