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Schwulenmusik
frisch aus dem Archiv
Die Sammlung mit
24 Songs erzählt auch die Geschichte der erkämpften Freiheiten
Von Hanspeter Künzler
Jon Savage hat
mit «From The Closet To The Charts Queer Noises 1961
1978» Songs von schwulen Künstlern zusammengetragen, die damals
als solche kaum in Erscheinung traten. Die CD ist ein Stück Musik-
und zugleich Schwulengeschichte.
Mit der Zusammenstellung
dieser CD sei es vor fünfzehn Jahren losgegangen, schreibt der englische
Pop-Fan und -Theoretiker Jon Savage im Umschlagbüchlein dieser witzigsten
und tiefgründigsten Schwulenmusiksammlung, die je erschienen ist.
Damals nämlich habe ihm ein Kumpel die Single «Kay Why»
von den Brothers Butch in die Hand gedrückt. «Obwohl die Single
eine Neuheit darstellte», schreibt Savage, «enthielt sie
mit ihrem affektierten Gesang und der ausgequetschten KY-Tube auf dem
Cover genug Realität, um einen Einblick in die Welt der Schwulen
zur Zeit ihrer Aufname zu gestatten: 1967, das Jahr in dem gerade damit
begonnen worden war, die Homosexualität in Grossbritannien zu entkriminalisieren.
Kay Why war anders als alles, was ich jemals gehört hatte
und ich dachte: Davon muss es doch noch mehr geben!»
Disco streben
nach Sinneslust
Das Timing des letzten Stückes auf der CD Sylvesters euphorische
Disco-Hymne «You Make Me Feel (Mighty Real)» erschien 1978
ist vielsagend: mit der Single machte sich der Geist der Schwulendiscos
in den Hit-Paraden breit, ohne sich hinter Feigenblättern zu verstecken.
Disco zelebrierte den Hedonismus und machte es leichter als jeder vorangegangene
Musikstil, aus dem Hinterzimmer in die Charts zu gelangen. Darauf folgte
Boy George und erkämpfte noch mehr und noch buntere Freiräume.
Selbst als Disco den Weg aller Trends gegangen war, gehörte die Musik
aus den Schwulenklubs noch lange zum Alltag der britischen Charts: Hi-Energy
hiess eine neue, etwas klotzige und hyperschnelle englische Disco-Variante,
die mit ihren Refrains zum Mitgröhlen in den Gay Clubs ebenso populär
war wie dort, wo sich Sekretärinnen zum Geburtstag trafen (von der
heutigen Warte aus wirkt Hi-Energy übrigens wie die Grossmutter von
Scooter).
Schwulenerfahrung
in Songs fassen
Damals, Ende der 80er-Jahre, ging der Ausdruck «Queercore»
durch die Schwulenwelt. Ausgehend von GB Joness und Bruce LaBruces
kanadischer Underground-Publikation «J.D.s» hatten sich unter
diesem Banner allerhand amerikanische, kanadische, europäische und
sogar neuseeländische Bands zusammengeschart, deren postpunkiges
Ziel es war, die Schwulenerfahrung in all ihrer Vielfalt der Umgang
mit AIDS inbegriffen in Songs zu fassen. Bands wie No Brain Cells,
The Apostles, God Is My Co-Pilot, Pansy Division und Tongue Man mögen
heute nur noch in den ausgesuchtesten Plattensammlungen zu finden sein.
Nie zuvor aber hatte es im Rockbereich eine solche «Szene»
von Künstlern und Künstlerinnen gegeben, welche sich derart
intensiv mit Sexualpolitik auseinandersetzten und dies erst noch
mit trendiger Musik taten. Für einen Punkhistoriker wie den 1953
geborenen Savage war es eine Selbstverständlichkeit, sich mit Queercore
auseinanderzusetzen. Und ebenso selbstverständlich war der Schritt
von da aus in die Vergangenheit. Genauer: in die Zeit, wo das Schwulsein
zwar nicht mehr (unbedingt) strafbar war, doch aber auch nicht überall
offen als solches auftreten konnte.
