«warmer mai» im siebten Jahr
Der Zürcher Kulturmonat ist vielfältiger und hochkarätiger denn je

Von Martin Ender

Der Kulturmonat «warmer mai» hat in diesem Jahr bereits im Vorfeld recht viel Aufsehen erregt und ein beeindruckendes Echo erhalten. Für den Kunst-Event «beautiful-4-ever» malte der Zürcher Künstler Bernd Alder je fünfzehn schwule und lesbische Aktmodelle.
Bereits zum siebten Mal hat der Verein «warmer mai» ein äusserst vielfältiges und spannendes lesbisch-schwules Kulturfestival auf die Beine gestellt – und das für einen vollen Monat. Tag für Tag reihen sich die Anlässe aneinander und überschneiden sich des öftern. Mann und Frau haben also die Qual der Wahl. Musik, Ausstellungen, Workshops & Kurse, Theater, Führungen, Literatur, Kleinkunst, Film, Sport, Freizeitvergnügen, Essen & Trinken und Party sind die Stichworte des dicht gedrängten Programms.

Hochkarätig
Verschiedene Prominente sind dieses Jahr dabei, vom Styling-Experten Clifford Lilley über Charles Clerc im Gespräch mit dem Historiker und Ausstellungskurator Alexis Schwarzenbach bis zur Professorin für Neuropsychologie Marianne Regard. Die letzte Mai-Woche bietet fulminante Höhepunkte, die internationale Jazz-Koryphäe Irène Schweizer tritt im Duo mit Co Streiff auf und der aus SK Kölsch bekannte Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler gibt den «Gangster of Love». Auch die Königinnen der Kultband «Les Reines Prochaines» geben sich die Ehre mit ihrem vor Irrwitz nur so strotzenden Programm «Halluzination». Ein besonders glamouröser Genuss werden die internationalen Musical-Stars Kate Michaels und David Morell sein. Mit der lesbischen Performerin Simone Aughterlony und ihrem Programm «Performers on Trial» konnte ein weiteres internationales Highlight ins Programm aufgenommen werden.

Aussergewöhnlich
Sehr viel Aufsehen erregte der Kunst-Event «beautiful-4-ever» und das sogar bereits im Vorfeld. Der Zürcher Künstler Bernd Alder malte je fünfzehn schwule und lesbische Aktmodelle, die Bilder sind während des ganzen Monats zu sehen. Entscheidend für die Auswahl der Aktmodelle waren nicht Schönheit oder Alter, sondern das Los. Über sechzig Personen hatten sich angemeldet – und nicht nur aus Zürich und der Agglomeration, sondern aus Zug, Schaffhausen, aus dem Thurgau, aus Stuttgart und Berlin. Das schwul-lesbische Kulturfestival «warmer mai» entwickelt sich immer mehr zu einem Festival mit internationaler Ausstrahlung. Gleichzeitig hat sich mit den schwullesbischen Festspielen «Pink Flamingo» in Basel auch in der Schweiz die Idee eines solchen Festivals weiter etabliert.

Eine spannende und gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit ergab sich mit dem Museum für Gestaltung Zürich im Hinblick auf die von April bis Juli dauernde und sich an ein breites Publikum richtende Ausstellung «Gay chic – von der Subkultur zum Mainstream», in der aufgezeigt wird, wie die subkulturelle Ästhetik der Homosexuellen vom Mainstream als Trendy aufgenommen wird.

Breit gefächert
Mit im Programm von «warmer mai» sind auch dieses Jahr wieder Auftritte von Züri-Bands, neue Theaterstücke, Lesungen von internationalen und Zürcher Autorinnen und Autoren, verschiedene Spiel- und Sportturniere und natürlich die bereits legendären und beliebten Zooführungen zu «Homosexualität im Tierreich». Die Veranstalter des Kulturmonats «warmer mai» fassen übrigens den Begriff Kultur sehr weit. Zum einen die oben aufgeführten Veranstaltungen, zum andern aber gehört zur schwullesbischen Kultur auch «alles, was wir zusammen unternehmen» und dazu gehört natürlich auch das Partyleben. Darum sollen auch die wichtigsten Veranstaltungen hier erwähnt sein: Gayball «en robe» am 6. Mai, Tanzleila Frauendisco am 7. Mai, Electroboy Liveshow am 10. Mai, CSD Radio Eröffnungsparty am 12. Mai und die Angels White Party am 20. Mai.

