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Darüber spricht
man nicht im Nahen Osten
«Unspeakable
Love» gay and lesbian life in the Middle East
Von Hanspeter Künzler
Die verschiedenen
islamischen Länder ahnden Homosexualität unterschiedlich, aber
eines haben sie alle gemeinsam: über die homosexuelle Liebe wird
nicht geredet. «Unspeakable Love gay and lesbian life in
the Middle East» spricht über dieses Totschweigen. Es ist eine
faszinierende, beängstigende und bestürzende Lektüre.
«Ich will nicht
mehr schwul sein», sagte «Hussein» aus Bagdad in einem
News-Report der englischen BBC. «Wenn ich Brot kaufen gehe, habe
ich Angst. Wenn es an der Tür klingelt, fürchte ich mich davor,
dass sie mich abholen kommen.» Die Präsenz fremder Truppen
hat das schwule Leben im Irak nicht einfacher gemacht. Gegner der Invasion
sehen diese als einen Versuch des Westens, die islamische Welt in die
Knie zu zwingen. Ihr Widerstand äusserst sich nicht nur mit Waffengewalt,
sondern auch in einer immer militanter fundamentalistischen Auslegung
des Koran. Ähnlich wie die Bibel lässt der Koran gerade in Bezug
auf die Sexualität die verschiedensten Deutungen zu.
Antiwestliches
Klima fördert Schwulenverfolgung
Im derzeitigen antiwestlichen Klima fällt es den Gelehrten leicht,
mit Interpretationen aufzuwarten, mit denen sich eine Vielzahl von westlichen
Gewohnheiten, Freiheiten und Idealen als dekadent und verwerflich darstellen
lassen. «Mein Bruder bekam einen Ratschlag von seinen Freunden»,
berichtete Hussein der BBC weiter. «Die Freunde meinten, im momentanen
Chaos käme er bestimmt ungeschoren davon, wenn er mich umbringen
würde, um sich von dieser Schande zu befreien.» In der selben
BBC-Sendung berichtete der 31jährige Gym-Manager Ahmed, wie sein
Partner, mit dem er eine Wohnung teilte, vor dem Gym umgebracht worden
sei; Ahmed flüchtete in ein liberaleres Land, Jordanien. Die Website
gayegypt.com reportiert, dass irakische Miliztruppen systematisch Schwule
ermordeten. Im Bild werden die Leichen von drei Männern gezeigt,
die in den Strassen von Ramadi getötet worden seien, weil sie unter
Verdacht gestanden hätten, schwul zu sein. Der 38jährige Karar
Oda wurde im Juni in Sadr City gekidnappt; seine Familie bekam vom Innenministerium
einen Brief, in dem es hiess, der Sohn sei wegen Homosexualität hingerichtet
worden.
Auslöser,
das Buch zu schreiben
Brian Whitaker, Autor von «Unspeakable Love gay and lesbian
life in the Middle East», ist bei der linksliberalen britischen
Tageszeitung The Guardian als Redaktor für den Nahen Osten zuständig.
Er sei auf die Idee für das Buch gekommen, nachdem er mit Freunden
in Kairo den Fall vom «Queen Boat» diskutiert habe. 2001 führte
die Polizei eine Razzia durch in einem schwimmenden Nachtklub auf dem
Nil. 52 Männer wurden verhaftet (Cruiser berichtete damals darüber).
Es kam zu einem Schauprozess, bei dem die Anklage immer wieder hiess:
«Ausnützung der islamischen Werte mittels falscher Interpretation
vom Heiligen Buch, dem Koran, um damit extremistische Meinungen zu progagieren».
Nicht verboten
aber tabu
Dabei ist die Homosexualität in Ägypten nicht einmal wirklich
verboten nur tabu. So stark tabu, dass zur Bestrafung von Schwulen
Gesetze herbeigezogen werden, die sonst bei Prostitution und öffentlichen
Ärgernissen Gebrauch finden. «Du müsstest ein Buch darüber
schreiben», habe Whitaker zu einem der Freunde gesagt. «Nein,
Du müsstest es schreiben», sei es zurückgekommen. Der
Sprecher, ein junger Aktivist, konnte es nicht riskieren, unter seinem
eigenen Namen als solcher aufzutreten, ohne dass es ernsthafte Konsequenzen
für ihn und seine Familienangehörigen gegeben hätte. «Araber,
auch solche, die sich für Reformen einsetzen», schreibt Whitaker,
«diskutieren das Thema höchst ungern. Wenn es überhaupt
zur Sprache kommt, wird es von schmutzigem Lachen begleitet, oder
häufiger als eine unnatürliche, widerliche, un-islamische,
westliche Perversion erachtet. Da fast alle Leute diese Ansicht teilen,
gibt es keine Debatte ein sehr guter Grund, dieses Buch zu schreiben.»
