Philipp Tingler - ein Porträt
"Guten Tag, ich beglückwünsche Sie zum Kauf dieses Buches."

Von Kurt Büchler

Philipp Tingler hat mit knapp 25 bereits drei Bücher publiziert. Er schreibt gern nachts von halb zehn bis um zwei. Ein Stück fürs Theater ist im Entstehen. Nein, nichts Verrücktes, eher konventionell, traditionell - eine Boulevard-Komödie mit rasanten Dialogen und vielen Charakteren.

Bei unserer Begegnung mit dem Autor Philipp Tingler lächelt er geheimnisvoll: Er ist es gewohnt, neugierigen Journalisten Antworten zu geben. "Das gehört dazu, wenn ich Bücher schreibe", meint er und guckt erwartungsfroh. Ob das neue Buch angekommen sei, wollten wir wissen. "Hoffentlich!" lacht er. Die Lesungen, die er während des Warmen Mai in Zürich im Cafe Mo und im Schauspielhaus hielt, hat den Besuchern offensichtlich gefallen. Tingler hat nach "Hübsche Versuche" und "Ich bin ein Profi" nun "Juwelen des Schicksals" geschrieben. Kurze Prosa heisst der Untertitel und der Erzähler beginnt ganz frisch mit: "Guten Tag, ich beglückwünsche Sie zum Kauf dieses Buches. Sie halten eine Auswahl meiner kürzeren prosaischen Bemühungen der letzten Jahre in den Händen."

Dann folgt eine witzige Kurz- und Teil-Biografie von Philipp selbst. "Geboren am Sonntag, den 9. August in Berlin (West)." Marlene Dietrich auf der Spur, sagt er: "Heimatstadt. Meine Heimatstadt ist West-Berlin. Ich bin West-Berliner und bleibe West-Berliner, auch wenn West-Berlin untergegangen ist, und ich bin dankbar, dass ich West-Berliner bin." Dann schreibt die Buch-Figur Philipp über die Säulen der Gesellschaft, über den Körper, die Gesetze der Anziehung, über Explaining People, aber auch über Explaining Famous People und Not-So-Famous People. Unterwegs gesteht er einen Fehltritt in den Dünen von Gran Canaria ein, schreibt aus seinen Tagebüchern ab und publiziert Philipps Adventskalender. Wie könnte es anders sein, als dass hinter den Türchen die witzigsten Geschichten lauern. Doch dann wird er besinnlich und erklärt ganz "ernst": "Unter Schriftstellern ist die Suizidrate auch heutzutage noch hoch. Aber nicht hoch genug."
Philipp - die Person im Buch - erzählt eigene Geschichten, genau wie auch Philipp Tingler gerne Geschichten erzählt. "Juwelen des Schicksals" kann man wie jedes Buch von vorne nach hinten lesen. Man kann aber auch darin blättern und mit einer beliebigen Geschichte beginnen. "Juwelen des Schicksals" ist vielleicht anders zu lesen als "Ich bin ein Profi", der auf eine herrliche Art und Weise mit dem Literaturbetrieb und speziell mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt abrechnet. Dort gibt es einen Zwang weiter zu lesen. Man kann das Buch gar nicht zur Seite legen. Hier
steckt im allgemeinen ein bisschen weniger Fun drin. Aber die richtige Geschichte im passenden Moment lesen ist ein Genuss ersten Ranges.

Klar, dass wir auch von seinem treuen Lebensgefährten Rich hören: Dies brachte uns zum Partnerschaftsgesetz. Philipp findet das gut. "Wenn man will, kann man jetzt quasi heiraten". Aber gibt es denn Rich überhaupt im realen Leben von Philipp Tingler? "Klar gibt es einen sehr realen Rich - zum Glück!"

Wenn wir Philipp Tingler lesen, fragen wir uns manchmal, ob er nicht ein bisschen eitel ist? "Ja, neulich habe ich in irgendeiner Buchbesprechung gelesen, ich sei masslos marken- und körperbewusst", antwortet er und lacht, "aber das ist eine Fehlwahrnehmung. In Wahrheit bin ich total bodenständig und schraube gerne an Motoren herum! Dabei sieht der junge Mann umwerfend gut aus. Bald feiert er seinen 25. Geburtstag. Übrigens: "Ich bin nicht nur dankbar, dass ich West-Berliner bin", so kann man in der Einleitung zu den "Juwelen des Schicksals" lesen, "sondern ich bin auch dankbar für meinen Bauchnabel. Mein Bauchnabel dürfte etwa so aussehen wie der von Natassja Kinski, denn in beiden Fällen war mein Grossvater der für die Abnabelung zuständige Arzt."

Philipp spielte auch Fotomodell. Auch davon lesen wir im neuen Buch: "Zum Beispiel lutschte ich für Langnese-Eis-crème an einer Wurst oder wechselte Reifen für die Bedienungsanleitung eines populären Automobils der Kompaktklasse. Dieser Job führte mich für eine Woche in die Stadt Barcelona, wo viele Dinge passiert sind; ich glaube, ich muss darüber mal ein Buch schreiben."

Arbeitet er bereits an seinem nächsten, an seinem vierten Buch? Nein, das ist noch nicht der Fall, Philipp schreibt schliesslich für etliche Zeitungen und Magazine und an seiner Doktorarbeit. Ausserdem ist er neben dem Schreiben auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsforschung
der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich tätig. Doch es liegt etwas in der Luft - ein Stück für das Theater. Noch ist es nicht fertig geschrieben. Wir warten gespannt.

Zurück zu "Juwelen des Schicksals". Der "Fehltritt in den Dünen" ist eine typisch witzige Philipp Tingler Geschichte. Auf dem Hinweg am 29. Januar sitzen er und Rich bereits im übervollen Flugzeug. Man stelle sich das einmal vor: Am zweiten Tag lernt er im grossen Einkaufszentrum Yumbo mit den vielen Gay-Bars Senor Gustavo, einen Barman kennen, und schreit halb auf dem Tresen liegend "Si, si!", während aus den Lautsprechern "Take me home" von Sophie Ellis-Bextor klingt. Die nächsten Tage wird das Aufstehen immer schwieriger bis die beiden nach einem abendlichen Ausgehen erst um acht ins Hotel kommen. Am zweitletzten Abend schaffen sie es nur noch mit dem Taxi ins Yumbo. Philipp unterhält sich mit einem Muskelmann aus Frankreich, Rich wird von einem englischen Polizisten nach Sheffield eingeladen und ein Luxemburger erklärt, dass alle Homos in der Schweiz in Zürich leben. Philipp lernt einen kräftigen Herrn aus Spanien kennen und erkundigt sich, ob er mit dem Auto gekommen ist. Der Rechtsanwalt früherer Nächte ist wieder da, ebenso der Hüne aus Montenegro. Und plötzlich sitzt Philipp im Jaguar eines katalanischen Hotelmanagers. Nun ist klar, er muss wieder auf Mineralwasser umsteigen. Auf dem Rückweg nähern sich ihnen zwei Männer. Der eine: "Do you want sex?" Philipp: "No thank you.
I want a taxi."
Wir betonen nochmals, dass dies die Figuren Philipp und sein treuer Lebensgefährte sind in "Juwelen des Schicksals".

Mehr über Philipp Tingler unter www.philipptingler.com

"Juwelen des Schicksals", erschienen bei: Kein & Aber, Zürich, www.keinundaber.ch


 

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