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50 Jahre ohne Socken
Der Barfüsser
feiert im Mai seinen 50sten Geburtstag
Von Roman Ulrich
In der rauen Realität einer starren und bürgerlichen Schweiz
eröffnete der Barfüsser 1956 als öffentliches Trinklokal
seine Türen im Zürcher Niederdorf. Mittlerweile ist der Barfüsser
nicht mehr nur schwul, sondern auch eine Sushibar, ein Café und
ein Treffpunkt für urbane Menschen jeder Couleur.
Cruiser sprach mit
Haymo Empl, Mitaktionär und PR-Verantwortlicher des geschichtsträchtigen
Lokals an der Spitalgasse, das im Mai sein 50jähriges Bestehen feiert.
Von der Lederspelunke
zur Sushi-Lounge
Ende der neunziger Jahre war die einstige Ausstrahlung der ersten Schwulenbar
Europas der Muffigkeit einer schummrigen Spelunke gewichen. Die einstige
«Insel der individuellen Freiheit» fiel schliesslich Anfang
des Jahrtausends dem Konkurs zum Opfer. Ironie des Schicksals: Der finanzielle
Kollaps ermöglichte in der Folge eine gründliche Entstaubung
und Entmottung der Räumlichkeiten im Zürcher Niederdorf. Vor
rund vier Jahren wartete ein neues Team mit hellem Wohnzimmer-Licht, schwarzen
Designermöbeln und einer stilvoll-kühlen Bar in rotem 60er-Jahre-Plastik
auf, um das Lokal wieder zu einem Fixpunkt der Zürcher Szene zu machen.
Das «Cranberry» bekam Konkurrenz vom einstigen Hospiz für
barfüssige Franziskanermönche und war fortan nicht mehr die
unangefochtene Nummer Eins im Niederdorf.
«Wir nehmen
unsere Verantwortung wahr»
Auch wenn der politische Kontext, in dem die Anfänge des Barfüssers
standen, mittlerweile der Coolness der Lounge gewichen ist, ist für
Haymo Empl ein gewisses Engagement für die schwullesbische Sache
immer noch von Bedeutung: «Der Barfüsser unterstützt Projekte,
die vielleicht etwas nonkonform sind. Aber wir nehmen unsere Verantwortung
wahr.» Angesprochen auf spezifische Unterstützung für
und in der Community, kommt Empl ins Sinnieren: «Was ist denn die
Community? Ich denke, dieses Konstrukt existiert nicht.» Als kritisches
Exempel fügt er die selbst erlebte abfällige Reaktion von zwei
jungen Schwulen auf ein lesbisches Elternpaar mit Kind an. Die beiden
Männer Anfang zwanzig hätten sich an einem Samstagnachmittag
im Barfüsser lautstark darüber beschwert, dass mittlerweile
sogar Hausfrauen mit ihren Kindern aufkreuzen. «Ich habe mich sehr
für die Community geschämt», so Empl.
Die Szene und ihr
«Fuess»
Der Barfüsser und die Szene: eine nicht immer unproblematische Liaison.
Besonders in der Anfangszeit mäkelte tout Zurich über den hapernden
Service und auch nach wie vor haftet der Bedienung des Barfüssers
eher das Image einer Schneckenpost als das einer Expresskutsche an. Empl
bemüht sich um eine Erklärung: «Wir hatten am Anfang eine
etwas lange Anlaufzeit bis die Effizienz des Personals befriedigend war,
dies weil wir nie mit einem derartigen Ansturm gerechnet hatten. Aber
das hat sich mittlerweile geändert. Problematisch wird es nur noch,
wenn das Personal wegen dem großen Andrang vor allem an den
Wochenenden schlicht und einfach nicht mehr durchkommt.»
Mangelnde Aufmerksamkeit für seine Gäste kann man Empl indes
nicht vorwerfen «Ich mische mich gerne unter die Gäste. Oft
sprechen die Leute mit mir über ihre Alltagsprobleme, über ihre
Freuden, ihre Pläne, über ihre Talente, ihre Visionen und leider
häufig auch über ihre zerstörten Illusionen. Oft gehen
mir die Schicksale, die ich von meinen Gästen höre, persönlich
sehr nahe, manchmal sogar viel zu nahe», so Empl zu seiner Gastgeberrolle.
Da er als selbständig erwebender Autor und Journalist oft tagelang
allein hinter dem Bildschirm sitze, sei für ihn die Tätigkeit
im Barfüsser auch eine willkommene Abwechslung.
Zurück in
die 50er
Im Moment bastelt Empl mit seinen Kollegen Robyn und Michi mit Hochdruck
an einer «Geburtstagswoche der Extraklasse», die er jenseits
von Jubel, Trubel und Heiterkeit auch als Chance für Zürichs
Stadtgeschichte sieht: «Wir haben in der Stadt Zürich eine
unglaublich spannende lesbisch-schwule Geschichte, nur ist davon sehr
wenig bekannt. Das Barfi-Jubiläum ist daher eine gute Gelegenheit,
diese Geschichte zu recherchieren und zu kommunizieren. Wir drei freuen
uns sehr darauf und arbeiten wie verrückt auf den 22. Mai hin.»
Als Auftakt zu den Jubiläums-Festivitäten werden an diesem Tag
die Gäste kulinarisch und ökonomisch in die 50er-Jahre zurückversetzt.
Gereicht werden für einmal nicht Sushi-Häppchen, sondern Barfüsser
Pommes Frites auf Stoffservietten und Amselfelder Weisswein, zu den Preisen
von damals, versteht sich. Diese Aussichten dürften nicht nur die
Herzen der Ledersepps, wie man in den 50er Jahren in Tierhäute gekleidete
Mannen zu bezeichnen pflegte, höher schlagen lassen.
Weitere Informationen
unter www.barfuesser.ch
Eine Internetlösung
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