Interpellation zu Homosexualität und Schule
Bernhard Pulver hat im Berner Grossen Rat einen Vorstoss eingereicht

Von Martin Ender

Viele homo- und bisexuelle Jugendliche haben Probleme mit ihrem «Coming-Out». Das gesundheitliche und psychische Wohlbefinden von Jugendlichen, welche Probleme mit ihrem «Coming-Out» haben, ist wesentlich schlechter als das anderer Jugendlicher. Deshalb soll ein objektives Bild der Homosexualität an den Schulen vermittelt werden.

Studien haben festgestellt, dass das gesundheitliche und psychische Wohlbefinden von Jugendlichen, welche Probleme mit ihrem «Coming-Out» haben, wesentlich schlechter ist als das anderer Jugendlicher in der gleichen Alterskategorie. Auch die Anfälligkeit für Suizidgedanken ist bei ihnen deutlich höher. Der Berner Grossrat Bernhard Pulver hat aus diesem Grunde einen Vorstoss eingereicht. Er ist der Ansicht, das Jugendliche in ihrer Schulzeit ein neutrales und objektives Bild der Homosexualität vermittelt bekommen sollen. «Damit wird ihr ‚Coming-Out’ wesentlich erleichtert. Homo- und Bisexualität ist heute wissenschaftlich und gesellschaftlich als eine gleichwertige Form der sexuellen Orientierung anerkannt. Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität längst von der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) gestrichen.»

Klare Haltung
Da der Grosse Rat im Zusammenhang mit der registrierten Partnerschaft wiederholt deutlich gemacht hat, dass für ihn gleichgeschlechtliche Paare eine akzeptierte Form des partnerschaftlichen Zusammenlebens darstellen, rechnet Pulver mit einer positiven Einstellung dem Thema gegenüber. Und er betont: «Es entspricht auch unserer Kantonsverfassung, welche in Artikel 13 Absatz 3 ,die freie Wahl einer anderen Form des gemeinschaftlichen Zusammenlebens‘ als der Ehe gewährleistet sowie Artikel 8 Absatz 2 der Bundesverfassung, welcher jede Diskriminierung auf Grund der Lebensform verbietet.»

Verunsicherung der Lehrkräfte
Im Zusammenhang mit der negativen Reaktion der Erziehungsdirektion auf die Coming-Out-Broschüre «selbstverständlich» der Aids-Hilfe Schweiz (Cruiser berichtete darüber im Juli 05) ist unter Lehrkräften jedoch Verunsicherung entstanden. Die vehemente Zurückweisung der vom Bundesrat anerkannten Broschüre hat den Eindruck hinterlassen, die Erziehungsdirektion stehe einer verbesserten Aufklärung über Homo- und Bisexualität in den Schulen eher ablehnend gegenüber.

Unterstützung der Jugendlichen
Jugendliche müssen darin unterstützt werden, ihre eigene sexuelle Identität und Orientierung zu finden. Dafür kämpft Pulver ganz offen: «Eine Pathologisierung der Homo- und Bisexualität, also deren Darstellung als ‚eine fehlerhafte Erscheinung, die therapierbar ist’, verunsichert Jugendliche in ihrem Selbstfindungsprozess und unterstützt damit die Tendenzen zu Depression, Suizidalität, Substanzmissbrauch und HIV-Infektion. Namentlich sind Jugendliche, die ihre sexuelle Identität akzeptieren, für die HIV-Prävention wesentlich besser ansprechbar.» Vor diesem Hintergrund reichte Pulver (GFL) die Interpellation ein. Mitunterzeichner waren: Brigitte Bolli (FDP), Thomas Fuchs (SVP), Irène Hänsenberger (SP) und Blaise Kropf (GBJA).

Die Interpellation im Wortlaut
Vor diesem Hintergrund stellen wir dem Regierungsrat folgende Fragen:

  • Welches ist die Haltung des Regierungsrates zur gesellschaftlichen Anerkennung von Homo- und Bisexualität und deren Thematisierung in der Schule?
  • Ist der Regierungsrat bereit, gegenüber den Lehrkräften klar zu signalisieren, dass die Schule im Rahmen ihrer Möglichkeiten Jugendliche in der Anerkennung ihrer Sexualität und Identität unterstützen soll und Homo- und Bisexualität als eine gleichwertige (und nicht krankhafte oder «heilbare») sexuelle Orientierung darzustellen hat?
  • Kann der Regierungsrat dafür sorgen, dass in diesem Sinne in der Schullaufbahn jeder Schülerin und jedes Schülers im Kanton Bern mindestens einmal eine Auseinandersetzung mit dem Thema «Homo- und Bisexualität» stattfindet?
  • Ist sichergestellt, dass Homo- und Bisexualität als gleichwertige Lebensweise sowie die nötigen Grundlagen zu einer entsprechenden Gesundheitsförderung in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung der pädagogischen Hochschule aufgegriffen wird?
  • Welche Möglichkeiten sieht der Regierungsrat, dass allen Schülerinnen und Schülern (ab 12 Jahren) eine stufengerechte Broschüre (oder ein ähnliches Produkt) über die verschiedenen sexuellen Orientierungen zur Verfügung steht, welche sie in einem allfälligen inneren und äusseren «Coming-Out» informiert und berät?
  • Welche Möglichkeiten sieht der Regierungsrat, entsprechende Bemühungen der Berner Gesundheit oder privater Schulprojekte zu fördern oder zu unterstützen?


Berner Regierungsratswahlen 2006
2002 hat Bernhard Pulver erfolglos für den Regierungsrat kandidiert. Am 9. April will der GFL-Grossrat erneut antreten. Denn die Chancen für einen Sitzgewinn für Links-Grün-Mitte sieht er jetzt besser als 2002.
«Eine Sicherheit, dass ich gewählt werde, gibt es nicht. Die Sache ist völlig offen aber die Chancen für einen Sitzgewinn unserer Seite sind viel besser als im Jahr 02. Auch meine persönliche Situation ist eine andere. In den letzten vier Jahren konnte ich Wesentliches zur kantonalen Politik beitragen und bewegen, was über die Parteigrenzen hinweg Anerkennung gefunden hat.

Bernhard Pulver war bereits mit 18 Jahren Gründungsmitglied der Grünen Partei Schweiz, später deren Generalsekretär, dann Berner Stadtrat, Grossrat und GFL-Fraktionspräsident. Und aktuell ist er zudem Regierungsratskandidat. In der Gay-Community kennt man ihn seit Jahren als offenen und unermüdlichen Kämpfer für die Anliegen von Schwulen und Lesben.


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