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In Manchester lässt's
sich gut schwul sein
Vor 10 Jahren noch
ein wüster Haufen von grauem Beton und roten Lagerhausruinen
Von Hanspeter Künzler
Mit der Kult-TV-Serie
«Queer As Folk» wurde Manchester weltweit als Schwulenparadies
bekannt. Heute beklagen die Pioniere des Gay Village sinkende Umsätze.
Dabei ist die Stadt unterdessen eine noch bessere Reisedestination geworden.
Über dem Kanal
schimmert noch die aus einem Teppich von unzähligen winzigen Lichtern
bestehende Weihnachtsbeleuchtung. Es ist kalt. Nur wenig Menschen bummeln
der Canal Street entlang. Die meisten hasten. Sie hasten den sage und
schreibe 33 Schwulenbars, Restaurants und Danceklubs entgegen, die sich
in einem bloss 400m mal 400m grossen Stadtquadrat tummeln. Dieses ist
im Stadtplan unterdessen rosarot schraffiert und heisst offiziell «The
Gay Village». Nebst Regenbogenfahnen hängen überall grosse
Spruchbänder: «Buy one get one free on all drinks, every day»
heisst es über der Manto Bar, der Bar, mit dem das Gay Village seine
Seele fand. Die Queer Bar kontert dies geschickt mit «dienstags
jeder Drink £ 1.50». Vor ein paar Wochen habe eine Bar sogar
«drei Drinks zum Preis von einem» feilgehalten die
Beteiligten laufen noch heute rot an, wenn sie hinter vorgehaltener Hand
vom resultierenden Tohuwabohu reden. Für die Kundschaft sind die
billigen Preise natürlich eine gute Sache. Für die Kapitäne
des Village sind sie hingegen das Symptom einer Krise. Dermassen schwierig
geworden sei es, einen Klub mit Profit zu betreiben, sagt Manto-Gründer
Peter Dalton, dass er sein trendsettendes Lokal verkaufen will. Das Rembrandt
Hotel in der Canal Street, ebenfalls ein pionierhaftes Unternehmen, hat
über die letzten beiden Jahre hinweg eine Profiteinbusse von 20%
zu verzeichnen. Dabei sind die Unternehmer des Gay Village Opfer ihres
eigenen Erfolges geworden. Denn das schwule Leben ist in Manchester in
letzter Zeit keineswegs flauer geworden, sondern im Gegenteil noch vitaler,
noch diverser und noch weniger versteckt. Überhaupt Manchester...
Individualität,
Farbe und Lebensfreude
Es gehört zum Charakter von Manchester, dass die Bewohner der Stadt,
die Mancunians, gern grosse Sprüche klopfen. Der hervorragende City
Guide «City-Life Manchester» (£ 5.99) von Jonathan Schofield
widmet der «Manchester Attitude» sogar ein kleines, aber vielsagendes
Kapitel. «Die Stadt ist auf charmante Art davon überzeugt,
dass sie die beste im ganzen Land sei. Dies ganz ungeachtet des Beweismateriales»,
schreibt er. In der Tat präsentierte sich Manchester dem naiven Neuankömmling
noch vor zehn Jahren als ein wüster Haufen von grauem Beton und roten
Lagerhausruinen. Die vielgerühmte Musikszene beschränkte sich
auf ein paar wenige Lokale. Und die «Madchester»-Uniform der
«Baggies» bestand vor allem aus unschönen Elephantenjeans,
deren Stösse man im Dreck nachschleppte. Heute strotzt die Stadt
vor Individualität, Farbe und Lebensfreude. Am Anfang der Revolution
standen die Schwulen. Das Quartier um die Canal Street hatte schon immer
Schwule angezogen das heruntergekommene Sammelsurium von alten
Bordellen, kakerlakenverseuchten Billigherbergen und dubiosen Werkstätten,
das von den guten Zeiten des Kanales noch übrig geblieben war, bot
ein gutes Versteck für alles, was vom britischen Establishment gern
ignoriert worden wäre. Das änderte sich mit einem Schlag und
einer simplen Idee.
Out and proud
1991 liess Peter Dalton eine Fassade in der Canal Street niederreissen
und durch Glas ersetzen. Manto war dann die erste Schwulenbar in Manchester,
die sich nicht hinter vergilbten Vorhängen versteckte, sondern ihre
Kundschaft out and proud für alle sichtbar am Bier nippen liess.
Im Nu war das Quartier verwandelt. Aus dem jährlichen Flohmarkt wurde
ein rauschender Mardi Gras, in leeren Garagen entstanden Bars, in verlotterten
Buden nisteten sich chice schwule Anwaltsbüros, Taxibetriebe und
Arztpraxisen ein. Die TV-Serie «Queer As Folk» trug den Ruf
in die Welt hinaus. In die Party platzte 1996 buchstäblich eine Bombe.
Die IRA jagte das nahe Stadtzentrum in die Luft, eine «Regenerierung»
wurde unausweichlich. Statt der geisttötenden Graustadtlandschaft
von vorher entstand nun ein mit vielen Skulpturen gespicktes, stilvolles
neues Zentrum ganz aus Glas und Aluminium. Dazu wurden viele der gigantischen
viktorianischen Lagerhäuser aus rotem Backstein, die so lang leer
gestanden waren, renoviert. So «cool» war die neue Umgebung,
dass sich sogar ein trendbewusster Store wie Selfridges einzunisten
wagte. Die Verwandlung zeitigte bald auch ihren Einfluss auf die umliegenden
Quartiere. In Deansgate wimmelte es auf einmal von Boutiquen und feinen
Restaurants. Vor allem aber veränderte sich das Northern Quarter,
wo sich bis dahin nur Schlitzohren und Junkies hingewagt hatten.
Durch die Schwulen
inspiriert
Eine neue Generation von Studenten, Kunsthandwerkern und Alternativ-Entrepreneuren
liess sich direkt vom Geist des Schwulendorfes inspirieren und bevölkerte
die toten alten Kleinshops und Werkstätte mit Kunst, Kunsthandwerk
und allem anderen, was zu einer vitalen «Szene» gehört.
Derweil der Schwulenshop Clone Zone in der Canal Street-Gegend das konventionelle
Ende der Schwulenästhetik vertritt, wimmelt es im Northern Quarter
von Läden für Paradiesvögel, Post-Hippies und einfach Träumer.
Grossartig ist etwa «Rags to Riches», ein Second-Hand-Shop
in der Tib Street, der auch «Tarot und Photographie» verkauft.
Eine unglaubliche Fundgrube ist Afflecks in der Church Street, eine Art
Departmentstore für Freaks. Der Laden gleicht eher einer Kunstinstallation
und umfasst wohl um die einhundert separate Stände, wo es von Lederkluft
über Scherzartikel, Hüte für jeden Bedarf und Zeltli in
allen Farben bis hin zur James-Dean-Montur und antiquarischen Büchern
(«Tell the Doctor», «Dick Crazy», «Lisa
& Her Uncle») alles zu haben gibt. Aber nicht nur im Gay Village
und im Northern Quarter lässt sichs heute gut schwul sein,
auch im Deansgate-Locks-Quartier hinter dem G-Mex Zentrum mit seinen supertrendigen
Promi-Bars tummelt Mann sich heute gern. Die Leiden der Canal Street sind
denn kein Zeichen dafür, dass die Schwulen Manchester im Stich gelassen
hätten. Im Gegenteil. Canal Street hat den Schwulen von Manchester
erst das Selbstvertrauen gegeben, ihre Flügel richtig zu strecken.
Eine Internetlösung
der
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