World Pride 2006 in Jerusalem
Wenig «World Pride» – viel Auseinandersetzung mit dem Krieg

Von Malte Göbel

Plakate gegen den Krieg und gegen die Besetzung, Sprechchöre, hitzige Diskussionen unter den Demonstrationsteilnehmern. Dass er unpolitisch war, wird man dem World Pride sicherlich nicht vorwerfen können. Eher das Gegenteil: Am Ende ging es nicht um Homophobie und die Situation von Homosexuellen in Israel und Palästina, sondern um die aktuelle Lage in Nahost, den Krieg im Libanon.

Dass der World Pride nicht losgelöst von politischen Realitäten veranstaltet werden kann, war von Anfang an klar. «Es ist bestimmt ein ambitioniertes Vorhaben», erklärte Organisator Hagai El-Ad, 36, bereits vor zwei Jahren, als die ersten Planungen zum World Pride anliefen. «Gleichzeitig ist es jedoch eine einmalige Chance für uns, unser Eintreten für Toleranz, Vielfalt und Frieden in die Öffentlichkeit zu tragen.» Um die israelische Öffentlichkeit nicht zu überfordern, wurde der ursprünglich für 2005 geplante World Pride um ein Jahr verschoben – genau im Sommer 2005 zog sich Israel aus dem Gaza-Streifen zurück. In der geladenen Atmosphäre lief der statt dem grossen stattfindende «kleine» Pride-Marsch in Jerusalem auch nicht ohne Zwischenfälle ab: Ein aufgewiegelter Mann stach drei Teilnehmer nieder. Er wurde inzwischen wegen versuchten Mordes zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Aus Sicherheitsgründen keine Parade
Auch in diesem Jahr waren die Schatten der politischen Ereignisse lang und dunkel. Angesichts des Krieges im Libanon entschied sich das Jerusalem Open House, Veranstalter des World Pride, die Parade selber abzusagen und durch eine Kundgebung zu ersetzen. «Der Marsch benötigt besondere Sicherheitsvorkehrungen, darunter Verstärkung der Polizei aus anderen Landesteilen, was in dieser unberechenbaren Lage nicht von den Behörden geleistet werden kann», heisst es in der Presseerklärung. Die übrigen Veranstaltungen zum World Pride, darunter ein Jugendtag, eine Religionskonferenz und diverse Drag-Shows, sollten aber wie geplant statfinden. Trotzig erklärte das Open House: «Die Abhaltung dieser Veranstaltungen ist Teil des weiterführenden Kampfes für ein demokratisches und freies Jerusalem.» Es ist ein Kampf, der schon seit Jahren geführt wird.

«Leider keine Handhabe für ein Verbot»
1995 wurde das Jerusalem Open House gegründet. «Dies ist einer der wenigen Orte, an denen Araber und Israelis nicht getrennt aneinander vorbeileben», erklärt der studierte Astrophysiker El-Ad. Unter den fünf bezahlten Angestellten des Open House gibt es eine Frau, die für die Kommunikation mit Palästinensern zuständig ist. 2002 fand der erste Pride-Marsch in Jerusalem statt, flankiert von Sicherheitskräften und wütenden orthodoxen Gegendemonstranten – ein sich jährlich wiederholendes Ritual. Seitdem die ultraorthodoxe Partei «Agudat Israel» die Mehrheit im Stadtrat von Jerusalem bildet, weht den Homo-Aktivisten noch schärferer Wind ins Gesicht. Bürgermeister Uri Lupolianski bezeichnete Homosexualität als «Gräuel, das die Würde und die Heiligkeit Jerusalems befleckt und die israelische Gesellschaft unterminiert» und bedauerte wiederholt, keine rechtliche Handhabe für ein Verbot der Parade zu haben.

Rückzieher der Veranstalter
Für den World Pride war ein Verbot gar nicht nötig. Die Entscheidung des Jerusalem Open House, den Demonstrationszug abzusagen, wurde auch innerhalb der schwullesbischen Community kritisiert. Linke Kritiker riefen zu einer Gegenveranstaltung am 10. August auf, zu der sich ganze acht potenzielle Teilnehmer fanden. Etwas stärker war die Beteiligung bei der Kundgebung des Open House am gleichen Tag – das Label «World Pride» hätte sie jedoch keinesfalls verdient gehabt. Rund 300 Menschen fanden ihren Weg in den Liberty Bell Park in Jerusalem, umringt von mindestens ebenso vielen Polizisten, Soldaten und Wachleuten in Zivil und Neon-Warnwesten. Gefürchtet wurden Aktionen von palästinensischen Fanatikern oder orthodoxen Juden. Erstere liessen sich jedoch gar nicht blicken, letztere picknickten familienweise im Park gegenüber und interessierten sich nicht gross für die Handvoll Homosexueller. Deutlich wurde die internationale Unterstützung des World Pride. Überdimensionierte Kanada-Fahnen und ein pinkiger Union Jack wurden geschwenkt. Jugendliche amerikanische Missionare verteilten hippe bunte Plastikarmbänder mit eingravierten Bibelsprüchen. Mitglieder der jüdischen Reformgemeinde Toronto stellten sich auf einen Hügel und sangen Lieder. Internationale Presse eilte hin und her.

Drag Queens – Retter in der Eskalation
Fast hätte es ein spätes Hippie-Event sein können – bis einige Hippies sich als Politaktivisten outeten und mit Sprechchören gegen den Krieg begannen. Schilder mit Slogans wurden hochgehalten, irgendjemand schwenkte eine libanesische Fahne – und um den Hippie-Frieden war es geschehen. Es kam zu hitzigen Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern des Krieges, und aus der Kundgebung des Open House gegen Homophobie wurde eine Demonstration gegen den Krieg, an der jedoch nicht alle Anwesenden teilnahmen.
Irgendwann griff die Polizei ein, weil ihr ein paar Plakate nicht passten, und es kam zu einem Handgemenge, als ein paar Demonstranten verhaftet wurden. Das Open House beeilte sich, seine Kundgebung für beendet zu erklären. Die Kriegsgegner jedoch wichen nicht, als würde an dieser Stelle das Schicksal von Nahost entschieden. Sie skandierten weiterhin ihre Slogans, und bedrohlich marschierte die Polizei auf. Die Stimmung drohte zu kippen, als ein paar Drag Queens erschienen und begannen, unter A-Capella-Gesang und mit lustiger Choreographie ihre Version von Cinderella vorzutanzen. Die Demonstranten johlten und waren begeistert, manche tanzten mit. Die Performance rang am Ende sogar den grimmig guckenden Uniformierten ein Lächeln ab. Deeskalation durch Drag – wenn sich doch nur alle Konflikte in Nahost so leicht lösen liessen.


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