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Neuer Streit um das
Homo-Mahnmal in Berlin
Lesben und Schwule
zoffen sich um das «richtige» Mahnmal
Von Malte Göbel
Deutschland versucht
die Aufarbeitung seiner Geschichte. Das Homo-Mahnmal wurde im Dezember
2003 vom Bundestag beschlossen. Aus einem Ideenwettbewerb wurde ein Entwurf
zur Ausführung bestimmt. Nun löst «Emma» einen Streit
aus, wie denn ein «richtiges» Mahnmal für Lesben und
Schwule aussehen sollte.
Da dachte man, alles
sei im Trockenen: Homo-Mahnmal vom Bundestag beschlossen (12.12.03), Siegermodell
von Jury ausgewählt (26.1.06), Fertigstellung angepeilt auf den Berliner
CSD im Juni 2007 die lange Geschichte des «Denkmal für
die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen» schien, sich
13 Jahre nach dem ersten Treffen der Initiative «Der homosexuellen
NS-Opfer gedenken» einem erfolgreichen Ende zuzuneigen. Doch dann
kam «Emma»! In einer Polemik prangerte die Septemberausgabe
die Vernachlässigung von Lesben im ausgewählten Entwurf an.
«Frauen wurden, ganz wie üblich, vergessen», schimpft
die Emma und wittert einen «handfesten politischen Skandal».
Worum geht es?
Nachdem der Deutsche Bundestag ein Denkmal für die ermordeten Juden
Europas (Holocaust-Mahnmal) beschlossen hatte, war es nur noch eine Frage
der Zeit, bis auch andere Opfergruppen «ihr» Denkmal bekommen
würden. Die Roma und Sinti werden ein Denkmal bekommen, und auch
die Schwulen und Lesben. Eine Jury kürte Anfang des Jahres einen
Siegerentwurf. Das Modell der international bekannten Künstler Ingar
Dragset und Michael Elmgreen geht auf das gegenüberliegende Stelenfeld
des Holocaust-Mahnmals ein (Stele: griech. für Grabsäule, heute
wird der Begriff der Stele auch für schmale, hohe Informationstafeln
verwendet). Eine quasi ausgebüchste Stele soll an die homosexuellen
Opfer der Nazis erinnern. Ein Guckloch in der Stele erlaubt den Blick
ins Innere, wo eine Endlos-Film-Sequenz den Kuss zweier Männer zeigen
soll. Und genau an dieser Filmsequenz entzündet sich die Kritik:
Es sind Männer.
Gräben zwischen
den Geschlechtern
Die «Emma» fürchtet, dass «homosexuelle Frauen
mal wieder in die Unsichtbarkeit gedrängt werden». «Emmas»
Appell zu Korrekturen des Mahnmals unter Einbeziehung von Frauen wurde
von zahlreichen deutschen Prominenten unterzeichnet, darunter Berlins
Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Komikerin Hella von Sinnen,
Schauspielerin Ulrike Folkerts und Comic-Zeichner Ralf König. Der
LSVD, Mitinitiator des Mahnmals, reagierte zunächst hilflos. Vorstandsmitglied
Sabine Gillessen nannte die Unsichtbarkeit «in gewisser Weise konsequent»,
da die Nazis ja weibliche Homosexualität nicht anerkannt hätten
eine so wahre wie fatale Aussage. Konstruktiver verlief eine vom
LSVD Ende August in Berlin organisierte Diskussionsveranstaltung, die
sehr gut besucht war. Die Diskussion zeigte allerdings die Gräben,
die zwischen den Geschlechtern verlaufen: Männer mahnten, man solle
den Entscheidungsprozess nicht in Frage stellen und den Mahnmalentwurf
der Künstler nicht diskreditieren. Frauen fühlten sich diskriminiert,
kritisierten Verfahrensmängel und verlangten Änderungen. Und
Schwule ihrerseits wieder fragten: Warum sollten Frauen in dem Mahnmal
auftauchen? Wurden Lesben von den Nazis überhaupt verfolgt?
Lesben litten ebenfalls
unter der Nazi-Herrschaft
Tatsächlich ist die historische Materie auch alles andere als einfach.
