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Schwule Fussballfans
organisieren sich
Erste Proficlubs
dulden keine Homophobie in den Stadien
Von Hanspeter Künzler
Tottenham Hotspurs ist einer der traditionsreichsten Fussballklubs von
England. Nicht alle Fans sind straight. Der Schwulenfussball in England
boomt und Homophobie wird aus den Stadien verbannt.
The Black Cap in der
Camden High Street ist eine Schwuleninstitution. Auch so mancher gay Londoner
erinnert sich daran, wie er als verkorkster Teenager tat, als warte er
auf einen Bus, ehe er geschwind durch die Pforten huschte, wenn er sich
unbeobachtet fühlte. Unschöne Geschichten machen ebenfalls die
Runde: wie lokale Schlägertrupps sich noch in den 80er Jahren ein
Vergnügen draus machten, Black Cap-Gästen abzupassen, um sie
zu vermöbeln. Damals jagte nur schon der Anblick eines Fussballleibchens
dem durchschnittlichen englischen Schwulen den blanken Horror ins Kreuz.
Zum einen war ernstlich Vorsicht geboten vor den Fäusten der rassistischen
und homophoben Neanderthaler, die damals die Stehrampen des FC Chelsea
und des FC Millwall bevölkerten. Zum anderen erinnert sich jeder
an die Pausenplatzbeleidigung «du Schwuler!» wenn er eine
fussballerische Niete war. Nicht umsonst hat es im britischen Profi-Fussball
erst Justin Fashanu gewagt, sich zu outen. Prompt zerbrach er am Boulevardpresse-Rummel,
den sein «Geständnis» auslöste. Er verübte
Selbstmord. Das war vor fünfzehn Jahren.
Alternative zur
Hetero-Macho-Fussballkultur
Samstagabend, März 2006, Black Cap: lauter hochrote Köpfe und
verschwitzte Fussball-Leibchen! Rot wie die Schweizer Fahne sind sie,
es prangt auf ihnen der Schriftzug «London Leftfooters», und
sogar ein Sponsorenlogo hat es: The Black Cap. Die Linksfüsser sind
eines von fünf Teams, die in der vor Jahren vom Gay Football Supporters
Network (GFSN) eingerichteten nationalen Schwulenliga mitkicken. Unsere
Londoner Boys sind heute besonders happy, denn sie haben dem mächtigen
Village Manchester FC, der seine Sache nur allzu ernst nimmt, ein Unentschieden
abgetrotzt. Dabei gehört es zu den Grundprinzipien der Leftfooters,
dass jeder mitspielen darf, ganz ungeachtet seiner (Un-) Fähigkeiten.
Die Liga ist gegründet worden, weil man einfach spielen wollte, ohne
sich mit den Ärgerlichkeiten der Hetero-Macho-Fuss-ballkultur auseinandersetzen
zu müssen. Stonewall FC (nicht direkt mit der Schwulenrechtsorganisation
Stonewall verbunden) begeht einen anderen Weg: er sieht es als seine Pflicht,
für die schwule Sache zu kämpfen, indem er Teams für eine
reguläre Amateurliga stellt. Derzeit ist Stonewall FC schwuler britischer
Meister, Europa- und Weltmeister sowie Goldmedaillengewinner an der letzten
Schwulenolympiade. Solcher Ehrgeiz liegt den Leftfooters fern, auch wenn
sie gerade ihre Teilnahme an den 7. Gay Games in Chicago planen.
Einfach in Frieden
die Spiele geniessen
Viele Mitglieder des GFSN wollen nicht spielen. Sie wollen nur im Frieden
ihren Fussball geniessen können. Drei solche Mitglieder sind Darryl
Telles, David Ennis und Vince Gillespie. Sie sind lebenslange Supporter
von Tottenham Hotspurs. Dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit
seines Partners David ist auch Duncan Walker unterdessen zum Spurs-Fan
geworden: «Dabei war auch ich als Bub immer der letzte, der ins
Fussballteam gewählt wurde eine grässliche Erinnerung.»
