Das grosse Coming-out von Hollywood
Mit vier Golden Globes ist ein Film über die Liebe zweier Cowboys nun Oscar-Favorit

Von Martin Ender

Gleich vier Preise hat «Brokeback Mountain» bei der Verleihung in Beverly Hills erhalten. Das Liebesdrama zwischen zwei Cowboys wurde als bester Film, Ang Lee als bester Regisseur, die Musik als bester Filmsong und die Story als bestes Drehbuch ausgezeichnet. Die Golden Globes werden von der Auslandspresse in Hollywood vergeben und gelten als Barometer für die Oscar-Verleihung am 5. März.
Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte der US-amerikanischen Schriftstellerin und Pulitzerpreisträgerin E. Annie Proulx. Die Geschichte erschien erstmals am 13. Oktober 1997 im Magazin «The New Yorker». Noch im gleichen Jahr adaptierten der Schriftsteller Larry McMurtry und Diana Ossana, Drehbuchautorin und Filmproduzentin, die Love-Story für die Kinoleinwand. Die Filmstudios zögerten aber, das Drehbuch zu verfilmen, da die Darstellung von sich liebenden Cowboys in Hollywood einem Tabubruch gleichkommt. Die Verfilmung des Stoffes, für den sich unter anderen die US-amerikanischen Regisseure Joel Schumacher und Gus Van Sant interessierten, zog sich noch Jahre dahin und begann schliesslich erst am 14. Juli 2004 unter der Regie des Taiwaners Ang Lee.

Nach der Preisverleihung der Golden Globes feiert die Kritik «Ein amerikanisches Meisterwerk!». In Europa titelte die Frankfurter Rundschau bereits am Morgen nach der Verleihung: «Schwule Cowboys räumen ab». Das «Wall Street Journal» fragte: «Ist Amerika für Marlboro-Männer, die Männer lieben, bereit?»
Die Auslandspresse in Hollywood, welche die Golden Globes vergibt, war es jedenfalls. Sogar Konkurrenten wie Woody Allens «Match Point» und George Clooneys «Good Night, and Good Luck» zogen den Kürzeren. Hollywood hat sich endlich geoutet und ein homosexuelles Liebesdrama für das grosse Kino geschaffen. Damit treten Filme mit schwulem Thema endgültig aus dem Schatten der begrenzten Filmfestival-Szene.

Die Story
Als Ennis del Mar sich im Frühjahr 1963 für eine Stelle bei der Arbeitsvermittlung für Farm- und Ranchpersonal bewirbt, ist er noch keine Zwanzig. Er landet als Hirte in einem Schafzuchtbetrieb in Wyoming, wo er die Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Jack Twist macht. Der schwärmt für alles, was mit Rodeo zu tun hat. Die beiden übernehmen tausend Mutter-schafe mit ihren Lämmern und ziehen durch den Wald hinauf auf den Berg, um die Tiere oberhalb der Baumgrenze zu den ausgedehnten Weideflächen zu führen.
Während Ennis im Lager bleibt, muss Jack die Nacht über bei den Schafen verbringen, um reissende Wildtiere zu vertreiben. Er pendelt mehrere Stunden täglich zwischen Weideplätzen und Lager. Jack arbeitet schon den zweiten Sommer am Brokeback Mountain und ist es langsam leid, jeden Tag den weiten Weg zu machen. Ennis übernimmt deshalb Jacks Posten und pendelt selbst zwischen Weideplätzen und Lager. Die beiden jungen Männer werden nicht zuletzt durch die strengen Bedingungen des Arbeitgebers zusammen geschweisst und sie freunden sich schnell an. Als Ennis eines Tages nach dem Abendessen zu betrunken ist, um den Rückweg zu den weidenden Schafen anzutreten, verbringt er die Nacht bei Jack im Lager, und es kommt nach Wochen in der Einsamkeit zu einem ungestümen sexuellen Akt.

