In den Ländern Osteuropas ist Schwulsein kein Schleck
Acht von zehn Bulgaren akzeptieren Homosexualität nicht – Der EU-Beitritt allein wird das Problem nicht lösen

Von Thomas Borgmann

Erst 2002 wurde auf Druck der EU--Kommission in Bulgarien ein Artikel, der homosexuelles Verhalten in der ÷ffentlichkeit unter Strafe stellte, fallengelassen. Jetzt demonstrierten in Sofia Schwule und Lesben erstmals öffentlich für ihre Rechte. Gerade mal zehn Teilnehmer zählte im Mai die erste Gay Pride-Demonstration des Landes.

Mitten im Herzen Sofias, in einer Parallelstrasse zum Vitoscha Boulevard – der prominentesten Flanier- und Einkaufsmeile des Landes – liegt das Büro der ´Queer Bulgaria Foundation´. Eine Regenbogenfahne vor bröckelndem Putz macht Eingeweihte auf die schwul-lesbische ´Oase´ in der 1,2 Millionen-Stadt aufmerksam. Verglichen mit westeuropäischen Metropolen ist die bulgarische Hauptstadt unter dem Aspekt des Gay-Lifes eher dürre Wüste. Gerade einmal fünf Bars und eine Disco – die Zahlen schwanken – verzeichnet der Gay Guide hier. Für den Rest des Landes ist Entdecker-Geist gefragt. Eine ´schwule Infrastruktur´ gibt es in Bulgarien ausserhalb der Hauptstadt kaum, doch natürlich findet das wachsame Auge auch andernorts immer wieder mal eine ´einschlägige Ecke´ – sei es in den angesagten Clubs oder aber an den FKK-Abschnitten der touristischen Badeorte wie Sonnenstrand, Albena oder Goldstrand.

Neuer Antidiskriminierungsartikel
Schwules Leben findet in Bulgarien auch heute noch meist hinter verschlossenen Türen statt. Immerhin wird ´homosexuelles Verhalten in der Öffentlichkeit´ erst seit September 2002 nicht mehr unter Strafe gestellt. Vorher konnte der Austausch gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit mit einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Erst eine Rüge der EU-Kommission konnte die bulgarische Regierung erweichen, diese heiklen Passagen aus ihrem Gesetzbuch zu streichen. Im Hinblick auf den geplanten EU-Beitritt im Jahr 2007 ist die Regierung derzeit zu einigen Konzessionen und Anstrengungen bereit. So existiert seit dem 1. Januar 2004 auch in Bulgarien ein Antidiskriminierungsartikel nach dem Vorbild der EU, das jegliche Diskriminierung aufgrund von sexuellen Neigungen verbietet. Damit haben Schwule und Lesben endlich eine gesetzliche Grundlage, auf die sie sich bei Übergriffen der Polizei oder bei Diskriminierungen am Arbeitsplatz vor Gericht berufen können.

Schwule klagen gegen Universität
Dass die rechtlichen Möglichkeiten nicht nur auf dem Papier existieren, zeigt ein Fall, der erst kürzlich das Thema in die bulgarischen Medien brachte. Als vier schwule Männer Ende letzten Jahres die St. Kliment Ohridsky Universität von Sofia verklagten, weil diese ihnen aufgrund ihrer sexuellen Identität den Zugang zu dem universitären Sportzentrum verweigern wollte, sprach das Gericht ihnen Recht zu. Per Richterspruch wurde der Sofioter Universität die Ausgrenzung der schwulen Männer vom Hochschulsport untersagt und diese mit je 500 Lewa (ca. 300 sfr) für das Unrecht entschädigt. Wichtig ist vor allem die Signalwirkung, die dieses Urteil für die Schwulen und Lesben in Bulgarien hat. Erstmals konnten sie ihre Rechte gegenüber einer so mächtigen Institution wie der Universität von Sofia und ihrem federführenden Direktor Boyan Biolchev durchsetzen und sich erfolgreich gegen die Diskriminierung wehren.

Ivelin Jordanov, offen schwuler Politiker
´Das Urteil wird zahlreichen homosexuellen Menschen in Bulgarien Mut machen, für ihre Rechte zu kämpfen und sich freier und sicherer in unserer Gesellschaft zu fühlen´, betont Ivelin Jordanov. Er ist einer der Gründungsmitglieder der ´Queer Bulgaria Foundation´ und als Mitglied der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) der erste offen schwule Politiker des Landes. Doch trotz dieses historischen Erfolgs geht auch er davon aus, dass viele bulgarische Homosexuelle noch immer zu stark eingeschüchtert sind, um diskriminierende Vorfälle überhaupt zu melden beziehungsweise sich öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen. Der EU-Beitritt allein wird das Problem der Diskriminierung nicht lösen, sondern muss vielmehr von der Bevölkerung her angegangen werden. Und die gilt noch immer als äusserst homophob. Die Geschlechterrollen sind in Bulgarien noch sehr traditionell definiert und lassen für gleichgeschlechtliche Liebe keinen Platz.

Starke Ablehnung in der Bevökerung
In einer Umfrage des bulgarischen Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2001 gaben rund 81 Prozent der Befragten an, dass sie Homosexualität nicht akzeptieren würden. Gerade einmal fünf Prozent hatten keinerlei Einwände gegen die Liebe zum gleichen Geschlecht. Andererseits gilt transsexuelles oder schwules Verhalten in der Popkultur als schick und trendy. Ein aktueller Video-Clip des Sängers Azis zum Beispiel zeigt den Superstar des bulgarischen Pop-Folk bei einem homosexuellen Geschlechtsakt in einer Kirche in so eindeutiger Pose, dass das Video hierzulande glatt auf dem Index landen würde. In seinen Live-Shows tritt der übergewichtige Sänger fast immer als Drag-Queen in einem bizarren Outfit auf, das jede Frage nach seiner sexuellen Orientierung überflüssig erscheinen lässt. In Interviews doch immer wieder danach gefragt, betont Azis hingegen immer wieder seine Absicht, eine Frau heiraten und Kinder zeugen zu wollen. Schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine Marketing-Strategie handelt, mit der sich der erfolgreiche Sänger länger interessant halten will, oder ob in Bulgarien sogar ein populärer Transvestit einen Karriereknick befürchten muss, wenn er sich als Schwuler outet.

2005: erste Gay Pride-Demonstration
Aber auch wenn sich Azis nicht zur Homosexualität bekennen mag, dürften seine gewagten Auftritte und Video-Clips schon allein dafür sorgen, dass Tabus allmählich gebrochen und die traditionellen Geschlechterrollen und starren Vorstellungen von sexueller Norm in Frage gestellt werden. Schwul-lesbisches Leben in Bulgarien wagt langsam den Schritt in die Öffentlichkeit. So fand am 2. Juli dieses Jahres im Zentrum von Sofia erstmals der ´Pink Point´ statt, ein Informationsstand mit Büchern und Zeitschriften zum Thema. Wenige Wochen zuvor, am 7. Mai 2005, demonstrierten in Sofia Schwule und Lesben erstmals öffentlich für ihre Rechte. Nur zehn Teilnehmer zählte die erste Gay Pride-Demonstration des Landes, aber die neue Erfahrung, das Recht auf ihrer Seite zu wissen, dürfte der Gay-Bewegung in Bulgarien deutlichen Auftrieb geben. Welcome to Bulgayria – das Land befreit sich auch damit ein ganzes Stück von seiner auch sonst schwierigen Lage am südöstlichen Rand des europäischen Kontinents.


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