Ingrassia wirft das Stoffwechsel-Tuch
Einschränkungen der Öffnungszeiten verhindern After-Hour

Von Boris Schneider

Der nach der grossen Razzia erst kürzlich wiedereröffnete Zürcher Club Stoffwechsel 15 ist jetzt definitiv zu. Polizeivorsteherin Esther Maurer hat die Öffnungszeiten derart eingeschränkt, dass an ein Weitermachen als After-Hour-Club nicht zu denken ist. Die Betreiber resignieren und hören auf.

Die Zürcher Partyszene kommt nicht zur Ruhe - was eigentlich falsch ist, denn faktisch kommt sie immer mehr zur Ruhe: In der Woche vor dem Zürcher CSD hat die Polizei dem Stoffwechsel 15 defintiv den Todesstoss versetzt. Wir
erinnern uns lebhaft: Am 3. April durchkämmten 140 Polizeibeamte anlässlich einer Grossrazzia die beiden Clubs Spider Galaxy und Stoffwechsel 15 im Zürcher Industriequartier. Wegen diverser baulichen Mängeln und den gefundenen Drogen wurden beide Clubs vorübergehend geschlossen. Das Spider Galaxy schloss definitiv, der Stoffwechsel 15 wurde von den beiden Betreibern Gianfranco Ingrassia und René Hagen am 22. April nach einigen baulichen Veränderungen mit neuem Sicherheitskonzept und neuer Hausordnung wieder eröffnet. So war es den Besuchern etwa neu untersagt, sich in Gruppen von zwei oder mehr in die Toiletten einzuschliessen und zwei bullige Sicherheitsleute von Protectas patrouillierten rastlos zwischen den Tanzenden.

After-Hour-Parties
Auch nach der Wiedereröffnung wurden im Stoffwechsel 15 sogenannte After-Hour-Parties gefeiert. Das sind Anlässe, die in aller Regel von Leuten besucht werden, die morgens um sechs Uhr noch nicht schlafen wollen - oder können. Entsprechend hektisch geht es dort manchmal auch zu und her. Der Stoffwechsel war am Freitag von 23 Uhr bis Samstag mittag geöffnet und von Mitternacht am Samstag abend bis um 16 Uhr am Sonntag nachmittag.
Das wiedereröffnete, bunte Treiben hat jetzt aber nur ein klein wenig mehr als einen Monat gedauert: Mit Verfügung vom 26. Mai wurde dem Stoffwechsel 15 die "Bewilligung zur dauernden Hinausschiebung der Schliessungsstunde für das Restaurant Stoffwechsel" entzogen und die verbliebenen Öffnungszeiten wurden zusätzlich massiv eingeschränkt: "Aufgrund der Tatsache, dass die sog. After-Hour-Parties mit den entsprechenden Begleiterscheinungen, insbesondere auch in der Zeit nach 04 Uhr bis in den Mittag stattfinden, lässt es sich ebenfalls rechtfertigen, die Öffnungszeiten einzuschränken und das Lokal zwischen 05 Uhr und 11.30 Uhr geschlossen zu halten".

Per Verfügung geschlossen
Die Verfügung aus dem Zürcher Polizeidepartement - von Amtsvorsteherin Esther Maurer persönlich unterzeichnet - erwischte die Stoffwechsel-Betreiber Gianfranco Ingrassia und René Hagen auf dem falschen Fuss: "Wenn ich das Lokal zwischen fünf Uhr morgens und mittags geschlossen halten muss, kann ich am Sonntag die After-Hour nur zwischen dem Mittag und Mitternacht machen", klagt Ingrassia dem Cruiser sein Leid. Dies würde aber nicht funktionieren, weil zwischen der Schliessung anderer Clubs in der Umgebung und dem Mittag eine Lücke entstünde. Angesichts dieser massiven Einschränkungen haben sich Ingrassia und Hagen zum Aufhören entschieden, obwohl ein Rekurs von ihrem Anwalt noch hängig ist.
Die genauen Gründe für den Bewilligungsentzug und die Einschränkung der Öffnungszeiten finden sich in der Schliessungsverfügung des Polizeidepartementes: Die Bewilligung für die dauernde Hinausschiebung der Schliessungszeit könne bei nachteiligen Auswirkungen, namentlich bei wiederholten Störungen der Nachtruhe oder der öffentlichen Ordnung, jederzeit entzogen werden, heisst es da. Im Stoffwechsel sei seit mehreren Monaten nachweisbar offen mit Drogen gehandelt worden. Genauso sei offensichtlich geworden, dass diese Zustände duch den Patentinhaber und das Sicherheitspersonal toleriert worden sind, schreibt das Polizeidepartement weiter. Seit der Eröffnung des Lokals seien zudem bei der Stadtpolizei mehrere Reklamationen eingegangen. Die Mitarbeitenden der gegenüber domizilierten Firmen ZKB und Kuoni hätten sich mehrmals über "starke Verschmutzungen mit Fäkalien und Abfall aller Art" in der Umgebung des Lokals beschwert.

Nichts als Lob bei zwei Polizeikontrollen
Was Ingrassia am meisten stört, ist die Tatsache, dass Mannen aus Maurers Departement dem Club seit der Wiedereröffnung zweimal einen Besuch abgestattet hatten und es bei diesen Mini-Razzien offenbar nichts zu bemängeln gab: "Wir hatten zweimal Besuch von sechs Polizisten. Sie schauten sich im Club und auf den Toiletten um. Dann klopften sie uns Betreibern und den Protectas-Leuten auf die Schulter, meinten, dass wir so weitermachen sollten und gingen wieder." Dass Polizeivorsteherin Maurer jetzt dennoch zur Schliessungskeule greift, ist für Ingrassia das Resultat des Drucks durch die Manager von ZKB und Kuoni aus dem gegenüberliegenden Bürogebäude.
Tatsache ist, dass in Zürich seit der Razzia in Spider Galaxy und Stoffwechsel 15 im April ein rauher Wind für Partyveranstalter weht. Innerhalb von nur zwei Wochen wurde etwa die Boschbar, eine illegale Bar an der Geroldstrasse, sowie ein Partylokal in einem Keller an der Elisabethenstrasse im Kreis 3, von der Polizei geschlossen. Für viele Exponenten der Partyszene ist klar, dass Polizeichefin Maurer in Zürich aufräumen will. Ganz getreu der auf gelben Plakaten in der ganzen Stadt verkündeten Maxime: "Erlaubt ist, was nicht stört".

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