Auftauchen des
Wortes «gay»
Die 24 Songs auf der CD zeigen bemerkenswert klar auf, wir rar die Versuche
waren, die vielgerühmte sexuelle Revolution der Sixties im Musikbereich
auch für die Schwulen zu erschliessen. In der Tat landet man bei
den üblichen Jasstisch-Diskussionen darüber, welcher 60er- und
70er-Musiker auch noch hätte schwul sein können, mit trister
Regelmässigkeit immer wieder bei David Bowie, Lou Reed, Elton John
und lässt allenfalls noch Brian Epstein gelten («Wir
waren eher verwirrt», erklärte Paul McCartney Jahre später
auf die Frage, wie er reagiert habe, als die Homosexualität des Managers
bekannt wurde: «Wir hatten keine Ahnung, was es wirklich bedeutete,
wenn einer schwul war.» Dabei gemahnte das schwarze Leder der frühesten
Beatleszeit ganz an die Mode in den versteckten Schwulenklubs). Ich selber
erinnere mich an eine solche Diskussion Ende der 70er-Jahre mit dem Theaterschreiber
Baschi: selbst in unserem jugendlichen Eifer kamen wir dabei mit bestem
Willen nebst Laura Nyro bloss noch auf den Kanadier Lewis Furey, der auf
seiner herrlichen, von theatralischen Ideen nur so strotzenden ersten
LP nicht nur ziemlich «camp» tönte, sondern das Wort
«gay» im zweiten Lied («Last Night») unglaublich
genüsslich auslutschte. Auch Savage ist an Furey nicht vorbeigekommen
allerdings wurde ihm die Erlaubnis verwehrt, eines seiner Stücke
für seine CD zu verwenden.
CD mit Hits, Raritäten
und Kuriositäten
Es ist auch so eine abenteuerliche Sammlung gelungen. In die Hitparade
kamen nur zwei der ausgesuchten Songs: der genannte Sylvester-Titel sowie
«See My Friends» von den Kinks (Top Ten in den englischen
Charts im August 1965), dessen Text gemäss Autor Ray Davies sich
um «einen ganz normalen, gutaussehenden Jungen im Pop Business»
drehe, den «die Mädchen so übel behandelt haben, dass
er eine Art Schwuler wird.» Wie rar fast alle restlichen Aufnahmen
sind, ist ein Zeichen dafür, wie selten das Thema aufs Tapet gebracht
wurde. Die Palette des Gebotenen reicht vom Travestiekünstler Jose,
der anfangs der 60er-Jahre im Black Beat Club von San Francisco zu einem
«Laurel & Hardy»-artigen Piano «At The Black Cat»
wiehert und damit «Cabaret» vorwegnimmt, bis hin zu den Oberpunks
The Ramones, die in «53d And 3d» das Leben eines Strichers
besingen. Muntere Grotesken wie die Operettenverballhornung «Nobody
Loves A Fairy When Shes Forty» vom Londoner Transvestiten
Mr. Jean Fredericks, «Florence Of Arabia» von Byrd E. Bath
und Rodney Dangerfield oder B. Bubbas «Id Rather Fight
Than Swish» wühlen richtig in den Puderwolken nebliger Spelunken.
Eher spannender sind aber die Überraschungen, die man hier auch antrifft.
Dazu gehört «Eros» vom millionensellenden Beat-Poeten
und Songschreiber Rod McKuen, eine so sensible wie kühne Beschreibung
eines Einsamen auf der Suche nach Wärme. Oder eine vergessene Single-B-Seite
der bekannten Instrumentalgruppe The Tornados, auf der nach zwei Minuten
plötzlich zwei Cruiser zu klatschen und keifen anfangen. Oder Teddy
& Darrels Schwulenklubversion von «These Boots Are Made
For Walking». Oder das erotische Träumchen «Astral Cowboy»
vom Westcoast-Sänger Curt Boettcher. «Bitterfeast» heisst
ein auf einem Gedicht von Leonard Cohen beruhendes Lied seines schwulen
Namensvetters und Taxifahrers Michael Cohen, der für das zutiefst
seriöse Folklabel Folkways drei Alben einspielte: es wirft mit besonderer
Eindringlichkeit die Frage auf, warum sich gerade in den politisch so
hochmotivierten Sixties nicht mehr singende Songschreiber zum Schwulsein
bekannten.
«Diese CD erzählt
die Geschichte von hart erkämpften Freiheiten, die bis heute nur
allzu zerbrechlich geblieben sind», schreibt Savage abschliessend.
Nichts führt das besser vor Augen wie der Song «Aint
Nobody Straight In L.A.» von der schwarzen Soulgruppe The Miracles.
Die Homosexualität gehöre einfach zur menschlichen Gesellschaft
singen sie warum sehen das die heutigen Rapper plötzlich nicht
mehr so?
«From The Closet
To The Charts Queer Noises 1961 1978« (Trikont)
Eine Internetlösung
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