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Die Demo, die ganz einfach
danke sagte!
Auf Hunderten
von Tafeln und in Tausenden von Gesichtern stand es zu lesen:
Danke Schweiz. Merci, Grazie, Grazcha
Von Martin Ender
In den vergangenen
Jahren waren die CSD-Demos und der Pride-Umzüge verknüpft mit
Forderungen nach Rechten und Anerkennung. Jetzt konnte die Community in
Luzern endlich ihren Sieg feiern. Zwei Wochen nach der Abstimmung über
das Partnerschaftsgesetz kamen Männer und Frauen aus allen Landesteilen
angereist. Im Vordergrund stand der Dank an die Schweiz.
Viele rechneten insgeheim
damit, dass das eidgenössische Partnerschaftsgesetz angenommen würde.
Dass die Zustimmung so klar ausfiel, ist natürlich Anlass zu grosser
Freude. Die Stimmbeteiligung war hoch, und gesamtschweizerisch konnten
58% Ja-Stimmen verzeichnet werden. 16 Kantone und ein Halbkanton haben
dem Gesetz zugestimmt, in einigen der ablehnenden Kantone fehlten nur
wenige hundert Stimmen.
Es ist ein starkes Zeichen der Mehrheit der Bevölkerung, dass sie
die Homosexuellen als Teil der Gesellschaft akzeptiert. Auf der andern
Seite steht aber immer noch eine starke Minderheit, die der Homosexualität
ablehnend gegenübersteht und den Homosexuellen nach wie vor mit Skepsis
und mit Vorurteilen begegnet. Den schwullesbischen Organisationen und
Verbänden wird die Arbeit so schnell nicht ausgehen.
Im internationalen Vergleich darf sich die Schweiz sehen lassen. Für
einmal steht sie in einer Frage der gesellschaftspolitischen Entwicklung
nicht als Schlusslicht da. Und das Ja zu mehr Offenheit wurde nicht durch
die Politik von oben verordnet, wie in andern Ländern, sondern kam
einzigartig durch einen demokratischen Entscheid des Volkes zustande.
Und diesem Entscheid gingen landesweit viele Diskussionen voraus. Herr
und Frau Schweizer mussten sich mit diesem Thema beschäftigen.
So gesehen, steht
keinem Schwulen und keiner Lesbe in der Schweiz mehr etwas im Wege, von
jetzt an offen und selbstbewusst aufzutreten. Die Anerkennung ist politisch
abgesegnet, auch wenn das Gesetz wie angekündigt erst ab 1. Januar
2007 in Kraft treten wird.
Somit ist auch noch
genug Zeit, sich vorzubereiten, sich zu überlegen, ob man den Weg
zum Standesamt gehen will oder nicht. Nach den Sommerferien wird der Cruiser
in einer Reihe von Artikeln aufzeigen, was eine amtlich besiegelte Bindung
für Vorteile bringt (Rechte) und was für Nachteile (Pflichten).
Als Entscheidungshilfe für alle, die sich überlegen, die bisherige
emotionale Bindung mit der staatlich anerkannten Bindung zu ergänzen.
Dass es diese Möglichkeit nun gibt, dafür sagen wir nocheinmal:
Danke Schweiz. Merci, Grazie, Grazcha.
Die Pride zuhaus
Wie ein Luzerner die Pride05 erlebte
Von Roman Ulrich
Ungebetene Gäste
als Attraktion
Luzern zeigt sich im Sonnenschein von seiner Postkarten-Seite, als ich
mich kurz vor 13.00 auf mein Fahrrad schwinge und an der regenbogenbeflaggten
Bahnhofstrasse vorbei über die Seebrücke Richtung Löwenplatz
fahre. Nach Bern, Sion und Genf schon einigermassen Prideerfahren, ist
es doch ein anderes Gefühl, sich auf heimatlichem Boden in die Höhle
des Löwen zu wagen. Und die scheint mich und die anderen Pride-Besucher/innen
zunächst in der Denkmalstrasse zu erwarten: Zeitweise kniend versuchen
die Männer der Priesterbruderschaft Pius X., den Schaden der auf
Luzerner Boden zur Schau gestellte Sünde durch beherztes, megaphonunterstütztes
Beten zu begrenzen. Die Transparente der selbsternannten Moralapostel
mit Frohbotschaften wie "Der Tsunami lässt grüssen!"
oder "Homosexualität ist heilbar!" lassen keine Fragen
offen, in welchen Kategorien hier gedacht und argumentiert wird. Selbst
die in schicken schwarzen T-Shirts gekleideten Luzerner Stadtpolizisten
scheinen sich über den unaufgefordert angereisten seelischen Beistand
zu amüsieren. Die Pride-Besucher/innen ihrerseits zücken ganz
einfach ihre Kameras und freuen sich über ein gelungenes Fotosujet,
mit dem sie zuhause in Niderbipp, Oberengstringen oder Villars-sur-Glâne
auftrumpfen können.
