Alles andere als eine Selbstverständlichkeit
Wer körperliche Nähe zwischen Männern zeigt, erregt die Hetero-Gemüter

Von Martin Ender

Die Broschüre "Selbstverständlich", für die Pink Cross und die Aids-Hilfe Schweiz verantwortlich zeichnen, ist schon länger auf dem Markt. Doch erst kurz vor der Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz wurde von den Gegnern richtiggehend ein "Porno"-Skandal inszeniert.

Inzwischen ist das Partnerschaftsgesetz angenommen, doch die Wogen sind noch nicht geglättet. Von Steuergeldern ist jetzt die Rede, die da eingesetzt
worden seien für Broschüren , die "an Pornografie grenzen" und "die Faszination des Schwulseins" propagieren.

Erinnerungen an die frühen 90er Jahre werden wach. Damals erschien die Broschüre "Safer Sex für Ledermänner". Die Broschüre entsprach einem grossen Bedürfnis. Die Erstauflage mit 13000 Exemplaren, finanziert aus einem Fond der Loge 70, war denn auch schnell vergriffen. So entschloss sich die Aids-Hilfe Schweiz, eine Neuauflage zu drucken. Prompt wurden Stimmen laut, es würden öffentliche Gelder für eine sehr fragwürdige Aufklärung verschwendet. Und man drohte der Aids-Hilfe Schweiz, das Budget zu kürzen.

In der damaligen wie auch in der heutigen Broschüre wird ohne Umschweife über Sex und Sexpraktiken geredet. Das ist auch wichtig, wenn man über konkrete Prävention reden will. Erotische Bilder, die zwei Männer oder zwei Frauen zeigen, die etwas mehr als nur Händchen halten, müssen dabei zu einer Selbstverständlichkeit werden.

 

Aus Skandal komm raus
Die Broschüre "Selbstverständlich" der Aids-Hilfe Schweiz sorgte für Aufruhr

Von Boris Schneider

Seit Anfang Mai wussten die Gegner des Partnerschaftsgesetzes, dass eine Comingout-Broschüre der Aids-Hilfe Schweiz an Berner Schulen aufgetaucht war. "Skandalös" fanden sie das aber erst in der Woche vor dem Urnengang, als ihre Abstimmungsniederlage bereits unabwendbar schien.

Der Stein des Anstosses ist aus Papier: Im Kanton Bern hat kurz vor der Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz eine von der Aids-Hilfe Schweiz zusammen mit Pink Cross herausgegebene Comingout-Broschüre mit dem Titel "Selbstverständlich" mediale wie politische Wellen geworfen. Der "Schwulen-Flyer sorgt für Empörung: Werden Berner Schüler etwa zu Pornografie und Homosexualität verführt?" fragte die Pendlerzeitung 20 Minuten am 31. Mai. Umgehend schaltete sich die Evangelische Volkspartei der Schweiz ein: "Die EVP ist schockiert", stand auf ihrer Webseite. Die Animierung männlicher Jugendlicher, ihren homoerotischen Gefühlen freien Lauf zu lassen, grenze an die Verführung Minderjähriger.

Bundesrat soll Stellung nehmen
Noch am gleichen Tag reichte EVP-Nationalrat Heiner Studer eine dringliche Anfrage an den Bundesrat ein. Er wolle wissen, ob eine solche Broschüre an Schulen angeboten werden dürfe, da sie tendenziöse Informationen vermittle. Auch interessiere ihn, wie viel an Steuergeldern die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) finanzierte Aids-Hilfe Schweiz für die Herausgabe der Broschüre eingesetzt habe. Die bundesrätliche Antwort stand bis Redaktionsschluss noch aus. In einer Stellungnahme rechtfertigte sich die Aids-Hilfe Schweiz gegenüber den unterschwellig erhobenen Vorwürfen: "Es war nie unsere Intention, dass die Broschüre ohne Begleitmassnahmen an Schulen verteilt wird", sagt Pressesprecher Thomas Lyssy zum Cruiser. Deshalb will man künftig "Abläufe und Bestellformalitäten" auf der Webseite so gestalten, dass solche Druckmaterialien nicht ohne flankierende Massnahmen oder auf speziellen Wunsch hin an den Schulen des Landes auftauchen. Ein derartiger Vorfall werde sich nicht wiederholen. Die Broschüre sei seit dem letzten Dezember erhältlich gewesen. Probleme habe es aber damit bis zum Fall in Bern keine gegeben.