Darryl, David und Vince lernten sich bei den frühen Meetings des
GFSN kennen. «Ich hatte damals einige Jahre keine Matches mehr besucht»,
sagt Darryl, «denn das Klima in den Stadien war beklemmend. Niemand
unternahm etwas gegen die rassistischen und homophoben Gesänge. Es
war widerlich und einschüchternd.» Aber es zeichnete sich eine
Wende ab. Diese begann ironischerweise mit den tragischen Ereignissen
im Heysel Stadion: beim Europacup-Final zwischen Liverpool und Juventus
kamen 1985 39 Fans ums Leben, als randalierende Fans eine Mauer zum Einsturz
brachten. Margaret Thatcher reagierte insbesondere auf dieses Ereignis
und die Hooligan-Epidemie im Allgemeinen, indem sie dem Working-Class-Sport
Fussball absurde Auflagen machen wollte, die nichts mit Sicherheit, aber
mit Klassenvorurteilen zu tun hatten.
Veränderung
des Publikums
Durch diese Auflagen war Fussball plötzlich zum Politikum geworden.
Jetzt bekamen die Fussballfans Schützenhilfe aus dem Underground
der Popszene. Man erinnerte sich daran, wie Fanzines hausgestrickte
DIY-Zeitschriften einst geholfen hatten, die Botschaft der Punks
zu verbreiten. Die Idee wurde für den Fussball adaptiert, und im
Nu existierte eine Masse von inoffiziellen, frechen, alternativen Fanzines,
in denen die Stars nicht einfach angehimmelt wurden, sondern wo Fussball,
Politik und Kultur kritisch reflektiert und diskutiert wurden. Gleichzeitig
gab es im englischen Fussball immer mehr schwarze Profis. Dadurch veränderte
sich die Atmosphäre in den Stadien und die Zusammensetzung des Publikums:
es kamen mehr Frauen an die Spiele, und schwarzen Spielern wurden keine
Bananen mehr nachgeworfen. Dazu sei die WM 1990 in Italien gekommen, sagt
David: «Es war die beste WM seit Menschengedenken, die Stimmung
war superb, Paul Gascoigne war grossartig rundum ein Meilenstein.»
Die Gründung
des GFSN
Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen erfolgte die Gründung
des GFSN. An die fünfzig Mitglieder folgten dem Ruf einer Annonce
in der «Gay Times». Die Tottenham-Supporters stellten die
grösste Gruppe dar sie taten sich alsbald zur Tottenham Gay
Supporters Group zusammen und besorgten sich Season Tickets in der gleichen
Sitzreihe, als die Stehplätze abgeschafft wurden. Heute gehören
dieser auch einige Lesben an und dann stellte es sich heraus, dass
zwei andere Fans in der gleichen Sitzreihe ebenfalls schwul sind (notabene:
der FC Chelsea verfügt noch heute über keine Schwulen-Supporter-Gruppe).
Ein erster Triumph
Gerade konnte die Gruppe einen Triumph verbuchen. Die Boulevardzeitung
News of the World hatte wieder einmal einen «Schwulenskandal»
ausgerufen: Zwei Top-Spieler seien bei einer Schwulenorgie gefilmt worden,
hiess es. Namen wurden nicht genannt, die Gerüchteküche brodelt
und der Arsenal-Verteidiger Ashley Cole zog die Zeitung postwendend
wegen übler Nachrede vor den Kadi (der Fall ist hängig). Das
öffnete in den Stadien Tür und Tor für homophobe Gesänge.
«Jermaine Jenas verpasste eine 100 %ige Chance», erzählt
Darryl, «da schrie einer hinter mir: kommt davon, wenn man
einen Shirt-lifter im Team hat. Ich hätte was sagen sollen
aber man will ja auch nicht gerade, dass sie dann auf dich zeigen
und schreien: look here everybody, weve got a poofter here!».
Stattdessen schrieb die Supportergruppe einen Brief an den Klub sowie
an ein Club-Fanzine. Darin argumentierte sie, dass man gegen die Homophobie
gleich vorgehen solle wie gegen den Rassismus indem man die Missetäter
hinauswerfe und allenfalls mit einem Stadionverbot belege. Nicht nur das
Fanzine stellte sich voll und ganz hinter das Anliegen auch die
Klubleitung reagierte. Als erster Profi-Klub in Grossbritannien liess
Tottenham Hotspurs offiziell verlauten, Homophobie werde im Stadion an
der White Hart Lane nicht mehr toleriert.
Eine Internetlösung
der
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