Segen von ganz oben für Hass auf Schwule
In Moskau hat Schwulenfeindlichkeit System - schlimmer als zu Sowjetzeiten

Von Martin Ender

Die Homosexuellen-Parade in Moskau, die Ende Mai geplant war,wurde vom Stadtpräsidenten Luschkow verboten. Die Veranstalter sagten die Parade ab. Die wenigen, die dennoch auf die Strasse gingen und am Grab des Unbekannten Soldaten Blumen niederlegen wollten, bekamen Prügel. Der deutsche Grünen-Politiker Volker Beck wurde blutig geschlagen.

Russland ist immer noch eine durchgehend patriarchalische Gesellschaft und schwulenfeindlicher als westliche Länder vor Jahrzehnten. In Moskau und in St. Petersburg gibt es zwar Schwulen- und Lesbenkneipen, Homosexuellen-Saunas, –Diskotheken und –Geschäfte. Schwule und Lesben meiden aber aus Angst vor Gewalt vorwiegend die Öffentlichkeit.

Unter Jelzin schien sich das verkrampfte Verhältnis zur Homosexualität zu entspannen. 1993 wurde nämlich der berüchtigte Paragraf 121 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, aufgrund dessen seit der Stalin-Zeit Tausende von homosexuellen zu fünf Jahren Straflager verurteilt worden waren. Doch schon im April 2002 brachte Dimitrij Rogosin im russischen Parlament einen Gesetzentwurf ein, der verlangte, dass Homosexuelle wieder nach Sibirien geschickt werden können. Wenig später verpflichtete sich Russlands Armee, ab Juli 03 neben Drogenabhängigen und Aidskranken auch Homosexuelle vom Wehrdienst auszuschliessen, weil sie «eine Gefahr für die Volksgesundheit» seien.

Massiver Polizeieinsatz
Die Schwulenszene hatte eigentlich geplant, den 13. Jahrestag der Streichung des Paragrafen 121, der Sex unter Partnern des gleichen Geschlechts verbot, mit einer Parade im Stadtzentrum zu begehen. Doch die Schwulenaktivisten hatten die Rechnung ohne Moskaus Vizepräsidentin Lidia Schewzowa gemacht. Sie bedauerte gegenüber ihrem Chef, dass in Russland das Gesetz der Stalin-Zeit nicht mehr in Kraft sei, welches gestattete, homosexuelle ins Straflager zu schicken und sie liess ihn wissen: «In unserem Land sind Homosexualität und Lesbenschaft immer als Perversion angesehen und also nach dem Strafgesetzbuch bestraft worden.» Leider sei Homosexualität heute nicht mehr verboten, doch eine Schwulenparade, wie geplant, sei Propaganda für Unmoral und damit illegal. Schewzowas Chef, Stadtpräsident Jurij Luschkow, folgte ihrer Argumentation, verbot die Parade und liess dies noch am Vorabend von einem Gericht bestätigen. 1000 Polizisten und 700 Soldaten wurden in Alarmbereitschaft gesetzt.

«Tötet Schwule»
Ein paar Dutzend Homosexuelle wagten es dann doch, am Samstag auf die Strasse zu gehen. Sie wollten am Grab des Unbekannten Soldaten Blumen niederlegen. Die Polizei hinderte sie daran. Im gleichen Moment rückten Neonazis und ältere Frauen an. Sie riefen «Moskau ist nicht Sodom», «Ehre für Russland» und «Tötet Schwule». Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und der aufgebrachten Menge. Weder die neo-faschistischen Schläger noch die orthodoxen religiösen Eiferer machen in Moskau einen Hehl daraus, dass sie mit der Polizei zusammen gegen die Schwulen und Lesben antreten wollen. Die seit dem Fall des Eisernen Vorhanges erstarkte orthodoxe Kirche zeigt sich immer schwulenfeindlicher. Metropolitan Kirill, der Aussenminister der Orthodoxen Kirche, wetterte im April öffentlich gegen «Heiligenschändung, Abtreibung, Homosexualität, Euthanasie und andere Abartigkeiten, die oft als Menschrecht verteidigt werden.» Russlands oberster Islamischer Führer wollte ebenfalls keine Demo und rief auf: «Und wenn Sie doch auf die Strasse gehen, sollten sie zusammengeschlagen werden. Jeder normale Mensch würde das tun – Moslems wie Christen.» Russlands Öffentlichkeit ist zwar konservativ. Die Stimmungsmache geht jedoch auf Persönlichkeiten vom Kreml bis zum Patriarchat zurück. So sagte denn Präsident Luschkow im Radio: «Mögen westliche Länder mit ihrer Zügellosigkeit dergleichen dulden, Moskau und Russland tun dies nicht.»

