Zweifache Ausgrenzung
Gays mit einem Handicap müssen viele Hürden nehmen

Von Thomas Borgmann

Schwule Behinderte erleben häufig eine zweifache Ausgrenzung. Ihre sexuelle Identität wird von der Gesellschaft noch weniger akzeptiert als bei nicht behinderten Schwulen. In der Szene wiederum erfahren sie wegen ihres Handicaps oft deutliche Zurückweisung.

Als ich Stefan besuche, ist der Kaffeetisch schon gedeckt. «Das Kaffeekochen musst du übernehmen», erklärt er mir. Auf Grund einer spastischen Lähmung sitzt er im Rollstuhl und ist bei manchen Alltagsabläufen auf Unterstützung angewiesen. Ein Pfleger sieht bei Bedarf nach ihm, hilft beim An- und Ausziehen und bringt ihn abends wieder ins Bett. Auch einige einfache Tätigkeiten im Haushalt, wie eben das Kaffeekochen, kann er nicht allein verrichten. Trotz seiner Behinderung organisiert Stefan seinen Alltag aber ziemlich selbständig. Er lebt in einem kleinen Appartement in einem Haus, in dem mehrere Menschen mit einem Handicap leben. Hier erhält er durch das betreuende Pflegepersonal die Hilfe, die er braucht – nicht mehr und nicht weniger.

Durch diese Unterstützung an seiner Seite kann Stefan ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen. Mit der eingeschränkten Motorik ist der 37-jährige gross geworden. Die Spastik entstand durch einen Sauerstoffmangel kurz nach seiner Geburt, weshalb er seine verminderte Mobiliät auch weniger als einen Verlust, sondern vielmehr als Teil seines Lebensgefühls begreift. Nicht so sehr seine Behinderung erlebt er als ein Handicap, sondern vielmehr die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen. Einen Kinobesuch mit Freunden macht er zum Beispiel nicht nur vom jeweiligen Filmprogramm abhängig, sondern in erster Linie davon, welches Kino ihm überhaupt den Zutritt mit seinem Rollstuhl ermöglicht. Auch bei der Wahl eines Lokals oder Restaurants ist die Behinderten gerechte Ausstattung ausschlaggebend. Das schränkt das Angebot oft schon erheblich ein, denn Stufen oder enge Türen sind für Rollstuhlfahrer oft unüberwindbare Hürden.

Soziale und technische Barrieren
Ist das Angebot der schwulen Szene in seinem 120’000 Einwohner zählenden Wohnort ohnehin nicht besonders gross, reduziert es sich durch diese Hindernisse noch einmal ganz erheblich. Selbst um in das Schwulenzentrum zu gelangen, müsste er drei Stufen nehmen und ist dabei auf die Hilfe anderer angewiesen. Für behinderte Schwule ist die Teilhabe am schwulen Leben aber vor allem oft auch deshalb schwierig, weil es die Szene häufig an der Bereitschaft fehlen lässt, behinderte Menschen zu integrieren. In einer Lebenswelt, in der vor allem und oft nur der Körper zählt, ist die Akzeptanz von Menschen mit einem Handicap nicht gerade stark ausgeprägt. Die Diskriminierung, die behinderte Schwule hier erfahren, reicht von Ignoranz über Beschimpfungen bis hin zur offenen Ausgrenzung aus der Szene.

Neue Kontaktmöglichkeiten
Das Internet hat manche dieser Hürden ein bisschen ebnen können. Es ersetzt zwar nicht unbedingt die schwule Szene, eröffnet aber behinderten Menschen Kontaktmöglichkeiten, die ihnen nicht selten verwehrt wurden. Stefan nutzt dieses Medium schon seit 1992. In einem Gay-Forum hat er sich in seinem Profiltext als schwuler Mann mit Behinderung geoutet. Gleichwohl sind auch hier die Reaktionen nicht immer angenehm. Mal melden sich Menschen mit einem ausgesprochenen Behinderten-Fetisch, mal schreiben andere in sein Gästebuch, wie mutig sie es finden, dass er sich hier so offen darstellt. Fast immer wird er zuallererst als Behinderter und nicht als Persönlichkeit wahrgenommen. Mitleidsbekundigungen sind dabei das Letzte, was er hören will. Aber natürlich ist das Feedback in den Chats nicht nur negativ. Über das Gay-Forum hat er auch Kontakt zu Menschen bekommen, die seine Interessen teilen. Nicht selten wenden sich auch Menschen an ihn, die durch einen Unfall oder eine Krankheit von einer Behinderung betroffen sind.

Doppeltes Coming Out
Mit den Berührungsängsten und Vorurteilen, die Stefan in der schwulen Szene erlebt, ist er wiederum in anderer Form gelegentlich in seinem betreuten sozialen Umfeld ausgesetzt. Seit seinem 25. Lebensjahr lebt er offen schwul. Auch wenn manche Pfleger damit keine Probleme haben, ist Sexualität in vielen Behinderteneinrichtungen auch heute noch kein selbstverständliches Thema, sondern wird oft noch tabuisiert. Das gilt für gleichgeschlechtliche Sexualität natürlich in besonderem Masse. Ablehnung, Unverständnis oder Ignoranz sind in den oft kirchlich geführten betreuenden Institutionen nicht selten. Werden Schwule in der Szene häufig ausschliesslich als sexuelle Wesen wahrgenommen, wird Behinderten gerade die Sexualität von der Gesellschaft und den betreuenden Einrichtungen häufig abgesprochen. Eine im Grunde genommen schizophrene Lebenssituation, die von schwulen Behinderten ein doppeltes Coming Out erfordert. Das Bewusstsein, in vielen Lebensbereichen auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein und deshalb eine nur eingeschränkte Intimsphäre zu haben, macht diesen Kraftakt nicht gerade leicht.
Stefan hat sein doppeltes Coming Out längst hinter sich. Gegenüber Anfeindungen aufgrund seiner sexuellen Identität weiss er sich zu wehren, und über die Blicke oder Berührungsängste in der schwulen Szene setzt er sich, so gut es geht, hinweg.

Seit drei Jahren lebt er mit einem nicht behinderten Mann in einer festen Partnerschaft. Ein glückliches Lebensgefühl, wie er sagt, um das ihn viele Menschen beneiden – ob sie nun schwul sind, behindert oder keins von beiden.


 

Eine Internetlösung der