Hier vorab ein paar besondere Leckerbissen:

Die Geborene
Renée Schwarzenbach lebte ein intensives Leben ohne Kompromisse. Die passionierte Reiterin und obsessive Fotografin liebte ihren Mann aufrichtig, unterhielt aber gleichzeitig fast vierzig Jahre lang mit der Wagnersängerin Emmy Krüger ein intimes Verhältnis. Politisch schlug ihr Herz stets für Deutschland, egal ob dort der Kaiser, Hitler oder Adenauer an der Macht war. Und weil sie vor allem deutsche Musik liebte, gingen Künstler wie Richard Strauss oder Wilhelm Furtwängler bei ihr ein und aus. Sowohl als Turnierreiterin im Damensattel als auch als Pferdezüchterin feierte sie Erfolge, im Privatleben aber musste sie immer wieder herbe Enttäuschungen einstecken.
Zwei ihrer fünf Kinder machten ihr grosse Sorgen: Ihr erster Sohn Robuli, der nie sprechen lernte und den sie über alles liebte – sie widersetzte sich standhaft ärztlichen Bestrebungen, ihn in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen – und ihre Tochter Annemarie, Schriftstellerin und Fotografin.
Die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter, die Tagebücher der Grossmutter Clara Wille von Bismarck sowie Annemaries detaillierte Krankengeschichte stellen den jahrelangen Kampf zwischen Annemarie und Renée in ein völlig neues Licht. Vordergründig ging es um Politik und Drogen, tatsächlich aber um einen sich ständig wiederholenden Prozess von Liebe und Hass, Leid und Mitleid.
Der Urenkel und Biograf Alexis Schwarzenbach hat Renée Schwarzenbach im Buch porträtiert und erzählt im Gespräch mit Charles Clerc von Renée und anderen Frauen in ihrem engeren und weiteren Umfeld.
Fr. 15.- Vorverkauf Migros-City
Mittwoch, 3. Mai 20.30 Uhr Provitreff


Les Reines Prochaines: «Halluzination»
Sie sind die exzellenten Königinnen von den Ufern des Rheins und schmettern ihre Lieder, die das Leben schrieb. Mit aufgeschürften Knien und aufgesperrten Kehlen, singen sie die Chöre und tanzen den neuen Walzer. Voll Zorn und Schmach hauen sie auf die Becken und wiegen das Akkordeon. Les Reines Prochaines reiben sich die Hände und trinken noch einen Schluck. Spülen. Sie greifen zu Saxophon, Klarinette, Bass und Trompete. Es gibt eben Lieder, die geschmettert werden müssen. Auf der Bühne sind alle eroberten Trophäen deutlich sichtbar. Es sind dies Heldenkränze, Trauerkränze, Rettungsringe aller Art, die gespenstische Albina, die Flagge des 23-jährigen Geschlechterfriedens, ein Blitzableiter, das Engadin im Modell und eine Hypnosemaschine. Les Reines Prochaines singen, zelebrieren, erzählen und tanzen in lässiger Professionalität tragische Geschichten, unmögliche Geschichten, schöne Geschichten.

Mit Michèle Fuchs, Fränzi Madörin,
Barbara Naegelin, Muda Mathis und Sus Z.
Fr. 35.- / Fr. 25.- (AHV/IV/Legi) Vorverkauf: Migros City
Mittwoch, 24. Mai 20.00 Uhr Miller’s Studio


