Nadias Seelentanz
Nadias Seele lebt jetzt im passenden Körper – doch das Leben ist nicht einfacher

Von Daniel Diriwächter

Seit Jahren steht Nadia Brönimann im Interesse der Öffentlichkeit. In ihrem Buch «Die weisse Feder» offenbarte sie ihr Leben als transsexuelle Frau einem breiten Publikum. Nun liefert Nadia Brönimann mit dem zweiten Buch Seelentanz den Schlüssel zum Verständnis ihrer Person. Cruiser traf Nadia Brönimann zum Interview in ihrem selbstgewählten Exil in Einsiedeln. Ein Gespräch über Seelentänze.

Nadia, weshalb veröffentlichst du dein neues Buch «Seelentanz»?
In meinem ersten Buch hat man extrem viel darüber erfahren, was in meinem Leben passiert ist. Seither wurde ich aber oft gefragt, was denn aus mir wurde, weil das Leben ja einen Menschen formt. Man kann sagen, dass «Die weisse Feder» die Rechnungsformel und «Seelentanz» das Resultat ist. Nun zeige ich also das Ergebnis aufgrund meiner Erlebnisse, die man im ersten Buch hat lesen können. Es war für mich sehr wichtig, dass «Seelentanz» ein direktes Buch wird. Das war nicht einfach, weil ich wusste, ich lasse die Leser noch tiefer in meine Seele schauen. Aber für mich war das wichtig.

War der Schreibprozess beim zweiten Buch intensiver?
Ja, beim ersten Buch waren das alles Dinge, die in meiner Vergangenheit passiert sind, da konnte ich mit einem gewissen Abstand darüber schreiben. Doch bei «Seelentanz» war nur die Gegenwart das Thema. Deshalb war es für mich intensiver. Als ich das fertige Manuskript gelesen hatte, war das wie ein Spiegel, den ich mir selber vorhielt. Aber ich hoffe, es blitzt auch für den Leser eine gewisse Selbstironie durch. Dieser Galgenhumor hält mich am Leben.

Du schreibst, dass du gerne ein Leben im Jetset haben möchtest, doch nun lebst du in Einsiedeln das andere Extrem. Wie vereinbarst du das mit dir selber?
Nach all den Berichten über mich wurde ich zu einer so genannten Cervelat-prominenz. Ich kann gegen aussen eine erfolgreiche Prominente spielen, aber in mir selbst sieht das ganz anders aus. Wir sind ja eine Erfolgs- und Spassgesellschaft, Einsamkeit hat bei uns keinen Platz, das ist eines der Hauptthemen in meinem Buch. Ich fühle mich einsam. Aber es brauchte Mut, dass ich dies auch zugeben konnte. In Einsiedeln spüre ich nun eine neue Ernsthaftigkeit, ich bekam eine bessere Eigenwahrnehmung und ein Realbild von mir. Und eben dieses steht im Kontrast zu meinem Wunschbild. Je mehr ich gegen aussen den Glamour lebe, desto tiefer wird meine Einsamkeit gegen innen. Das wollte ich in meinem Buch beschreiben. Wenn ich die maskierte Nadia gebe, dann möchte ich natürlich in Monte Carlo leben, höre ich aber auf mich selbst, dann ist das schon eher ein ruhiger Ort wie Einsiedeln. Ich habe hier die Ruhe als Stärke kennen gelernt.

Würdest du so auch dein Borderline-Syndrom beschreiben?
«Seelentanz» zeigt ja diese beiden Seiten, die hat ja auch jeder Mensch. Doch bei mir ist dies viel ausgeprägter. Dann kippt das rüber in einen Zwang, der dann das Leben anstrengend macht. Du kannst diese Schwankungen nicht mehr mit Freude geniessen, sondern diese Extreme werfen dich immer so weit auf beide Seiten hinaus, dass es unangenehm wird.

Gott spielt in deinem Buch eine wichtige Rolle. Wie erklärst du deinen Glauben?
Nun, ich selbst bin Katholikin und es gibt viele Dinge der Kirche, die ich als schön empfinde. Aber natürlich bin ich mit vielen Dingen auch nicht einverstanden. Aber ob man nun über Gott oder Allah spricht, es geht ja um das Gleiche, um eine Quelle der Kraft. Schlussendlich will man ja nur diese Macht spüren. Für mich spielt die heilige Maria eine zentrale Rolle. Ich beschreibe sie in meinem Buch als «Supermodel». Ich muss selber darüber lächeln. Diese Aussage beschreibt ganz gut, wie ich über den Glauben denke. Maria verkörpert Sanftheit, eine Demütigkeit und nicht zuletzt eine grosse Weiblichkeit. Diese Attribute finde ich sehr schön.

In deinem Buch ist zu lesen, dass du vor kurzem die Titania im Sommernachtstraum gespielt hast. Wie war es, die Königin der Elfen zu spielen?
Titania war die einzige Frau in dieser Welt der Elfen, die den Männern die Stirn bieten konnte. Anfangs hatte ich riesig Freude an der Rolle, ich wollte sie glamourös und zuckersüss spielen. Doch der Regisseur hatte einen anderen Plan. Ich sollte nicht mich selbst spielen, er wollte eine trockene, harte Titania. Die Leute haben dann bei meinen Auftritten auch nie lachen müssen, also dachte ich natürlich, ich spielte die Rolle schlecht. Doch nach einigen Gesprächen mit dem Regisseur wurde mir dann klar, dass meine Rolle eine ernste war in diesem Theater. Aber ich fand Titania dann richtig aggressiv und irgendwie doof.

Gibt es zum Schluss eine wichtige Botschaft, die du an unsere Leser weitergeben möchtest?
Früher hatte ich einen Paradesatz, ein Lebensmotto: «Es ist wichtig, wie man ist und nicht, was man ist». Diesen Satz habe ich oft in Gesprächen gesagt. Doch nun hab ich ihn ausgetauscht. «Mein» neuer Paradesatz stammt von Luciano Vassalli. Ich kannte ihn und bin mit seiner Mutter befreundet. Luciano ist wie ein Vorbild für mich und ich habe grosse Hochachtung vor ihm. Er sagte in seiner wahnsinnig heftigen Schlussphase einen Satz, den ich als ganz gewaltig empfunden habe und den ich nun für mich übernehmen möchte: «Mein Leben und ich sind Freunde geworden».

Zum Buch «Seelentanz - Ich folge meinem Weg»
Mit «Die weisse Feder» fand Nadia Brönimann vor fünf Jahren grosse Beachtung in den Medien. Das Thema Transsexualität faszinierte die Öffentlichkeit. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Autobiografie hinreissend spannend war. Ihr beschwerlicher Weg vom biologischen Mann zur optisch perfekten Frau las sich wie ein Krimi. Doch es steckte weit mehr hinter der aufregenden Fassade. Mit dem neuen Buch «Seelentanz» beschreibt Nadia nun offenherzig ihr Innerstes. Über ihre Zeit in Indien im Kalighat von Mutter Theresa, über ihre verlorene Sexualität, ihre Träume und über ihr manchmal endloses Leid. Dabei entstand, in Zusammenarbeit mit dem Autor Alfred Wüger, ein umfassendes Bild von Nadias Persönlichkeit, das bisweilen schockiert, jedoch nicht ohne Lebensfreude geschrieben wurde. So versteht sich Nadias «Seelentanz» nicht als Fortsetzung des ersten Buches, sondern als Schlüssel zum Verständnis.

Seelentanz – ich folge meinem Weg,
WOA Verlag Zürich



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