Schwul in Sri Lanka
Regenbogendrachen sollen Versuchsballon sein, wie weit die Akzeptanz geht.

Von Michael Lenz

Homosexualität ist in Sri Lanka illegal. Das ist eine Hinterlassenschaft aus der Zeit, als die Insel im Indischen Ozean noch Ceylon hiess und eine britische Kolonie war. Die erste «Gay Pride» in der Hauptstadt Colombo fand indoor in Form einer Party statt. In diesem Jahr will die «Equal Pride« Ende Mai mit dem zweiten «Gay Pride» den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. Es sollen Regenbogendrachen in den Himmel über Sri Lanka steigen.

Bedroht
Roshan lebt ein gefährliches Leben. Erstens, weil er ein Singalese ist und seinen Lebensunterhalt als Polizist im Distrikt Batticaloa an der Ostküste Sri Lankas verdient. Die Region wird mehrheitlich von Tamilen bewohnt und diese mögen keine Singalesen und erst recht keine, die Polizisten sind. Polizisten und Soldaten nämlich sind Repräsentanten der singalesischen Regierung Sri Lankas, mit der sich die Tamilen im Osten und Norden des Landes seit über 20 Jahren in einem gewaltsamen und blutigen Konflikt befinden. Die Rebellenorganisation «Liberation Tigers of Tamil Eelam» (LTTE) kämpft für einen unabhängigen Tamilen-Staat. Obwohl seit drei Jahren offiziell nach zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg ein Waffenstillstand zwischen den beiden verfeindeten Volksgruppen besteht, vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht zu Angriffen auf Armeeeinheiten oder Polizeistellungen wie der von Roshan kommt.

Illegal
Roshans Leben ist zweitens auch reichlich gefährlich, weil er schwul ist. Tamilen mögen keine Schwulen. Es gibt gar Berichte von Mitarbeitern von Entwicklungshilfeorganisationen, die «Tamilischen Tiger» würden gezielt Schwule ermorden. «Im Augenblick können wir uns nur auf Hörensagen verlassen. Wir haben noch keine konkreten Beweise für diese Behauptung», sagt Rosanna Flamer-Caldera, Mitbegründerin von Sri Lankas lesbisch-schwuler Organisation «Equal Ground», und fügt mit Betonung hinzu: «Ohne klare Beweise erheben wir keine Anschuldigungen. Das würde unsere laufenden Untersuchungen dieser Vorwürfe gefährden.» Zudem ist Homosexualität in Sri Lanka illegal. Das ist eine Hinterlassenschaft aus der Zeit, als die Insel im Indischen Ozean noch Ceylon hiess und eine britische Kolonie war.

Hilfe von «Equal Ground»
Der 25-jährige Roshan, der seinen richtigen Namen nicht genannt haben will, trifft sich gerne mit den «Equal Ground»-Leuten, die oft von Colombo nach Batticaloa kommen. Im vergangenen Jahr nämlich hat sich die Organisation fast vollständig der Tsunami--Hilfe verschrieben. Mit mehr als 20000 obdachlos gewordenen Menschen ist der Distrikt Batticaloa eine der am stärksten vom Tsunami des 26. Dezember 2004 betroffenen Regionen Sri Lankas. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran und die allermeisten der Überlebenden befinden sich auch nach über einem Jahr noch immer in Lagern. Mit Spenden von Lesben und Schwulen aus den USA und Europa hilft «Equal Ground» den Tsunamiopfern. «Die einzige Möglichkeit für uns, auch Schwulen, Lesben und Transsexuellen zu helfen, ist es, allen Menschen in den Lagern zu helfen», sagt Flamer-Caldera. Am Sonntag vor Weihnachten zum Beispiel eröffnete «Equal Ground» in dem Lager Thiraimadu bei Batticaloa ein Nähzentrum, durch das Frauen eine Arbeits- und Verdienstmöglichkeit finden können und überraschte über 200 Kinder mit Weihnachtsgeschenken.

Keine Schwulenbars
Ein wenig einfacher ist das Leben für Lesben und Schwule in Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Im vergangenen Jahr fand gar erstmalig ein «Gay Pride» statt. Allerdings indoor in Form einer von «Equal Ground» organisierten Party. Schwulenbars sucht man in der 600'000 Einwohner Metropole am Indischen Ozean vergeblich. Das hat aber hauptsächlich mit der Armut in Sri Lanka zu tun. Knapp die Hälfte der Bevölkerung Sri Lankas muss von einem Einkommen von weniger als 2 US-Dollar pro Tag leben. «Schwulenbars könnten sich hier wirtschaftlich nicht halten», sagt der offen schwule Mann Koluu, dessen Café «Barefoot» einer der wenigen «schwulenfreundlichen» Orte in Colombo ist. «Die Leute hier sind arm. Wenn sie ausgehen, teilen sich fünf Leute eine Cola.» Aber es gibt eine Szene. «Vieles findet privat statt», weiss der Innenarchitekt Sahran Abeysundara. Die grösste Hürde sei es für jemanden, der neu in der Stadt ist oder gerade sein Coming Out hinter sich hat, den Erstkontakt zu anderen Schwulen hinzukriegen. «Aber kennt man erst mal einen, wird man weitergereicht und in die Szene integriert.»

Erste Projekte in Gang
Mit der Veranstaltung von Tanz-vergnügungen wie die «Santa Over the Rainbow»-Party vor Weihnachten schlägt «Equal Ground» gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Szene hat für eine Nacht ein Stelldichein und die Organisation kann aus den Einnahmen ihre Arbeit finanzieren. «Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel ein Handbuch zum Thema Menschenrechte herausgebracht», sagt Ranjan Karunaratne und fügt hinzu: «Unser grosses Ziel ist die Entkriminalisierung der Homosexualität.» Ein Projekt, das so schnell wie möglich realisiert werden soll, ist die Einrichtung eines schwul-lesbischen Zentrums in Colombo. Die Parties offenbaren aber auch ein Dilemma. Partytickets für 1000 Rupien (Fr. 5.50) können sich viele ceylonesische Schwule und Lesben nicht leisten. Das sorgt für Unfrieden in der Szene. Gleichwohl hatten über 300 schwule Männer den Weg zur Santa-Party mit ihren vergnüglichen Show-Acts gefunden, bis in die frühen Morgenstunden das Tanzbein geschwungen und so mancher fand seinen persönlichen Santa für die Nacht.
In diesem Jahr will die «Equal Pride» Ende Mai mit dem zweiten «Gay Pride» den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. Gleich ein ganzes Wochenende lang soll die Regenbogenflagge über Colombo wehen. Genau gesagt, sollen Regenbogendrachen in den Himmel über Sri Lanka steigen. Das Drachensteigenlassen ist ein Nationalhobby in Sri Lanka. «Hier in Sri Lanka kann man kann alles machen, solange es nicht zu öffentlich ist», sagt Festivaldirektor Sahran. Mit dem «Rainbow Kite»-Festival solle getestet werden, wie öffentlich Lesben und Schwule in Ceylon werden können.


 

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