Die Goldene Stadt im Freiheitsrausch
Seit dem Fall des Kommunismus boomt die Gay-Szene in Prag

Von Thomas Borgmann

In vielen osteuropäischen Ländern hat sich die schwule Szene nach der politischen Wende nur mässig entwickelt. In Prag ist das anders. Schwule und Lesben treffen hier auf deutlich mehr Akzeptanz und auf eine boomende einschlägige Infrastruktur.

Seit der Öffnung der Landesgrenzen zum Westen lockt Prag mehr Besucher an als Venedig oder Florenz. Und das aus gutem Grund: Die tschechische Hauptstadt trägt ihren Beinamen «Goldene Stadt» wieder zu Recht. Die Tristesse aus der Zeit des Kommunismus ist längst Geschichte. Prag hat seinen 800 Hektar grossen und zum Denkmalschutzgebiet erklärten historischen Stadtkern ordentlich rausgeputzt. Einen Blick auf tausend Jahre Kunst und Geschichte geniesst man zum Beispiel, wenn man von der Prager Burg, dem Hradschin, auf die Kuppeln, Dächer und Türme links und rechts der Moldauschleife blickt. Ein Stadtbild von einzigartiger Schönheit, in dem alle Baustile vertreten sind: Gotik, Renaissance, Barock und Jugendstil. In den verwinkelten dunklen Gassen der Altstadt kann man sich verirren und dabei manch nette Restaurants, Cafés oder Bars entdecken.

Liberale Einstellung
1,2 Millionen Einwohner zählt die böhmische Metropole, weit über 60’000 Menschen sind lesbisch, schwul oder bisexuell. Die Nähe zu Deutschland – nur zwei Stunden dauert die Fahrt bis zur Grenze – aber auch die liberale Einstellung der Tschechen hat dazu geführt, dass sich hier eine beachtliche Szene entwickeln konnte, die weiter boomt. Sie ist nicht riesig und unüberschaubar, aber gut sortiert und bietet für jeden etwas. Einen ersten Überblick über das aktuelle Angebot verschafft man sich am besten mit dem Gayguide im Internet www.czechgayguide.org. Den Stadtplan mit eingezeichneten Locations gibt es auch kostenlos zum Mitnehmen in allen einschlägigen Bars und Kneipen.

Kein Homo-Register mehr
Besonders populär ist das von einem Amerikaner geführte «Friends». Lange Jahre befand sich das Kellergewölbe mit nettem Ambiente mitten in der Altstadt, nahe der Karlsbrücke, der wohl beliebtesten Sehenswürdigkeit von Prag. Aufgrund von Problemen mit dem Hausbesitzer musste die Bar aber umziehen und liegt jetzt nur ein paar Strassen weiter in der Bartolomejska 11. Das ist insofern bemerkenswert, als die Strasse bei tschechischen Schwulen als sogenannte «KGB»-Strasse mit dem zentralen Register der homosexuellen Bürger traurige Berühmtheit erlangte. Angst vor einer Erfassung muss man natürlich nicht mehr haben. Nach der samtenen Revolution im Jahr 1989 wurde dieses Register aufgehoben.

Zwei Szene-Viertel
In unmittelbarer Nähe zum «Friends» findet man die wohl bekannteste schwule Sauna von Prag, die Babylonia. Ebenfalls gleich um die Ecke liegt das Tingl Tangl, ein Music Club mit Jazz-Konzerten, Cabarets und Drag Queen Shows. Die meisten Szene-Lokale befinden sich südwestlich des Wenzelsplatzes und sind gut zu Fuss zu erreichen. Ein zweites Viertel mit vielen Gay-Bars und Discos ist der Stadteil Vinhrady, in dem sich unter anderem der Stella Club und die Disco Chameleon befinden. Fetisch-Freunden sei das Alcatraz in der Strasse Bonvojova empfohlen. Das liegt zwar etwas abseits der beiden Szene-Viertel, aber man kann den Abend gemütlich im Erdgeschoss in der «Pivnice» – so heissen die urigen tschechischen Bierstuben – beginnen, und sich dann später einen Stock tiefer in den diversen dunkleren Räumen umschauen.
Aussergewöhnlich vielseitig ist das Übernachtungsangebot in Prag. Vom Luxushotel bis zum Privatzimmer fürs schmale Budget ist alles drin. Auch die Auswahl an Gay-Hotels, Pensionen oder Appartements ist äusserst gross. Zwar sind die Preise in den letzten Jahren stetig gestiegen, liegen aber trotzdem meist deutlich unter dem Niveau westeuropäischer Länder. Ein Doppelzimmer in einem Gay-Appartement ist unter www.gayprag.net zum Beispiel schon ab 25 Euro zu haben.

Wachsende Stricherszene
Entsprechend den vergleichsweise niedrigen Preisen sind auch die Gehälter der Tschechen nicht sehr hoch. Auch das ist ein Grund, warum sich in Prag eine immer grösser werdende Stricherszene gebildet hat. Anders als im konservativ-katholischen Nachbarland Polen hat sich Tschechien und insbesondere die Metropole Prag längst auch einen Ruf als eines der weltweiten Zentren für Prostitution und Pornografie erworben. In die negativen Schlagzeilen kam die Szene durch zwei Morde an einem neuseeländischen und an einem amerikanischen Touristen im Stricher- und Drogenmilieu in den Jahren 2003 und 2004. Man sollte also schon darauf achten, wen man mit in sein Appartement nimmt. Aber diese Vorsichtsmassnahme gilt schliesslich nicht nur für die tschechische Hauptstadt.

Schwule Emanzipationsbewegung
Wer die Prager Szene aber auf das Image des billigen Biers und der boomenden Prostitution reduziert, wird der Stadt nicht gerecht. Prag ist auch die Stadt, in der die schwule Emanzipationsbewegung deutlich weiter entwickelt ist als in vielen anderen Städten der ehemals kommunistischen Länder. Die «Gay Iniciativa v Czeske Republice» arbeitet landesweit als gesellschaftspolitische Gruppe für die Rechte und Integration homosexueller Menschen. Derzeit macht sie sich vor allem für ein Lebenspartnerschaftsgesetz für Lesben und Schwule stark. Ausserdem betreibt sie ein Beratungstelefon für Gays in Krisensituationen. Selbst für anonyme schwule Alkoholiker gibt es eine Anlaufstelle. Und seit sechs Jahren kann Prag auch mit einem Schwulen-Sportclub aufwarten. Mehrere Szene-Zeitschriften wie zum Beispiel «Amigo» oder «Maxxx» sind an jedem Kiosk zu bekommen. Seit September 1998 wird wöchentlich eine halbe Stunde ein «Gay Radio Magazine» ausgestrahlt, das unter anderem über die aktuellen Veranstaltungen informiert.

Gründe genug, um sich in Prag wohl zu fühlen. In der tschechischen Hauptstadt ist der Rausch der neuen Freiheit auch 16 Jahre nach dem Zerbrechen des Eisernen Vorhangs noch besonders stark zu spüren. Anders als andere europäische Metropolen befindet sich die Stadt noch immer im Wandel und ist an vielen Ecken noch lange nicht fertig. Gerade das macht die Tage und Nächte in Prag vielleicht spannender als anderswo.


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