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Ein böser Albtraum
für Andersliebende
Die neue polnische
Regierung ruft zu Gewalt gegen Schwule und Lesben auf
Von Thomas Borgmann
Leicht hatten es
Homosexuelle im erzkatholischen Polen noch nie. Doch seit Lech Kaczynski
im Oktober letzten Jahres zum Präsidenten gewählt wurde, ist
die Stimmungsmache gegen Schwule und Lesben im Land zur brutalen Staatspolitik
geworden.
Mit seiner Partei
«Recht und Gerechtigkeit» (PiS) hat sich Kaczynski die moralische
Erneuerung des Landes auf seine Fahne geschrieben und führt dabei
insbesondere einen Feldzug gegen Homosexuelle. Der ehemalige Oberbürgermeister
von Warschau, der zweimal einen CSD in der polnischen Hauptstadt aus fadenscheinigen
Gründen der Sicherheitsgefährdung und der Verletzung religiöser
Gefühle verboten hat, bezeichnet Homosexualität als unnatürlich
und als eine Bedrohung der Zivilisation. Durch ihre Ausbreitung, so Kaczynski
in einer Rede im März dieses Jahres vor der Berliner Humboldt-Universität,
stünde das Überleben der Weltbevölkerung auf dem Spiel.
Eine rechtsradikale
Unterstützung seiner homophoben Politik erfährt Kaczynski jetzt
durch seine Koalitionspartner. Um nach monatelangem Taktieren eine Mehrheitskoalition
zu bilden, ist die bislang in der Minderheit regierende PiS im Mai dieses
Jahres mit der populistischen Bauernpartei «Selbstverteidigung»
und der ultrarechten «Liga Polnischer Familien» (LPR) ein
Regierungsbündnis eingegangen. Für Schwule und Lesben stellt
diese Koalition ein regelrechtes Gruselkabinett dar. Roman Giertych, der
Vorsitzende der LPR, ist damit zum Vizepremier und Erziehungsminister
ernannt worden. Die von ihm 1989 wiederbelebte Nachwuchsorganisation seiner
Partei, die «Allpolnische Jugend», ist für gewalttätige
Übergriffe auf Homosexuelle und Ausländer bekannt. Schon mehrfach
wurden Schwule und Lesben von den allpolnischen Glatzköpfen auf Strassenschlachten
regelrecht krankenhausreif geprügelt. Als seine Partei noch in der
Opposition war, liess Giertych seine «Allpolnische Jugend»
gelegentlich mit dem Ruf «Schwule ins Gas» demonstrieren.
Jetzt will er sich in seinem Regierungsamt vor allem der Beendigung «homosexueller
Propaganda an den Schulen» widmen.
Politischer Hooliganismus
Sein Stellvertreter Wojciech Wierzejski erläutert die Gründe
für diesen Schwerpunkt der Politik seiner Partei: Homosexuelle, so
stellt der Abgeordnete fest, «sind oft Kinderschänder oder
Geheimdienstagenten». Schon zu kommunistischen Zeiten hätten
sie sich als «Spitzel, Zuträger und Denunzianten» hervorgetan.
Deshalb empfehle er dringend das «Verbot ihrer Organisation».
In die westlichen Medien brachte sich Wierzejski, indem er öffentlich
dazu aufrief, Menschen, die an der Warschauer Gleichberechtigungsparade
am 10. Juni teilnehmen wollten, mit Gewalt daran zu hindern. «Man
sollte keine Kundgebung zulassen, weil das die Verbreitung der Perversion
und Pathologie bedeutet. Falls die Perversen anfangen zu demonstrieren,
sollte man sie mit Knüppeln verprügeln», so Wierzejski
in einem Kommentar für die Tageszeitung «Zycie Warszawy».
durch diese Äusserung ist jetzt aber endlich auch die europäische
Öffentlichkeit auf die diskriminierende und antidemokratische Politik
in Polen aufmerksam geworden. Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments
wollen die Staats- und Regierungschefs in der EU bitten, das Mitgliedsland
Polen an seine vertraglich festgelegte Pflicht des Respekts vor Minderheiten
und Menschenrechten zu erinnern. Die deutsche Grünen-Vorsitzende
Claudia Roth erstattete bei der Berliner Staatsanwaltschaft Strafanzeige
gegen Wierzejski wegen der Androhung von Gewalt. Sie beteiligte sich mit
anderen deutschen und schwedischen Politikern und Promi-nenten am Warschauer
CSD und bewirkte damit, dass er unter dem Druck der verstärkten Aufmerksamkeit
im Ausland in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2003 wieder legal stattfinden
konnte.