Schwule waren ausgemachte Feinde des Nazi-Regimes, daran gibt es keinen
Zweifel. Der §175, der männliche Homosexualität unter Strafe
stellte, wurde von Hitlerdeutschland entscheidend verschärft: Schon
allein die «wollüstige Absicht» genügte für
eine Verurteilung. Tausende kamen deswegen in den Konzentrationslagern
um.
Lesben hingegen tauchten im Strafrecht der Nazis gar nicht auf. Weibliche
Homosexualität schien unwichtig, Frauen galten als sexuell nicht
eigenständig und «stets geschlechtsbereit», wie es der
spätere Präsident des Volksgerichtshofs Otto-Georg Thierack
1934 formulierte. Lesben litten unter der Nazi-Herrschaft, die ihre Treffpunkte
und Vereine ebenso zerschlug wie die der Schwulen. Aber die wenigen Fälle,
in denen Frauen aufgrund ihres Lesbischseins in Konzentrationslager eingeliefert
wurden, blieben Ausnahmen das bestätigen auch lesbische Historikerinnen
wie Claudia Schoppmann.
Korrektur gefordert
Auch wenn das Projekt schon ausführungsreif ist, fordern Frauen jetzt
einen Ein-bezug ins Mahnmal, nun mit einer anderen Argumentation: Das
vom Deutschen Bundestag beschlossene Mahnmal solle eben nicht nur an die
Opfer erinnern, sondern auch, wie im Beschlusstext vermerkt wird, «ein
beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung
gegenüber Schwulen und Lesben setzen». Das ist eine eindeutige
Aufforderung zu einem geschlechterübergreifenden Denkmal!
Künstler zwischen
den Fronten
Zwischen den Fronten der heutigen Diskussion stehen die Urheber des Mahnmalentwurfs,
die beiden international sehr gefragten Künstler Michael Elmgreen
und Ingar Dragset. Ihnen ist vor allem die Endlosigkeit des Kusses wichtig,
der nicht bestimmte Geschlechter, sondern die permanente Vorhandenheit
von Homosexualität versinnbildlichen soll. «Der Film soll nicht
Schwule repräsentieren. Kunst kann und soll Menschen nicht repräsentieren»,
erklären sie im Interview mit dem Cruiser. Dennoch zeigen die beiden
Skandinavier Verständnis für die Kritik und überlegen,
wie sie ihren Entwurf überarbeiten könnten. «In der Diskussion
kamen viele interessante Ideen, wie man mit dem Problem umgehen könnte.
Die Schauspielerin Maren Kroymann schlug vor, die geschlechtliche Identität
der Küssenden offener zu halten, um dem Zuschauer mehr Interpretationsspielraum
zu geben. Das können wir vollkommen unterstützen.»
Geschlechtsloser
Kuss als Ausweg?
Aber erinnert der Kuss von zwei geschlechtslosen Menschen angemessen an
die vom Nazi-Regime verfolgten Homosexuellen? Ist ein geschlechtsloser
Kuss noch ein homosexueller Kuss? Wohl kaum. Es wäre besser, die
Dinge eindeutig beim Namen zu nennen. Schwule sollten als Männer
dargestellt werden, Lesben als Frauen. Warum nicht ein zweites Guckloch
mit einem lesbischen Kuss? Es sieht so aus, als wäre dies der einzige
Weg, die beiden erzürnten Fronten zufrieden zu stellen. Denn es gibt
im Zusammenhang mit dem Mahnmal weitaus wichtigere Themen, bei denen lesbisch-schwule
Solidarität gefragt ist.
Vollkommen unterschlagen wird nämlich in der aktuellen Diskussion
eine andere, weitaus kitzligere Dimension des Mahnmals. Der von den Nazis
verschärfte §175 galt in unveränderter Fassung in Westdeutschland
bis 1969. Zwar steckte die Bundesrepublik Schwule nicht in Konzentrationslager.
Aber rein zahlenmässig wurden nach Kriegsende mehr Schwule nach §175
verurteilt als unter den Nazis manchmal sogar durch die gleichen
Richter. Eine angemessene Aufarbeitung dieser düsteren Geschichte
Deutschlands steht noch aus.
Eine Internetlösung
der
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