«Home, Sweet Home»
Die Geschwister Pfister sind zurück mit ihrer schonungslosen Homestory

Von Peter Wäch

Der grosse Abschied im 2002 war es nicht. Gottseidank. Also alles beim Alten? So einfach machen es sich die Geschwister Pfister nicht. Christoph Marti, Tobias Bonn und Andreja Schneider haben an der glamourösen Fassade von Ursli, Toni und Fräulein Schneider gekratzt und rücken ihren Kunstfiguren mit dem neuen Programm «Home, Sweet Home!» auf den Pelz. Dass es ein Heidenspass wird, dafür sorgt auch die in Bern lebende englische Regisseurin Doraine Green.

Abschiedstourneen haben es so an sich, dass sie im Grunde gar keine sind. Das gilt jedenfalls für viele Künstler. So geben sich jetzt auch – nach rund vierjähriger Pause – die Geschwister Pfister ein weiteres Stelldichein. Würden Sie dasselbe in den Staaten machen – nämlich den prächtig inszenierten letzten Auftritt ignorieren – könnte es passieren, dass sie von wütenden Fans verklagt würden. Barbra Streisand kann davon ein Liedchen trällern. Als Christoph das hört, muss er laut lachen: «Ich könnte es verstehen, wenn die Leute ihr Geld zurück wollten!» Aber im Ernst, so richtig Schluss machen wollten Ursli, Toni und Fräulein Schneider ja nie. Der Zusatz «Abschiedsgala» passte ganz einfach zum letzten Programm. «Have a ball», so der Titel, war gross angerührt mit Big Band und noch grösserer Bühne.

Wieder im kleinen Rahmen
«Home, Sweet Home!» nennt sich die aktuelle Chose, bei der es einem BBC-Reporter gelungen ist, die drei Geschwister in ihrem privaten Kämmerlein ausfindig zu machen. Die Homestory verspricht Einblicke in das Leben der mittlerweile etwas gealterten Revue-, Sing- und Comedy-Stars, die schonungsloser nicht sein könnten. Versprochen wird viel, aufgetragen dick: Wahre Momente, echte Gefühle, fettige Haare – ja, sogar Home-Sex! Und das alles wieder im kleineren Rahmen, ohne Big Band und sogar ohne Schlagzeug. Dafür ist das Jo Roloff Trio wieder mit dabei. Bedeutet das jetzt zurück zu den Ursprüngen? Kleine Chose? Auf den Gedanken kommt man unwillkürlich, verloren sich die drei Entertainer bei der «Abschiedsgala» doch etwas im grossen Kuchen. Marti: «Mein Ding war es in der Tat nicht. Die Big Band lauter als Urslis freche Schnauze. Trotzdem machte es Spass. So was muss man mal durchziehen», blickt Christoph zurück. Darauf angesprochen, ob ihre Vorstellungen Kalkül hätten, antwortet er: «Nein, unserem jeweiligen Programm liegt keine durchdachte Strategie zugrunde. Auch wenn es Kritiker gibt, die das Gegenteil behaupten.» Und Marti präzisiert: «Da kommt das meiste aus dem Bauch! Offen sein, Ziele setzen, der Rest ergibt sich meist von selbst.» Dass die Pfisters heuer ihr 15jähriges Bühnenjubiläum feiern können, ist also nichts weiter als ein angenehmer Zufall.

Bruch mit den Kunstfiguren
Dass es jetzt tatsächlich wieder enger wird – die Mühle Hunziken Rubiben bei Bern, wo die Geschwister vom 1. bis 10. September auftreten, ist klein, aber sehr fein - soll also nicht als bewusster Kontrapunkt verstanden werden. Von Back to the Roots auch keine Rede, denn alles will man nicht beim Alten belassen. «Unsere Kunstfiguren werden zum Teil gebrochen», verrät Marti, «dann nämlich, wenn sich Ursli als Einziger gegen die geplante Homestory wehrt und so gar keine Lust hat, wieder mit seiner grossen Klappe öffentlich zu werden. Hat Älterwerden mit Ruhigerwerden zu tun? Vielleicht. Christoph kann sich ein Lachen nicht verkneifen, wenn er sagt: «Wir müssen uns Gedanken über das Alter machen. Schau uns an!» Nein, so schlimm ist das nun wirklich nicht, Herr Marti. Jedenfalls längst nicht so wie im aktuellen Programm dargestellt. Ruhiger wird es nämlich nicht wirklich. Dann, wenn Ursli im Rollstuhl nur mit Schlüpfer und Infusionsschlauch bekleidet, Toni und Fräulein Schneider tyrannisiert. Oder Fräulein Schneider, dem Alkohol sehr zugetan, den Staubsauger mit etwas anderem verwechselt. Und, last but not least, der arme Toni ständig zur Dialyse muss, weil ihm eine Niere fehlt.»

Lieber Pfister als Kessler
Christoph Marti gesteht: «Es macht Freude, unsere Kunstfiguren ein Stück weit zu zerstören. Wir haben uns in der Vergangenheit lange genug bemüht, die Oberfläche attraktiv zu gestalten und wahnsinnig glamourös zu sein. Das kehren wir jetzt ein wenig um.» Christoph ist froh, mit einer Kunstfigur zu arbeiten, die verschiedene Facetten zulässt. Oder um genauer zu sein: die er selber zulässt. Die Welt des Showbiz ist diesbezüglich gnadenlos und spuckt ihre in die Jahre gekommenen Lieblinge brutal aus. «Ich möchte nicht die Kessler-Zwillinge sein», so Marti, «die dürfen im Grunde nicht mehr machen, was sie am liebsten machen. Es funktioniert nicht mehr. Und das ist das Problem, wenn man eine Kunstfigur ist und sie auch bleibt.» Starres Korsett. Man wird also peinlich, hört ganz auf oder man verändert sich, wird frech. Mut zur Demontage heisst die Devise. Keine Option für die Kesslers. Ein gutes Beispiel für schonungslose Brüche sind für Christoph die Figuren aus der britischen Sitcom «Absolutely Fabulous». «Hier geht’s ans Eingemachte und das entspricht mir voll und ganz!» Ziemlich weit weg von Glamour-Örsli war Christoph ja schon mit seiner Figur der Country-Sängerin Ursula West. Und er war im Nachhinein selber erstaunt, wie das eine das andere – oder besser gesagt – wie Ursula Ursli befruchtet hat. Ganz im geistigen Sinne natürlich!


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