Schwule Reggaefans
Schwul und Reggae schliessen sich nicht aus. London macht’s vor

Von Hanspeter Künzler

Homophobe Texte führen wie ein roter Faden durch die Reggaegeschichte. Aus diesem Grund wurde im Sommer ein Auftritt von Buju Banton in der Berner Reithalle gestrichen. In London gibt es jetzt seit August einen Club für Schwule Reggaefans. Dahinter steht ein 30- jähriger, schwuler Jamaikaner, der seine Heimat vor acht Jahren verliess, weil er um sein Leben fürchten musste.

Das Canal-Street-Quartier in Manchester, auch Gay Village genannt, hat Probleme mit der Kundschaft. Zuviele heterosexuelle Männer schätzen unterdessen die fröhliche Stimmung, die dort herrscht. Jetzt haben einige Bars ihre Türsteher dazu angewiesen, eine «gay majority»-Regelung zu befolgen. Die Zahl von Heteros, die eingelassen werden, ist strikte beschränkt. Möchtegern-Gäste mit fragwürdiger Sexualorientierung müssen nun auf offener Strasse die Aktenmappe ausräumen auf der Suche nach Beweismaterial, mit dem sie ihr Schwulsein belegen können.

Jagd auf den «battyman»
Anderswo – nicht zuletzt in Jamaika – wäre man froh, man hätte solche Probleme. Allen Sprüchen über «One Love» zum Trotz ist Jamaika im Allgemeinen und die Reggaeszene im Besonderen noch nie bekannt gewesen für ihre Schwulenfreundlichkeit. Auf Anhieb fällt nur eine einzige «schwule» Reggae-Nummer ein: «Me black and me proud and me Rastafaria and me homosexual» tönte es auf der Single, die anfangs der 80er Jahre unter dem Namen Boots Sex Dread erschien. Jahre später verlor die Botschaft ihre Potenz, als sich herausstellte, dass dahinter der sehr heterosexuelle weisse Londoner Comedian Keith Allen stand. Dagegen führt durch die Reggaegeschichte wie ein roter Faden eine Tradition von homophoben Texten. Schon in den 60er Jahren ruinierte der pionierhafte I Roy den Konkurrenten Prince Jazzbo mit der Bezichtigung, dieser sei schwul. Heute gehören homophobe Texte zum Alltag in den Reggae-Dancehalls. Untermalt von wüsten Geräuschkulissen wird immer wieder zur Jagd auf den «battyman» aufgerufen, den man am besten gleich umlege.

Das eingebläute Christentum durchgesetzt
Nun ist für schwule Reggaefans die Erlösung gekommen. Seit Ende August findet im an die 700 Gäste fassenden Londoner Venue «Factory» Club in Vauxhall wöchentlich Caribana statt. Dahinter steht der Promoter Barbie Celeste, ein 30jähriger Jamaiker, der seine Heimat vor acht Jahren verliess, weil er um sein Leben fürchten musste. Die Furcht war nicht unbegründet. Bei einer Meuterei in einem Gefängnis wurden 1997 «nebenbei» auch noch sechzehn homosexuelle Mithäftlinge umgebracht. Letztes Jahr wurde in Montego Bay ein Mann auf der Strasse zu Tode geprügelt, weil ein anderer Mann meinte, er sei angelächelt worden. Reggae-Lieder hatten sich richtiggehend in Schlachtrufe und Kriegsgesänge verwandelt. Die Aktionsgruppe Outrage! führte vor zwei Jahren eine erfolgreiche Kampagne gegen homophobe Reggae-Künstler durch (Cruiser berichtete darüber). Mehrere Reggae-Stars mussten Tourneen absagen, nachdem sie sich geweigert hatten, sich mit mehr als nur einem banalstmöglichen PR-Statement gegen die Homophobie im Reggae auszusprechen (kürzlich wurde aus diesem Grund ein Auftritt von Buju Banton in Bern gestrichen). Die Situation entbehre nicht der Ironie, meint Barbie Celeste: «Da bemühen sich die Europäer über Jahrhunderte weg, den Afrikanern und Karibiern das Christentum einzubläuen – und dann, wenn sie die Doktrin so richtig in sich aufgenommen haben, ist es auch wieder falsch.»

Öl ins Feuer gegossen
Privat befürwortet Celeste die Outrage!-Kampagne zwar, öffentlich hat er sich nicht dahintergestellt: «Das würde nur Komplikationen bringen und meinem Klub schaden.» Ausserdem habe die Kampagne zumindest in Jamaika einen ganz anderen als den gewünschten Effekt gezeitigt: «Gewisse Sänger haben erst recht homophobe Texte geschrieben, nachdem die Nachricht in Jamaika ankam, dass Konzerte wegen einer Schwulenorganisation gestrichen worden seien», sagt er. Texte im Stil von: «Jetzt killen wir die Schwulen erst recht!» Und tatsächlich sind deren Fans seither immer wieder an den bekannten Schwulentreffpunkten aufgetaucht und haben Schwule beraubt, verprügelt und sogar umgebracht.»

Keine paradiesischen Zustände in Birmingham
In England angekommen liess sich Barbie Celeste zuerst in Birmingham nieder. Aber die Stadt entpuppte sich nicht als das Paradies, auf das er sich so gefreut hatte. «Ich erkannte bald», sagt er, «dass die lokale Schwulenszene schwarzen Schwulen nichts zu bieten hatte.» Obwohl Birmingham seit den 70er Jahren eines der grossen Zentren der Reggaewelt ist – Steel Pulse ist die bekannteste Band, die hier gross wurde -, gab es keinen Schwulenklub, der die Musik spielte, die Celeste im Blut lag. So schritt er zur Tat und lancierte einen monatlichen Klubabend nach seinem Geschmack. «Es war harte Arbeit», gesteht er. «In den besten Zeiten kamen hundert Leute. Aber es gab auch schlechte Zeiten.»

Wer will zu Liedern tanzen, die den Tod androhen?
Er zog nach London und richtete sich neu in einem seit fünfzehn Jahren etablierten Schwulenklub mitten in der Reggaekapitale Brixton ein. Von einer allfälligen Schwulenfeindlichkeit der zu einem grossen Teil aus Jamaikanern bestehenden Lokalbevölkerung bekam er nichts zu spüren: «Das Venue war als Schwulenvenue etabliert. Niemand schien sich darum zu kümmern, dass hier auch mal Reggae-Musik herausdröhnte.» Trotzdem musste Caribana bald wieder die Segel streichen, «weil der Manager ein persönliches Problem hatte mit uns». Mit «Club Caribana» im Factory wagt Celeste einen grossen Schritt vorwärts. «Ich habe unterdessen viel gelernt», sagt er. «Ich weiss zum Beispiel, dass es wichtig ist, die Identität des Clubs nicht zu verwässern, indem man zu viele verschiedene Sounds spielt.» Im neuen Ort gibt es zwei grosse Dance-Räume. Im einen wird strikte nur karibische Musik aufgelegt – Reggae, Ragga und Bashment, aber auch Soca. Im anderen ist House, Hip-Hop und R&B zu geniessen. Alle DJs werden angewiesen, keinerlei Songs aufzulegen, in deren Texte es um irgendwelche Formen von Hass gehe: «Im Gegensatz zu vielen europäischen Fans verstehen wir jedes Wort, das da gesungen wird. Es macht kein Spass, zu Liedern zu tanzen, die dir den Tod wünschen. Es hat in den letzten Jahren eine ganze Menge von Songs gegeben, die dazu aufgerufen haben, Schwule und Lesben zu ermorden. Warum sollen wir es uns antun, so was anzuhören?»


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