Am Morgen danach meint Ennis nur kurz: «das kommt nicht wieder vor, ich bin nicht schwul», und Jack ergänzt: «das geht niemanden etwas an. Das bleibt unter uns.» Die beiden reden nicht weiter über den Sex, aber er wiederholt sich doch, und aus dem ersten wilden übereinander Herfallen entwickelt sich eine emotionale, tiefe Beziehung. Der Wintereinbruch kommt unerwartet schnell und die Herde muss einen Monat früher als geplant ins Tal getrieben werden. Ennis ärgert sich über den Arbeitgeber: «Er bescheisst uns um einen ganzen Monatslohn». Er kann nicht aussprechen, was er eigentlich wirklich meint. Er wäre gerne noch länger mit Jack auf dem Berg geblieben. Erst nach dem Abschied im Tal, als er allein ist, brechen seine Gefühle durch und es wird ihm hundeelend.
Dennoch, Ennis kehrt wie geplant zu seiner Verlobten, Alma zurück, die er drei Monate später heiratet. Gemeinsam mit ihr hat er zwei Töchter. Das Familienleben ist nicht einfach. Geringes Einkommen, ein schäbiges Zuhause, schreiende Kinder. Alma muss dazu verdienen. Das Kinderhüten wird ein Problem. Vier Jahrevergehen, ohne dass er von Jack etwas hört. Dann kommt eine Postkarte: «Mein Freund, diese Karte ist längst überfällig. Komme am 24. Sag Bescheid, ob du da bist. Jack». «Klar bin ich da», lässt er Jack postwendend wissen. Er ist im siebten Himmel, zieht sein bestes Hemd an und kann das Wiedersehen mit seinem Freund kaum erwarten.
Von da an arrangieren sich die beiden Männer. Sie treffen sich zweimal im Jahr hinter dem Rücken der Frauen (auch Jack hat inzwischen geheiratet). Angeblich fahren sie jeweils ein paar Tage zum Angeln. Für Ennis ist es schwierig sich überhaupt freizumachen. Jack sind zwei Treffen im Jahr zuwenig. Beide leiden unter der Situation. Ennis und Alma trennen sich. Doch es ändert sich wenig. Jetzt ist es die Arbeit, die er glaubt zu verlieren, wenn er öfters frei nehmen würde. Und den Träumen von Jack, zu zweit eine eigene Ranch aufzubauen, kann er schon gar nicht folgen. Zwei Männer auf einer Farm – unmöglich. Es taucht ihm dabei ein grausiges Bild auf: Sein Vater führte ihn als Neunjährigen zu einem Mann, der draussen im Graben mit abgerissenem Schwanz verblutet war. Man hatte ihn daran zu Tode geschleift. Es war ein schwuler Farmer.

Eine ganze Palette von äusseren Zwängen aber vor allem von inneren Fesseln, in die sich Ennis selbst begibt, führen dazu, dass Jacks Träume von einem gemeinsamen Leben nicht in Erfüllung gehen. Und die Jahre zerrinnen. Während der Erzählung, wird es immer unwichtiger, dass es hier zwei Männer sind, die zueinander gehören und nicht zueinander finden aber auch nicht voneinander loskommen. Die Geschichte erzählt mainstreamartig von Gefühlen, von Sehnsucht und Träumen, die jeder kennt und endet in herzzerreissender Dramatik.
Beim Verlassen des Kinos weiss man, dass die Männer ihre Gefühle offener hätten zeigen müssen, um das Glück zu erreichen. Weil das auch für uns im realen Leben nicht immer so einfach ist, trifft uns «Brokeback Mountain mitten ins Herz.