Verboten
aber toleriert
«Unspeakable Love» ist eine faszinierende, beängstigende
und bestürzende Lektüre. Interessant ist, wie die Haltung in
den verschiedenen islamischen Ländern nur eines gemeinsam hat: es
wird darüber nicht geredet. Im Libanon ist die Homosexualität
zwar verboten, aber sie wird toleriert es sei denn, ein Familienmitglied
oute sich. Das Schwulenzentrum Helem ist in Beirut gut etabliert und bietet
im derzeitigen Konflikt vielen Flüchtlingen Unterschlupf. Schon fast
amüsant ist die Geschichte, wie man bei «Dunkin Donuts»
merkte, dass das Café zu einem Cruising-Treffpunkt gekürt
worden war; man warf ein paar Gäste hinaus und geriet prompt ins
öffentliche Kreuzfeuer, weil man Minoritäten diskriminiert habe.
Trotzdem ist das Coming-Out in Libanon schwierig: die Familienehre wird
dadurch arg besudelt. Zumeist schickt sich der Schwule in sein Schicksal,
heiratet eine Frau und vergnügt sich heimlich mit Männern.
Gnadenlose Koran-Interpretation
In Saudi-Arabien und Iran dagegen kennt man keine Gnade. Die Hinrichtung
eines 14jährigen und eines 16jährigen am 19. Juli 2005 im Iran,
nur weil sie ein Liebespaar waren, ist typisch. Hier wird der Koran besonders
brachial interpretiert. Nicht nur das Schwulsein gilt als unislamisch.
Oralsex etwa ist in jeder Variation verpönt. Diese widerliche Praxis
des Westens sei, so heisst es auf der Website IslamOnline, auf die dortige
Gewohnheit zurückzuführen, sich für den Geschlechtsverkehr
nackt auszuziehen.
Vor 50 Jahren offener
als westliche Länder
Die Schwulenrechte in arabischen Ländern seien nicht zuletzt ein
Opfer der Politik geworden, schreibt Whitaker. Er weist darauf hin, dass
die Situation noch vor fünfzig Jahren umgekehrt war. Homosexuelle
Praktiken tauchen in der klassischen arabischen Literatur regelmässig
auf, ohne mit negativen Untertönen belegt zu sein. In der Tat sei
die Sexualität in arabischen Ländern nicht in die Kategorien
eingeteilt worden, welche das westliche Denken spätestens seit dem
viktorianischen Zeitalter dominiert haben. Viele Männer erlaubten
sich einen Schmus oder einen Fuck mit anderen Männern, ohne sich
als schwul zu erachten. Andererseits kam auch niemand auf die Idee, sich
bewusst als Hetero zu verstehen. Von der relativ legeren Haltung zeugen
auch die Werke aus den 50er und 60er Jahren des in Tangier lebenden Paul
Bowles. Anders verhielt man sich damals etwa in Grossbritannien: 1952
landeten 5443 Briten wegen ihrer unerlaubten Homosexualität vor Gericht.
Dass sich die Dinge im Westen innert weniger Dekaden geändert haben,
führt Whitaker auf den Einfluss der Suffragetten und der Völkerrechtsbewegung
in den Sixties zurück. Gerade eine Frauenbewegung habe den islamischen
Ländern weitgehend gefehlt. Im Gegenzug seien die arabischen Länder
weniger liberal geworden, weil man sich politisch vom Westen habe absetzen
wollen. Die meisten arabischen Schwulen, mit denen er gesprochen hätte,
sähen kaum eine Hoffnung auf Veränderung, schreibt er. Er sei
nicht so pessimistisch: «Die Denunziationen sexueller Nonkonformität,
die man heute aus der arabischen Welt hört, gleichen in Ton und Argumentation
frappant denen, die man früher anderswo hörte, und die unterdessen
verworfen worden sind.
Eine Internetlösung
der
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