Schmetterlinge im Bauch
Michi von der Pigalle

Von Kurt Büchler

Nein, Michi hat keine Schmetterlinge im Bauch, wenn er in der Pigalle Schlager Bar hinter der halbrunden Theke steht. So heisst zur Zeit sein Lieblingsschlager. Dass Michi hier steht, ist eigentlich Zufall. So wie vieles in seinem Leben eben Zufall ist.

Vielleicht ist sogar die Geburt des jungen Stiers am 17. Mai 1974 ein Zufall. Im Thurgau erlebt er seine ersten Jahre, in Zürich geht er zur Schule. Nach der Matura ist es sein Traum, Schauspieler zu werden. Er ist vorher schon beim Schüler-Theater dabei und hat seine eigene Gruppe «Verizont» gegründet. «Das Spiel ums Baby» von Edward Albee hat am 23. November 2001 Premiere. Das Theater hat er seither nie ganz aus den Augen verloren. Doch sein Werdegang ist zufällig anders. Im Militär wird er der Küche zugeteilt, findet Spass daran und wird Quartiermeister. Er studiert Architektur, bricht das Studium ab und geht in eine Bank arbeiten. Da holt ihn der Alltag ein, die Wirtschaftskrise macht sich bemerkbar. 2002 wird er im T&M zufällig in ein Gespräch verwickelt und Fanny Fink, sein Alter Ego, ist geboren. In der Pigalle Schlager Bar macht er hin und wieder Aushilfe, arbeitet dann fest da und ist schliesslich am Geschäft beteiligt. Nun präsentiert er am Mittwoch auch im T&M einen Schlagerabend – Goldies.
Wie ist Michi eigentlich auf den Schlager gekommen? «Ganz klar», meint er, «ich bin durch meine Kindheit geschädigt mit der ZDF Hitparade samstagabends». Er liebt Queens, Janis Joplin und Joan Baez. Überhaupt prägt ihn die Zeit der FlowerPower. Seine erste Schlager-Platte kauft er dann im Ex Libris Plattengeschäft: Michelle! Doch nun kann er in der Pigalle Schlager Bar jeden Tag Schlager hören. Da wo die Music Box gefüllt ist und die Gäste ihren Lieblingsschlager wählen können, ohne eine Münze in den Schlitz zu stecken. Die Pigalle Schlager Bar ist da für Alt und Jung – abseits vom Aufriss! Lesbenpaar steht neben Schwulenpaar und alle reden miteinander. Die halbrunde Bar hat auch noch einen weiteren Vorteil: Jeder sieht Jeden. Und der Schlager fördert die Kommunikation der Gäste untereinander.
Was macht denn den Schlager so beliebt? «Da spielt sicher der Kitsch-Aspekt mit. Junge werden angezogen, ja eigentlich alle Generationen.» Neu arbeitet auch Remo als Barman mit – in seinem jugendlichen Alter und mit angenehm frecher Schnauze. Er ist Gastgewerbler, setzt sich ein und identifiziert sich mit der Schlagerbar, denn auch er hat Freude an dieser Musik. Die Präsenzzeit in der Pigalle Bar ist lang. «Und die grosse Zeit der Apéros ist vorbei», sagt Michi. Mit der Aufhebung der Sperrstunde kommen die Gäste immer später. Im Sommer, ja da ist der Boulevard vor der Pigalle Bar am späten Nachmittag belebt – doch hier spielt wahrscheinlich auch der voyeuristische Aspekt ein bisschen mit.
Eigentlich ist Michi ein Einzelgänger, nun steht er (fast) jeden Abend buchstäblich mitten in den Besuchern drin. Er ist ein häuslicher Typ und er reist nicht gern. Wenn doch, dann nach München. Aber er liebt die Ruhe oder wandert gerne in Scuol, weit weg von der Szene und vom Tratsch. Ja, und er ist noch single.

Michis Top Ten
Seine Hitparade hängt von der Stimmung ab – viele Texte kennt er auswendig, die Nummern auf der Music Box sowieso. Heute sieht sie so aus:
1. 7904 Leonard mit «Schmetterlinge im Bauch»
2. 7107 Patent Ochsner mit «Scharlachrot» vor dem Aufräumen der Pigalle Bar
3. 1206 Nicole mit «Mit dir vielleicht»
4. 5513 Michael von der Heide mit «Jeudi mon amour»
5. 6613 Udo Jürgens mit «Griechischer Wein», ein ewiger Gassenhauer
6. 9316 Gitte Henning mit «Freu dich bloss nicht zu früh», aus früher Jugendzeit
7. 9711 Vicky Leandros mit «Ich liebe das Leben»
8. 9705 Katja Epstein mit «Theater, Theater»
9. 3108 Mocedades mit «Eves tu», einer der meistgewünschten Schlager
10. 2019 Maja Brunner mit «Du bisch de Ma für mich»




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