Vom Heuboden an den Plattenteller
Wie ein Landwirt die Luzerner Szene aufmischt

Von Roman Ulrich

Mike (35) hat das Heu gleich auf mehreren Bühnen: Er ist Landwirt und Partyorganisator in einem. Mit ´Menergy´ mischt er seit rund einem Jahr Luzerns schwule Party-Szene auf, daneben produziert er auf seinem Bauernhof Natura-Beef aus artgerechter Label-Haltung und betreibt Ackerbau. Den exotisch anmutenden Spagat zwischen Kuhglockengebimmel und wummernden Club-Bässen schafft er dabei spielend. Ein Report aus dem Luzerner Mittelland.


Die Anfänge des Party-Bauers
Ein grosses Bauernhaus mit gepflegtem kleinen Vorgarten, daran angebaut eine Scheune, saftig-grüne Wiesen, junge Kätzchen, die gerade von ihrer Mutter gesäugt werden; kurz die perfekte Landidylle. Hier lebt und arbeitet Mike, in dessen Leben es indes keineswegs beschaulich zu und her geht. Schon im Teenie-Alter versetzte der sympathische Jungbauer Luzern-Land mit seinen Parties in Aufruhr, damals beschallte man allerdings noch ein heterosexuelles Publikum. Eine miese Sylvesterparty und der Wille, es besser zu machen, waren zunächst Auslöser, mit eigenen Veranstaltungen zu punkten, wie Mike erzählt. Im Frühling 2004 gründete der Self-Made-Mann dann mit rund zehn schwulen Freunden einen eigenen Verein mit dem Ziel, in Luzern rund vier Parties pro Jahr zu veranstalten. Unter anderem wollte man den Zürchern das Party-Feld nicht kampflos räumen, sprich dem wochenendlichen Massenexodus der LU-Kontrollschilder in die Zwinglistadt entgegenwirken. Nicht zuletzt ging es auch darum, ´den Spiess umzudrehen und auch einmal einige Zürcher und Berner in die Leuchtenstadt zu locken´, wie Mike betont. Gesagt, getan. Seither bildet ´Menergy´ neben dem altbewährten Uferlos und den schwulen Freitagnächten im Loft ein neues Herzstück des Luzerner Nachtlebens. Wähnte man sich an der ersten Party-Location im Emmenbrücker Zentrum Gersag wahlweise in einem Luftschutzkeller oder einer Tropfsteinhöhle, wartet Menergy mit dem in Luzern bestens bekannten Club Adagio im Hotel Flora seit der letzten Party nun auch mit einer angemessenen Party-Umgebung auf. Entsprechend positiv seien die Rückmeldungen der Partygäste denn auch gewesen, bilanziert Mike.

Gucci-Tussis vs. Kuhmist
Auch wenn die schwulen Nächte in der Stadt über die Bühne gehen, die logistische Party-Power kommt vom Bauer. Mikes Schaltzentrale in Egolzwil LU unterscheidet sich dabei kaum vom durchschnittlichen schwulen Schweizer Haushalt: In der Küche hängt ein regenbogenfarbener Schlüsselanhänger, verschiedene Männer zieren die Wände und auf dem Computer trudeln die Gayromeo-Mitteilungen ein. Mike ist Bauernsohn und so war es denn klar, dass er den Hof eines Tages von den Eltern übernehmen würde. Er sei aber zu nichts gedrängt worden. So manches Gucci-Tussi aus der Metropole würde wohl beim Gedanken an Kuhmist nach Luft japsen, Mike aber nimmt’s gelassen: ´Auch Markenklamotten werden schmutzig [lacht]. Es kommt jedoch kaum vor, dass jemand die Nase rümpft, wenn ich im Ausgang meinen Beruf erwähne. Ich höre oft: Cool, das hätte ich dir nicht gegeben! Wie mit den in den Medien oft gezeigten schrillen Schwulen verhält es sich auch mit den Bauern. In den Medien erscheinen meistens nur Hinterwäldler, manchmal auch ungepflegte kauzige Typen, wenn möglich noch mit der Mistgabel in der Hand. Das ist dann das Bild, welches in den Köpfen der Leute hängen bleibt.´ Mike glaubt nicht, dass er in der ländlichen Umgebung wegen seines Schwulseins in irgendeiner Hinsicht diskriminiert werde. Er habe nie negative Erfahrungen gemacht und das, obwohl er mittlerweile mehr oder weniger offen schwul lebe. Einzig sein relativ spätes Coming-Out mit 30 Jahren hätte in der Stadt wohl bedeutend früher stattgefunden. Einen festen Partner hat Mike im Moment nicht, er wünscht sich aber für die Zukunft ´irgend einmal ein passendes Gegenüber mit allem drum und dran.´ Es sei dem Traumprinzen aber selbst überlassen, ob er auf dem Hof mit anpacken wolle oder nicht.