Bereits auf Erfolgskurs
Der Film «Brokeback Mountain» feierte seine Premiere am 2. September 2005 bei den Filmfestspielen von Venedig. Nachdem der Film u.a. auf dem Toronto Film Festival (3. September) und dem Paris Gay and Lesbian Film Festival (23. Oktober) gezeigt wurde, startete Ang Lees Drama am 9. Dezember 2005 in fünf ausgewählten Kinos in New York, Los Angeles und San Francisco. In nur drei Tagen konnte «Brokeback Mountain» einen geschätzten Umsatz von über 500.000 US-Dollar einspielen und stellte damit einen Box Office-Rekord aller im Jahr 2005 gestarteter Filme auf. Bis zum 18. Dezember wurde ein Brutto-Gewinn von 2,5 Mio. US-Dollar an den Kinokassen verzeichnet und «Brokeback Mountain» stieg mit Platz acht in die US-amerikanischen Kinocharts ein. Der Film wurde von Kritikern und Publikum begeistert aufgenommen. Man wertete ihn als grosse Filmkunst und sagte Ang Lee nach, er habe mit dem «schwulen Western» ein neues Genre kreiert. Ebenfalls im Focus stehen die Schauspielleistungen von Heath Ledger, Jake Gyllenhaal und Michelle Williams.

Gegenwind
Der Film löst in den USA neben viel Lob von Kritikern und Zuschauern auch kontroverse Diskussionen aus. Vor allem Stimmen konservativer christlicher Gruppen werden laut, Dem Film wird vorgeworfen, er propagiere einen homosexuellen Lebensstil und untergrabe christliche Wert- und Moralvorstellungen, indem er mit perfekten filmischen Mitteln die Sympathien auf die Protagonisten lenke und einem Massenpublikum die Gleichwertigkeit einer schwulen Beziehung zu einer heterosexuellen vor Augen führe. Es wird kritisiert, dass die beiden Männer Ehebruch gegenüber ihren Frauen begingen und dies in dem Film durch die Fokussierung auf die Gefühle zwischen Ennis und Jack in den Hintergrund gerate. Den Machern des Films wird ausserdem vorgeworfen, sie seien Teil und Werkzeug einer «gay agenda», die sich ihrer Meinung nach die Zerstörung von Religion, Ehe und Familie in der amerikanischen Gesellschaft zum Ziel gesetzt habe. Die katholischen Bischöfe der USA verurteilten den Film und stuften ihn in die höchste Gefahrenkategorie ein.


Pressestimmen

«Es ist eine tiefergreifende, emotionale Liebesgeschichte, die, wie viele Mainstream-Filme zuvor, von den ungeplanten und rätselhaften Wirrungen des menschlichen Herzens handelt. Die zwei Geliebten hier sind zufällig Männer.»
(Los Angeles Times)

«Ang Lees Film schildert, gelassen und hoch konzentriert, zwei Jahrzehnte im erschütternd von Leugnung, Verdrängung und Schweigen umstellten Leben dieses (Nicht-) Paars. Eine gewaltige Geschichte aus Tabus und Freiheitsdurst, Sehnsucht und Irrtum, Trauer und Glück...»
(Der Tagesspiegel)

«Man kann Ang Lee den prächtigen Landschaftkitsch und den zarten Schwulenkitsch dieses Films vorwerfen, seine Botschaft aber ist von schöner universaler Gültigkeit: In einer Welt, die vom Terror der Moralapostel vergiftet wird, können die Menschen nicht glücklich werden.»
(Der Spiegel)

«Fast sprachloses grosses Gefühlskino, das von seiner realistisch gehaltenen, von Ansel Adams inspirierten Fotografie und der Innerlichkeit der hervorragenden Nachwuchsschauspieler Heath Ledger und Jake Gyllen-haal lebt ...»
(Neue Zürcher Zeitung)

«‘Brokeback Mountain‘ kommt mit einer Ruhe und einer Langsamkeit daher, die schon selten geworden ist im Kino. Lässt sich Zeit beim Beobachten. Stellt nichts aus. Und höhlt doch endlich dieses Klischee des einsamen Cowboys gründlich aus...Wie Heath Ledger und Jake Gyllenhaal hier altern, was nicht nur Sache der Maske ist, wie sie ihr Verlangen verstecken und es doch hinter ihrer Maske hervorblitzen lassen; und wie Ang Lee dies trotz dieser extrem zeitbezogenen Story zur zeitlosen Geschichte stilisiert, die auch heute noch in der Provinz passieren könnte: Das ist grosse Kinokunst.»
(Die Welt)


 

Eine Internetlösung der