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Bangkok nach dem
Militärputsch
Gelbe Stimmung,
rosa Glückseligkeit und die Pride vor Augen
Von Michael Lenz,
Bangkok
Noch gilt in Thailand
das Kriegsrecht. Aber davon ist im Alltag nichts zu merken. Erst recht
nicht für Urlauber. Schon zwei Tage nach dem Putsch versicherten
die Veranstalter des Gay Pride von Bangkok, die für Anfang November
geplante Veranstaltung werde samt Parkfest und Parade wie geplant über
die Bühne gehen.
«Das soll ein
Putsch gewesen sein?» Der im Ruhestand lebende Geschäftsmann
Wolfgang Siebeck aus Aachen reibt sich verwundert die Augen. Siebeck war
in seiner Wahlheimat Phuket am Abend des Staatsstreiches im «My
Way» im schwulen Viertel von Patong Beach. «Als die Fernsehsender
plötzlich unterbrochen wurden und über den Staatsstreich informierten,
herrschte unter den Thais vielleicht eine Stunde lang Aufregung. Das wars.»
In den Tagen und Wochen nach dem Putsch tobte in Bangkoks Strassen normales,
also wuselig-chaotisches Alltagsleben. «Selbst in der Putschnacht
waren die Bars geöffnet», erzählt Vincent, Manager des
erst im August eröffneten schwulen Boutique-Hotels «Vincents».
Niemand habe nach dem Putsch seine Reservierung abgesagt, freut sich der
Taiwanese.
Die glücklichsten
Menschen
Die Bürger von Bangkok, in ihrer überwiegenden Mehrheit stramme
Gegner des gestürzten Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra,
sind seit dem Putsch laut Umfragen die glücklichsten Menschen im
ganzen Land. Das kann Edward Enscoe bestätigen. Der Veranstalter
der schwulen Partyserie «Gyent» und Marketingchef von Bangkoks
coolster Disco «Bed Supperclub» strahlt: «Seit dem Staatsstreich
ist wieder gute Laune angesagt.» Happy ist auch der Neu-Bangkoker
Merrill aus den USA. «Als die ersten Nachrichten von dem Putsch
kamen, war mir schon etwas mulmig zu Mute», gesteht Merrill, der
nur wenige Wochen vor dem Staatsstreich nach Thailand gezogen war, um
mit seinem Freund Vee zusammenzuleben. Aber das legte sich schnell. Schon
einen Tag später bastelten Merrill und Vee wieder an Einladungslisten
und dem Menü für ihre auf Mitte November im Hotel «Tower
Inn» in der Silom Strasse geplante «Hochzeitsfeier».
Die Marketingchefin des sehr schwulenfreundlichen Hotels, Darunrath Monkongwongcharoen,
freut sich schon auf die Party: «Ein schwule Hochzeitsfeier ist
doch toll. Das hatten wir noch nie.»
85 Prozent der
Thais befürworten den Putsch
Der 35 Jahre alte Khun Prawan ist einer der glücklichen Bangkoker.
«Thaksin war ein korrupter Diktator und hat der Demokratie geschadet.»
85 Prozent der Thais finden den Putsch gut. Was politische Beobachter
mit Verwunderung registrieren. Vor allem die arme Landbevölkerung
sah in Thaksin ihren Helden. Der von milliardenschweren Unternehmen zum
Politiker erhobene ehemalige Polizeioffizier hatte mit einem warmen Geldregen
die wirtschaftliche Situation der Landbevölkerung entscheidend verbessert.
Die Weltbank konstatierte vor einem Jahr, die Armut in Thailand sei zwischen
2000 und 2004, der ersten Amtszeit von Thaksins, von 21,3 Prozent auf
11,3 Prozent zurückgegangen. Zum Dank bescherte die Landbevölkerung
Thaksin bei den Wahlen vor einem Jahr eine zweite Amtszeit und stand auch
bei den vorgezogenen Neuwahlen im April dieses Jahres noch fest zu ihm.
Politik contra
«Sanuk»
Noch gilt in Thailand das Kriegsrecht. Aber auch davon ist im Alltag nichts
zu merken. Erst recht nicht für Urlauber. Die englischsprachigen
Medien des Landes hingegen räumen den Demokratieaktivisten breiten
Raum ein, die immer lautstärker den Militärputsch als undemokratisch
kritisieren und eine unverzügliche Wiederherstellung der durch das
Kriegsrecht eingeschränkten Meinungs- und Versammlungsfreiheit fordern.
In diesen Chor mischt sich aber keine schwule Stimme. Schon zwei Tage
nach dem Putsch versicherten die Veranstalter des Gay Pride von Bangkok,
die für Anfang November geplante Veranstaltung werde samt Parkfest
und Parade wie geplant über die Bühne gehen. Gay Pride ist keine
Politik, sondern die schwule Ausprägung des thailändischen Lebensprinzips
des «Sanuk», was grob zusammengefasst heisst: Spass haben.
Alles, was Sanuk stören könnte, wie eben Politik, wird ausgeblendet.
Zudem ist ein Putsch in Thailand nichts Aussergewöhnliches. Seit
dem Sturz der absoluten Monarchie 1932 gab es zwanzig Militärcoups
und Putschversuche.