Homosexuelle werden
zum Staatsfeind gemacht
Gleichwohl findet die Diffamierung homosexueller Menschen in der Öffentlichkeit
und an den Bildungseinrichtungen weiterhin ungehindert statt. Eine katholische
Organisation verschickte Ende März eine 55seitige Broschüre
mit dem Titel «Die latenten Probleme der Homosexualität»
polenweit an sämtliche Schulleitungen mit der Auffoderung, Aufklärungsarbeit
über die «jugendgefährdenden Aktionen der homosexuellen
Lobby» zu betreiben. Darin steht unter anderem, dass Homosexuelle
Fäkalien essen und das Blut anderer Menschen trinken. Auch die Gewalt
gegen Schwule findet in den Hetzblättern weitere Nahrung, etwa in
Äusserungen wie: «Eine Diskriminierung von Menschen mit homosexuellen
Tendenzen ist für das Wohl der Gesellschaft und der Individuen in
ihr genauso unerlässlich wie die Diskriminierung physisch gesunder
Menschen, die sich weigern, arbeiten zu gehen». Keine Frage, dass
homosexuelle Lehrer und Lehrerinnen ein Berufsverbot fürchten müssen,
wenn ihre sexuelle Identität bekannt wird.
Wenngleich die Schwulenfeindlichkeit
in Polen vor allem in den starken katholischen Wurzeln der Bevölkerung
begründet ist rund 95 Prozent der Polen sind katholisch getauft
und bezeichnen sich als gläubig ist der Homosexuellenhass
in ganz Osteuropa verbreitet. Auch in Moskau, Belgrad oder Bukarest hinkt
die Sexualaufklärung um zwanzig Jahre hinterher, und Schwule und
Lesben haben Prügel und Schlimmeres zu befürchten, wenn sie
sich öffentlich zu ihrer Sexualität bekennen. Russische Orthodoxe
segnen beispielsweise kampfbereite Skinheads oder bezeichnen die Vogelgrippe
als Strafe Gottes gegen Schwule und Lesben. Verboten wurden Demonstrationen
von Homosexuellen auch in Russland, Rumänien, Moldawien und Lettland.
Die Balten haben als erstes EU-Land das Verbot der Schwulenehe sogar in
der Verfassung festgeschrieben.
Westliche Dekadenz
Homosexualität gilt auch heute noch in vielen osteuropäischen
Ländern als westliche Dekadenz und widerspricht dem sozialistischen
Vater-Mutter-Kind-Modell und dem Männ-lichkeitswahn der Militärs
und Diktatoren. Jahrzehntelang hatte die kommunistische Propaganda Homosexuelle
stigmatisiert. Heute wird in den ehemaligen Ostblock-Staaten Demokratie
häufig als Diktatur der Mehrheit missverstanden. Zumindest in den
Ländern, die bereits Mitglied der Europäischen Union sind oder
dieses einmal werden wollen, könnte das Europäische Parlament
der Diskriminierung und dem Demonstrationsverbot aber zweifellos noch
wirksamer entgegentreten als bisher. Dass dies bislang eher zögerlich
geschah, mag auch daran liegen, dass Homosexuelle auch in der westlichen
Gesellschaft eine Minderheit bilden.
EU-Parlament gegen
Homophobie in der EU
Das Europäische Parlament hat mit grosser Mehrheit die wachsende
Lesben- und Schwulenfeindlichkeit in einigen EU-Staaten verurteilt. Das
Parlament in Strassburg fordert die EU-Kommission in Brüssel auf,
eine aktivere Rolle im Kampf gegen die Homophobie der Regierungen einiger
Mitgliedstaaten einzunehmen. Im Zentrum der Kritik stehen osteuropäische
Länder wie Polen und Lettland. Die Kommission wurde auch aufgefordert,
gegen solche Mitgliedstaaten vorzugehen, die das EU-Gesetz zur Gleichbehandlung
von Lesben und Schwulen am Arbeitsplatz noch nicht in nationales Recht
umgesetzt haben. Kritisiert wurde zudem, dass die in einigen EU-Ländern
mögliche Homo-Ehe oder bürgerliche Partnerschaft für gleichgeschlechtliche
Paare in vielen anderen EU-Mitgliedstaaten nicht anerkannt werde. Darüber
soll die Kommission einen Gesetzentwurf zur Stärkung der Rechte von
in gleichgeschlechtlichen Gemeinschaften lebender Eltern und ihrer Kinder
vorlegen.
Eine Internetlösung
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