Bewusst produzierter Skandal vor der Abstimmung
Die Probleme waren auch nicht gravierend, sondern eher selbstgemacht - und zwar von Gegnern des Partnerschaftsgesetzes. Diese griffen termingerecht in die Trickkiste und machten den Vorfall, der ihnen schon seit längerem bekannt war, eine Woche vor der Volksabstimmung plötzlich gegenüber den Medien publik. Tatsächlich wird aber der "Skandal" um die Broschüre bereits am 2. Mai - also mehrere Wochen vor dem Hype - in einer Kolumne gegen das Partnerschaftsgesetz des Berner Psychiaters und Familientherapeuten Wilfried Gasser auf der Internet-Seite Jesus.ch erwähnt. In seiner Kolumne holt Gasser zu einer Breitseite gegen die Schwulen aus: "Aus meiner Sicht gehören Homosexualität, pädophiles Empfinden, Transsexualität, Sexsucht, sadomasochistische Tendenzen, häufiger Partnerwechsel etc. alle unter eine Überschrift", schreibt er. Das Partnerschaftsgesetz würde es noch schwieriger machen, diesen veränderungswilligen und sexuell zerbrochenen Menschen wirklich Hilfe anzubieten, heisst es dort.
Wilfried Gasser ist kein Unbekannter
Wilfried Gasser war es auch, der in der Woche vor dem Urnengang in personam zur Dreckschleuder greift und den "Skandal" rund um das Comingout-Heftchen an die Medien trägt. Dass
seine Politiker-Kollegen im Nationalrat umgehend auf den Zug aufspringen würden - Gasser selber sitzt für die EVP im Berner Grossen Rat - war zu erwarten. Psychologe Gasser ist in verschiedenen evangelischen Gemeinschaften wie etwa der Chrischona aktiv. Die Homophobie zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen. Textbeiträge aus seiner Feder erscheinen regelmässig in evangelischen Medien oder auf christlichen Internet-Portalen wie Livenet.ch und Jesus.ch.

Der Psychiater ist wie viele aus seinen Kreisen überzeugt von der Heilbarkeit der Homosexualität. Er sympathisiert auch offen mit Wüstenstrom, einer religiös und pseudowissenchaftlich angehauchten Organisation, die "homosexuell empfindenden Menschen beim Ausstieg aus ihrer Verwirrung" helfen will. Wüstenstrom Schweiz wurde erst in diesem Jahr vom ehemaligen Schwulen Rolf Rietmann gegründet und versteht sich als "Organisation für Menschen, die Fragen und Probleme bei ihrem Frau- oder Mann-Sein empfinden". Rietmann selber ist bei seinen christlichen Kampfgenossen der geheilte Schwule zum Vorzeigen. Die Spezies des "geheilten Schwulen" ist in evangelikalen Kreisen sowieso en vogue: Auch in dem vom christlichen Männerforum herausgegebenen Blättchen "Männer aktuell" tauchte Anfang Juni der Erfahrungs
bericht eines Ex-Schwulen auf. Unter dem Titel "Ein Homosexueller begegnet der Vaterliebe" erfährt man, wie dieser "nach einem langen und schmerzhaften Heilungsprozess" heute glücklich verheiratet und stolzer Vater ist. Gott möge dessen Kinder - die männlichen - schützen.

Zum Thema Wüstenstrom
Die Ex-Gay-Bewegung schwappt aus den USA zu uns. Dort haben sich die "Ex-Gay"-Organisationen schon 1976 unter dem Dachverband Exodus International zusammengeschlossen. Darunter verstecken sich verschiedene kleinere Organisationen, wie zum Beispiel "The Truth about Homosexuality". Diese war Anfang des Jahres 2000 zu Bekanntheit gelangt, als sie den 21-jährigen Wade Richards den amerikanischen Medien als geheilten Schwulen präsentiert hatte. Im September 2000 hatte der Spuk ein überraschendes Ende, als Richards sich als Ex-Ex-Gay outete und zugab, für die Auftritte von der Organisation bezahlt worden zu sein. Er gestand vor der Presse: "Es gab in meinem Leben schon viele Höhen und Tiefen. Aber wenn es etwas Beständiges gibt, dann ist das mein Schwulsein."

Exodus selber machte von sich reden, als ihr Vorsitzender für Nordamerika, John Paulk, in einer Schwulenkneipe in Washington D.C. erwischt wurde. Seine Reaktion: Er habe in der Bar nur pinkeln wollen. Unterhalb des Exodus-Daches finden sich neben anderen teils undurchsichtigen Organisationen auch die Desert Stream Ministries.

Der kalifornische Pastor Andrew Comiskey, ein angeblich geheilter Schwuler, will Schwule und Lesben mit Hilfe des Glaubens heilen: Er hat das christliche Heilungs- und Jüngerschaftsprogramm Living Waters entwickelt, das auch in den deutschsprachigen Ländern unter dem Namen Wüstenstrom zahlreiche Ableger hat.

Der frühere Chefumpoler von Living Waters Deutschland ist inzwischen von der prinzipiellen Unveränderbarkeit der sexuellen Orientierung überzeugt. Vom Ex-Gay zum Ex-Ex-Gay mutiert, hilft er mit seinem Projekt "Zwischenraum" von Basel aus den Gläubigen aus der Fundi-Szene, ihre sexuelle Orientierung zu akzeptieren.

Rolf Rietmann von Wüstenstrom Schweiz präsentiert sich gerne als geheilten Schwulen. Rietmann ist heute verheiratet und gehört zur "Gemeinde von Christen", GVC Winterthur, einer Freikirche der Evangelischen Allianz.


 

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