Wenig politisches
Interesse in der Szene
Schwule Thais hätten allen Grund, sich für mehr demokratische
Rechte einzusetzen. Meinungs- und Medienfreiheit war für Schwule
auch schon zu Zeiten des gestürzten Ministerpräsidenten Thaksin
Shinawatra eingeschränkt. Der «Cyberinspektor» des Ministeriums
für Information und Kommunikation blockiert den Zugang zu einer Reihe
von nationalen wie internationalen schwulen Webseiten. Von Rechten für
gleichgeschlechtliche Paare oder einem Antidiskriminierungsschutz spricht
hier keiner. Auch fordert keine schwule Stimme einen Platz für Vertreter
der Gay Community in dem Organ, das die neue Verfassung Thailands ausarbeiten
soll. Warum sich mit Politik beschäftigen, wenn Make-Up, Strass-Tiaras
und Parties so viel mehr Sanuk sind?
Man trägt
Gelb, zu Ehren des Königs
Bangkok erstrahlt in Gelb. Millionen von T-Shirts in der Königsfarbe
wurden zum 60. Thronjubiläum des von den Thais hochverehrten und
geliebten Königs Bhumipol Adulyadej im Juli dieses Jahres unters
Volk gebracht. Was als einmalige Geburtstagsaktion gedacht war, hat sich
zum politischen Modestatement entwickelt. In Zeiten der politischen Krise
gilt der König mehr noch als sonst als Garant für Stabilität.
Eine Zeitung will seit dem Staatsstreich beobachtet haben, dass jetzt
Armeeklamotten der neueste Modetrend sind. Thanon, Verkäufer in einem
Second-Hand-Laden mit Militärkleidung auf Bangkoks Chatuchak-Markt,
winkt jedoch ab: «Das Geschäft läuft normal.» Im
«Bed Supperclub» trägt das Personal derzeit chinesische
Uniformen. «Das hat nichts mit dem Putsch zu tun», lacht Edward
und fügt hinzu: «Wir wechseln alle paar Wochen das Thema und
das aktuelle heisst Communist Party.»
König Bhumibol
Adulyadej
Thailands König Bhumibol Adulyade, der im Juni sein diamantenes Thronjubiläum
feierte, ist dienstältester Monarch der Welt. Der vom Volk wie ein
Halbgott verehrte König, der am 9. Juni 1946, dem Todestag seines
älteren Bruders Ananda, die Krone übernahm, hat Thailand mit
Weisheit durch turbulente Zeiten geführt. Er war dabei auch immer
das Gewissen der Nation.
Der in der US-Metropole Boston geborene Bhumibol, der in Lausanne studierte,
ist nicht bloss König, sondern auch Musiker, Maler und Thailands
grosser Entwicklungshelfer und Versöhner in einem. Zwar greift er
nicht direkt in die Politik ein. Aber in diesem Jahr appellierte er in
leisen, scharfen Worten an die Vernunft der höchsten Richter des
Landes, Machtmissbrauch an oberster Stelle zu stoppen. Prompt annullierten
die Richter die vorgezogenen Neuwahlen vom April, die von Vorwürfen
des krassen Wahlbetrugs überschattet waren.
Bhumibol führte
Ersatzernten ein für die früheren Schlafmohnfelder. Bhumibol
schuf die so genannte «Neue Theorie», eine Anleitung für
nachhaltige Landwirtschaft, die den Gebrauch von Wasser und Boden regelt.
Seine Chitlada-Palastanlagen in Bangkok hat er zu einer Forschungsanstalt
umfunktioniert. 2002 liess der «Regenmacherkönig» eine
Methode zum Säen von Regenwolken patentieren: Mit aus Flugzeugen
abgeworfenem Silberjodid und Trockeneis wird Luftfeuchtigkeit gebunden
und gekühlt, worauf sich Regen bildet.
Dem jetzt gestürzten schwerreichen Regierungschef Thaksin Shinawatra
sagte der Monarch, dass sich Thailand über die nächsten 40 Jahre
keine Sorgen zu machen bräuchte, wenn der Premier, dessen Frau und
die Minister Selbstgenügsamkeit übten. Mit rund 80 Jahren noch
geistig hellwach, hat sich der König aus dem lauten Bangkok an den
Strand-ort Hua Hin zurückgezogen. Seinen schmucken Kleinpalast mit
eigener Gärtnerei nennt er «Wang Klai Kang Won». Zu Deutsch:
«Weit weg von Sorgen.»
Neuer Premierminister
Zwei Wochen nach dem Militärputsch haben die Machthaber einen pensionierten
General zum neuen Premierminister ernannt. In einer kurzen Zeremonie wurde
Surayud Chulanont (63) in Bangkok vereidigt. Surayud ist in Thailand eine
respektierte Persönlichkeit und ein enger Berater des Königs.
Er soll die Amtsgeschäfte bis zu Neuwahlen Ende 2007 führen.
König Bhumibol Adulyadej hatte die Ernennung von Surayud sowie eine
von den Putschisten vorgelegte Übergangsverfassung zuvor gebilligt.
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