Luzerns heterosexueller
Bürgermeister
Das Blitzlichtgewitter zieht erst ab, als die obligaten Pride-Reden, diesmal
in sämtlichen vier Landesprachen und für Gehörlose übersetzt,
beginnen. Stadtpräsident Urs W. Studer begrüsst in schönstem
français fédéral die Gäste in der Leuchtenstadt,
augenzwinkernd sowohl die Homo-, Hetero-, als auch Asexuellen. In seiner
Rede zitiert er unter anderem seinen schwulen Berliner Amtskollegen Klaus
Wowereit: "Das Stimmvolk sagte Ja zum Partnerschaftsgesetz. Und das
ist gut so." Ausdrücklich betont Luzerns Stadtoberhaupt, dass
die Stadt über eine lange liberale Tradition verfüge und dass
aus diesem Grund auch Andersdenkenden wie etwa der Priesterbruderschaft
Pius X. das Recht auf freie Meinungsäusserung zugestanden werde.
Höhepunkt der Redebeiträge ist Fritz Lehres (Präsident
FELS) charismatischer Auftritt, der für seine glänzend formulierte
Rede ("Ein homosexuelles Kind kann in jeder heterosexuellen Familie
vorkommen.") einen lang anhaltenden und tosenden Applaus erhält.
Ein "rüüdig"
buntes Volksfest
Schliesslich setzt sich der bunte Tross in Gang, angeführt von einer
Luzerner Guggenmusik, an der Fasnacht sonst eher Inbegriff für trinkfreudiges
und bodenständiges Heterotum. Später wird im Village gemunkelt,
dass sich unter den "Grinde" sprich Masken die schönsten
Männer der Parade versteckt hätten. Knapp 10000 Leute säumen
die engen Altstadtgassen, eine ältere Dame sagt zu ihrer Kollegin
in breitestem Luzerner Deutsch: "Ech fend das eifach guet, dass die
sech do so ohni Hemmige eifach zeigid." Als Freunde von mir einen
kleinen Käseladen an der Umzugsroute zwecks Bierbeschaffung betreten,
werden sie zunächst wie Marsmenschen bestaunt. Schliesslich ist es
aber ganze 21 Jahre her, seit Luzern zum letzten Mal mit einer Pride beglückt
wurde, da ist man nachsichtig und lässt auch zooähnliche Erfahrungen
über sich ergehen. Lockerer ist dann die Stimmung am Abend im Village,
in dem sich Pride-Besucher/innen und Stadtbevölkerung in Volksfestmanier
bei Bratwurst und Bier durchmischen.
Eine rappelvolle
Kirche
Die Kampagne der Priesterbruderschaft Pius X. scheint ihren Erfolg nicht
zu verfehlen und sich als Eigentor zu erweisen, jedenfalls ist die Franziskanerkirche
zum abendlichen ökumenischen Wortgottesdienst bis auf den letzten
Platz gefüllt. Von weitem erblicke ich meinen ehemaligen Religionslehrer,
der als Türsteher amtet und potentielle Störer zur Räson
bringen soll. Pfarrer Baumann und seinem Team merkt man die Anspannung
rund um die Kontroversen des Pride-Gottesdienstes deutlich an. Dieser
verläuft dann im Grossen und Ganzen reibungslos, für ein kurzes
Intermezzo sorgt lediglich eine Frau, die auf die Kanzel steigt und zur
Busse aufruft. Für einen Moment stockt den am Gottesdienst teilnehmenden
Lesben und Schwulen der Atem. Zu einem äusserst emotionalen Moment
kommt es danach beim gemeinsamen Lied "Ubi Caritas", der wohl
verbindendsten Geste der Pride05, wie nach dem Gottesdienst auch Teilnehmer/innen
versichern, die sonst mit der Kirche nichts am Hut haben.
Parties mit Zwischentönen
und Ausreitungen
Mit Einbruch der Dunkelheit glaubt man sich in der Innerschweiz angesichts
der drei lesbischwulen Parties für einmal an den Status Quo des Zürcher
Nachtlebens erinnert. Dass für die Nacht Hetero-Clubs zweckentfremdet
worden sind, macht das vorbeugend und wohl aus Angst aufgehängte
Plakat "no sex! no darkroom!" in der Kino-Lounge des Clubs "ABC
Mixx" klar. Auch die sichtlich angewiderten Blicke der "ABC"-Türsteher
angesichts sich küssender Männer holen einem schnell auf den
Boden der Realität zurück. Der Club "Loft" stellt
sich bei der Durchführung seiner Pride-Party ebenfalls nicht gerade
geschickt an, da viele Besucher/innen unwissentlich auf einer lesbischwulen
Party tanzen. Nichtsdestotrotz feiern die partywütigen Pride-Gänger/innen
bis früh in den morgen, so auch im Casino zu Altbewährtem aus
der Plattenkiste der 70er und 80er, während frisch zusammen geschnittenes
Bild-Material von der Pride über eine Grossleinwand flimmert. Mittendrin
entdecke ich Eugenia Binz, die Präsidentin des Organisationskomitees,
sichtlich erschöpft nach "ihrem" geglückten Tag. Vor
dem Club "ABC Mixx" endet ein für Luzern äusserst
bewegender 18. Juni 2005 dann leider morgens um vier mit einer wüsten
Schlägerei. Als ich nach Hause fahre, klingt das "schwule Sau"
des Schlägers immer noch in meinen Ohren. Alles haben wir scheinbar
noch nicht erreicht.
Eine Internetlösung der  |