Kirchlicher Segen für Schläger
Homosexualität stand in Russland bis 1993 unter Strafe und wurde sogar bis 1999 als Geisteskrankheit eingestuft. Homosexuelle sind in Russland immer wieder Opfer von Anfeindungen und Gewalt. Erst vor einem Monat belagerten Rechtsextreme stundenlang einen Moskauer Club, in dem eine schwul-lesbische Party stattfand. Die Polizei griff ein, aber erst nachdem die Klubgäste Prügel bezogen hatten. Und vom orthodox-fundamentalistischen Priester Igor Artemov erhielten die Schläger den kirchlichen Segen.

Hoffen auf Hilfe aus dem Ausland
In einer solchen Gesellschaft haben es Schwule und Lesben schwer, aus dem Schatten zu treten. Die Parade sollte ein Anfang sein. Die Veranstalter luden auch Gäste aus dem Ausland ein. Man versprach sich eine grössere Beachtung des Anlasses. Eingeladen war auch der offen schwul lebende grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck. Er nahm an einem Kongress gegen Homophobie teil. Er war gerade dabei dem tschechischen Fernsehen und der ARD ein Interview zu geben als ihn ein schwerer Faustschlag ins Gesicht traf. Mit Entsetzen hat die Öffentlichkeit verfolgt, wie er verprügelt wurde. Beck hat sich einen Namen gemacht u. a. durch seinen Einsatz für das deutsche Gesetz der «Homo-Ehe».

Der Gewalt ausgeliefert
Wieder zu Hause wurde Beck im ARD-Morgenmagazin gefragt, wie er sich denn jetzt fühle: «Besser. Man fühlt sich vor allen Dingen sicherer, dass man wieder draussen ist. Aber das Entscheidende ist, wie es den Leuten geht, die dort bleiben müssen, weil die sind jetzt unmittelbar bedroht. Die sind in den Medien gewesen und müssen als Organisatoren befürchten, dass sie weiter angegriffen werden. Die Menschenrechte von Schwulen und Lesben werden dort nicht respektiert. Und das Schreckliche ist: Es gibt keinen einzigen Abgeordneten der Duma, der sich dafür ausspricht, dass Schwule und Lesben zum Beispiel demonstrieren dürfen. Im Gegenteil, es gibt einige Abgeordnete der Duma, die dazu auffordern, Schwule und Lesben zu verprügeln... . Die Polizei hat bei dem konkreten Einsatz dafür gesorgt, dass die friedlichen Demonstranten der Gewalt gar nicht ausweichen konnten. Weil hinter den friedlichen Demonstranten eine Polizeikette war, hinter die man nicht zurückweichen konnte, so dass man der Gewalt, die von vorne kam, unmittelbar ausgeliefert war.»

Die Grünen-Chefin Claudia Roth verurteilt den Übergriff und fordert die Bundesregierung auf, Protest einzulegen. Das ist gut so, hilft denen aber wenig, die in Moskau die internationale Öffentlichkeit gesucht haben. Sie werden jetzt wohl abseits fremder Blicke die Staatsgewalt und den Hass der aufgewiegelten Gesellschaft noch mehr zu spüren bekommen.


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