Gangster of Love
Ein kleiner, korpulenter Herr im Streifen-Pyjama – das ist nicht unbedingt, was man sich unter einem «Gangster of Love» vorstellt. Und doch: eine ständig wachsende Fangemeinde sieht in diesem kleinen, dicken, sexy Sänger und Schauspieler Gustav Peter Wöhler genau das.
Die Gustav Peter Wöhler Band gibt es seit nunmehr zehn Jahren. Mittlerweile hat die Band nahezu hundert Konzerte gegeben und nebenbei über 10'000 CDs verkauft – und sich dabei bewahrt, was sie von so vielen anderen Kollegen unterscheidet: Die vier Jungs verstehen ihre Musik als Projekt aus Leidenschaft, als Spass unter vier Freunden. Diese Ehrlichkeit und diese Freude ist es, was das Publikum spürt und begeistert. Auch das neue Programm der Band präsentiert nun wieder eine Auswahl sehr persönlicher Lieblingslieder. Gewachsen ist dabei die Vielfalt der Genres, der Wechsel zwischen Jahrzehnten der Musikgeschichte: Gustav Peter Wöhler und seine Musiker unternehmen Reisen von den Beatles zu Joan Osborne, von den Stones zu Rio Reiser oder von Van Morrison zu Annett Louisan. Was die Titel vereint, sind die sehr persönlichen Geschichten, die die vier Künstler mit ihnen verbinden – und jene aussergewöhnlichen wie schnörkellosen Arrangements, die selbst altbekannte Klassiker wie «Ring of Fire» oder «Mrs. Robinson» zu ungeahnten Erlebnissen werden lassen.
Dienstag, 30. Mai und Donnerstag, 31. Mai
jeweils 20.00 Uhr
Theater Rigiblick


«Gay Chic» – Von der Subkultur zum Mainstream
Die Ausstellung verfolgt in den fünf Themenbereichen Werbung, Mode, Film, Partykultur und Popmusik, wie der Stil aus der Subkultur der Schwulen und Lesben in den visuellen Alltag der Heterosexuellen transferiert wird und dort neue Impulse gibt. Voraussetzungen für den aktuellen Trend sind unter anderem die veränderte soziale Wahrnehmung von Schwulen und Lesben, die wechselseitige Beeinflussung homosexueller und heterosexueller Lebensstile und die postmoderne Lust am Spiel mit Rollenbildern von Mann und Frau.
Der Umgang mit dem eigenen Körper und seinem Styling hat sich insbesondere bei den heterosexuellen Männern verändert. Diverse Pflegeprodukte, Haarentfernung und aufbauendes Muskeltraining gehören ebenso zum Repertoire wie ein ausgesuchtes Styling. Während sich heterosexuelle Männer betont bis übertrieben gepflegt geben, ist bei homosexuellen Männern heute Brusthaar, Bart und nachlässiges Erscheinungsbild, also eine teilweise gegenläufige Stilentwickung «in». Bei heterosexuellen Frauen ist der «Gay Chic» mehr auf ein Verhalten denn auf Stilmerkmale bezogen. Gerade im Kontrast von femininem Äusseren und lesbischer Pose liegt der Reiz: Frauen küssen sich auf Parties, wie es Madonna und Britney Spears bei der Verleihung der MTV Awards 2003 vorgemacht haben.
Neben Beispielen aus der Alltagskultur sind in der Ausstellung zahlreiche Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern zu sehen: stilprägende Arbeiten von Robert Mapplethorpe, Pierre et Gilles, Walter Pfeiffer sowie Leuchtkästen von Judith Schönenberger und eine Diaprojektion von Karin Erni. Drag (kurz für: «dresses as guys») Kings geben mit einer Raum-Installation Einblick in ihre subkulturelle Szene. Stil-Ikonen wie David Beckham, der Ur-Dandy Beau Brummell und Marlene Dietrich (die Diva als Garçonne) sind weitere Themen in der Ausstellung. Klischees und Stereotypen zum Thema werden in interaktiven Arbeiten zur Diskussion gestellt. Letztlich geht es auch um die Frage nach der eigenen Identität in einer Zeit, in der sich äusserliche Unterscheidungsmerkmale zunehmend verwischen. «Metrosexuell», «übersexuell» oder das englische «queer» lauten die aktuellen Schlagwörter.
26. April bis 16. Juli Museum für Gestaltung, Zürich
Dienstag bis Donnerstag 10.00 bis 20.00, Freitag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00


Ganzes Programm auf http://www.warmermai.ch/


 

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