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Italien buhlt um
die Gunst der Gays
Torre del Lago will
gegen Sitges, Mykonos und Ibiza antreten
Von Andreas Candinas
Italien ist eines
der letzten europäischen Länder, das Partnerschaften zwischen
Gleichgeschlechtlichen nicht anerkennt. Weder die Politik noch die katholisch
geprägte Gesellschaft in Italien treiben die Gleichstellung von Schwulen
und Lesben voran. Die Tourismusbranche hält jedoch die Hände
nicht mehr im Schoss.
Die Toskana rühmt
sich gerne, eine der schönsten Gegenden dieser Erde zu sein und bezeichnet
sich auch als «Land der Freiheit» mit Berufung auf die Geschichte.
Die Toskana war die Geburtsstätte zweier grosser Genies: Michelangelo
und Leonardo da Vinci. Und Goethe sagte während seiner «Italienischen
Reise», dass die Kutsche viel zu schnell sei, um diese herrliche
Landschaft (die Toskana) geniessen zu können.
Seebad der besseren
Gesellschaft
Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Viareggio in der Toskana die
«Perle des Tyrrhenischen Meeres» und ein international bekannter
Bade gann Viareggios Aufstieg als Seebad. 1822 liess Napoleons Schwester
Paolina Borghese eine Villa errichten, in der sie ihren Lebensabend verbrachte.
Nach und nach entstanden ab 1828 zunächst nach Geschlechtern
getrennt diverse Badeanstalten am Meer. Zahlreiche Sommervillen
folgten dem Beispiel der Borghese. Giacomo Puccini war von der Natur und
der See begeistert und mietete im Jahr 1891 zwei Zimmer in einer Villa
im zu Viareggo gehörenden Torre del Lago, die er nach dem Erfolg
seiner Tosca kaufte. In der Villa lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1924.
Danach wurde das Gebäude in eine Gedenkstätte umgewandelt.
Von Schwulen wieder
entdeckt
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Stadt wie viele Orte an der
Italienischen Riviera ihre Exklusivität. Längere Zeit
war Viareggio vor allem Ferienort für die italienische Bevölkerung.
Seit den 90er Jahren hat sich um die Bars am Strand auch ein schwuler
Tourismus entwickelt, der neuerdings von der Kommune gefördert wird.
Der Ort setzt heute auf den internationalen Gay-Tourismus.
Italien und die
Homosexualität
Italien hat ein gespaltenes Verhältnis zur Homosexualität. Im
Flirten waren die Italiener seit jeher Meister. Durchaus auch auf der
Strasse von Mann zu Mann. Dennoch war ein offen schwules Leben in Italien
bis in die junge Vergangenheit schwierig. Es gibt weiterhin sehr viele,
die ihre sexuelle Orientierung versteckt halten. Die Grundsätze der
katholischen Kirche sind in der italienischen Gesellschaft noch tief verwurzelt.
Und der heutige Papst baut weiter am Bollwerk gegen die Homosexualität.
Vor allem im Süden findet man kaum eine schwule Szene. Von der Gesetzgebung
her kennt Italien zwar fortschrittlich ein einheitliches Schutzalter für
hetero- wie homosexuelle Beziehungen von 14 Jahren (bis zu 18 Jahren mit
Einschränkungen). Mit dem Thema Homosexualität hat aber nicht
nur der Vatikan, sondern auch Italiens weltliche Macht unter Berlusconi
Mühe: Italien ist eines der letzten europäischen Länder,
das Partnerschaften zwischen Gleichgeschlechtlichen nicht anerkennt.
Die Toskana als
Ausnahme
Seiner Zeit weit voraus war hingegen der Grossherzog Leopold II.. Unter
seiner Herrschaft wurde 1853 Homosexualität als Straftat aus den
toskanischen Gesetzbüchern gestrichen. Leopold II. war ein sehr umsichtiger
Herrscher und regierte tolerant. Das machte die Toskana zu einem Zufluchtsort
für politisch Verfolgte der anderen italienischen Staaten und zum
Zentrum einer liberalen Reformbewegung. Das Grossherzogtum endete 1860,
als die Toskana nach den Unabhängigkeitskriegen dem italienischen
Reich angegliedert wurde und Leopold II. das Land verlassen musste.
Erste politische
Erfolge
Heute gibt es erste Anstrengungen auf lokaler Ebene, der Homosexualität
offener zu begegnen. Pisa und Empoli waren die ersten zwei Städte
Italiens, in denen ein «bürgerliches Register» für
Lebenspartnerschaften eingeführt wurde, ein wichtiger Schritt in
Richtung Gleichberechtigung für Schwule und Lesben in Italien. Und
seit ein paar Jahren bemüht sich eine ganze Region und auch verschiedene
Städte, dem Gay-Touristen Ferien nach seinem Gusto zu bieten.
Touristiker als
treibende Kraft
Besondere Anstrengungen unternimmt die toskanische Region rund um Viareggio.
Die Touristikverantwortlichen starteten 1998 das Projekt «Friendly
Versilia». Als erstes wollte man den in Ansätzen bereits vorhandenen
Gay-Tourismus öffentlich machen. Denn in Torre del Lago, dem kleinen
Dorf an der Küste, südlich von Viareggio und nördlich von
Pisa, zwischen dem See von Massaciuccoli und dem Meer, gab es schon seit
Jahren eine Präsenz von Schwulen und Lesben. Das Projekt, diese Gegend
dem schwullesbischen Touristikmarkt in grösserem Rahmen zu öffnen,
stiess teilweise erst auf Widerstand, doch die lokale gay und gay-friendly
gesinnte Wirtschaft unterstützte das Projekt voll und ganz.
«Friendly
Versilia»
Heute zieht «Friendly Versilia» von April bis Oktober jedes
Jahr über 100000 Schwule und Lesben aus aller Welt an, die an der
toskanischen Küste in aller Offenheit die «schönsten Tage,
Nächte, Wochenenden und Wochen des Jahres» verbringen können.
Ist also das kleine Torre del Lago die neue, aufregende Mischung zwischen
Sitges, Mykonos und Ibiza? In gewissem Sinne ja. Auf jeden Fall trifft
man nirgendwo in Italien auf so viele Schwule und Lesben zusammen an einem
Strand. Gay-Paare dürfen ungestört Hand in Hand über die
Promenade flanieren. Und um die Gunst der Nachtschwärmer reisst sich
eine ganze Reihe von einschlägigen Lokalen. In den Sommermonaten
gibt es zudem regelmässig Gay-Veranstaltungen mit dem jährlichen
«Mardi Gras» als Höhepunkt. Die Gegend bietet auch günstige
Unerkünfte an. Es gibt zahlreiche gay und gay-friendly «Bed
& Breakfast»-Pensionen oder für die Sportlicheren einer
der vielen Campingplätze in Strandnähe in Viareggio oder Torre
del Lago. Wer es luxuriös mag, dem stehen verschiedene Drei- und
Viersternhotels zur Verfügung, gay-friendly selbstverständlich.
www.friendlyversilia.it
Eine Internetlösung
der
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