Land- und Nachtleben
Es kann vorkommen, dass der Landwirt auf dem Höhepunkt der Stimmung eine Party verlassen muss. Zwar betreibt Mike Fleischwirtschaft, das heisst die Kühe müssen nicht gemolken werden, dennoch bleibt die Verantwortung für die Tiere, die ihren Meister auch am Wochenende spätestens morgens gegen neun Uhr im Stall zurückerwarten. ´Klar, manchmal denke ich schon, wie schön es wäre, am Freitagabend mit dem Gefühl ins Wochenende zu starten, dass man jetzt zwei Tage frei hat. Aber man arrangiert sich´, so Mike zu seinem Spagat zwischen Szene und Bauernhof. ´Irgendwie holt man sich halt in jeder der zwei Welten das, was man in der anderen nicht hat´, bilanziert der Party-Bauer mit einem Lachen im Gesicht. An der schwulen Szene bemängelt Mike, vor allem die seiner Meinung nach vorherrschende Konsumhaltung und das fehlende Herzblut mancher Partymacher, Neues und Innovatives auf die Beine zu stellen: ´Die Szene hat sich sehr verändert. Die Leute sind ziemlich wählerisch geworden. Heute hat ein 20jähriger mehr oder weniger schon alles gesehen, was es ausgangsmässig für Schwule zu konsumieren gibt. Hier spielt sicher auch das Internet eine Rolle. Kommt hinzu, dass das Geld nicht mehr so locker in der Tasche liegt.´ Schwule Parties zu organisieren sei bisweilen schwierig, Neid und Missgunst würden oft für böses Blut unter verschiedenen Veranstaltern sorgen. ´Ich wünsche mir mehr Kommunikation und Ehrlichkeit untereinander´, so Mikes Wunsch an den zwischenmenschlichen Umgang in der Szene. Die vier Menergy-Parties pro Jahr sieht er nicht als Konkurrenz zum Status Quo des Luzerner Nachtlebens, ein bisschen Polemik am Rande bringt er dann doch an: ´Auf keinen Fall wollen wir Bestehendes konkurrieren, sondern ergänzen und Luzern gaymässig bereichern. Das Zielpublikum soll anders als beispielsweise im Loft mit eher jungem Publikum gut durchmischt sein.´

Der Bauer als DJ
Bekanntheit über die Kantonsgrenzen dürfte Menergy an der diesjährigen Pride in Luzern erhalten haben. Mikes Truppe veranstaltete im Juni in Luzerns Altstadt-Gassen eine Autowasch-Fahrt der unzüchtigeren Sorte, während der man auch gleich noch ein exhibitionistisches Oben-Ohne-Girl aus den Reihen der Zuschauer aufgabelte. ´Die Pride 05 war der Hammer´, findet der Luzerner Partyorganisator. Viel Zeit für das Schwelgen in Erinnerungen bleibt allerdings nicht, denn am 10. September findet bereits die nächste Menergy-Sause in Luzern statt. Der Bauer höchstpersönlich wird dann im zweiten Foyer-Floor auch für ein kurzes Set an den Plattentellern hantieren. Direktzahlungen gibt’s dafür aber garantiert nicht.


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