Von den Lindors zu den Sorellas
Die Publikumslieblinge: Männerpaare unter der Circus-Kuppel

Von Martin Ender und Kurt Büchler (Interview)

Die Sorellas, die heute im Circus Roncalli mit einer atemberaubenden Trapeznummer auftreten, werden gerne mit den legendären Luftakrobaten Lindors verglichen. Eines ist ihnen sicher gemeinsam: Beide Akts wurden je von zwei Männern dargeboten, die aus ihrem Schwulsein keinen Hehl machten. Das Publikum feierte damals wie heute frenetisch ihre Leistung in luftiger Höhe.

Mittwoch, 22. November 06. Der Circus Roncalli erstrahlt im gewohnten abendlichen Lichterglanz in Wallisellen beim Glattzentrum. Nur die Sorellas sind etwas nervöser vor ihrem Auftritt als sonst. Die Lindors haben sich angesagt nach jahrelanger Circusabstinenz für einen Besuch der Abendvorstellung. Von diesen zwei Männern, die in der Aufbauphase des Circus Roncalli ab 1980 in Köln dabei waren und während sieben Jahren mit ihrer Luftnummer einen festen Wert im Programm darstellten, hatten die jungen Artisten bisher nur gehört. War es nun Legende oder Wahrheit, dass Ihre Nummer so einmalig war, dass sie die verrücktesten Kostüme trugen, Verehrerinnen wie Verehrer kaum abwimmeln konnten und nach nächtlichen Ausflügen von Freunden im Rolls Royce vor den Circus gefahren wurden? Zur Bildung der «Legende Lindors» hat wohl auch beigetragen, dass die Sorellas von der Roncalli-Direktion dazu angehalten wurden, Ihren Auftritt in die Manege bis zum Erreichen des Trapez genau gleich und zur gleichen Musik zu gestalten.

Offen schwule Artisten damals
Schon in den 70er Jahren war für die Lindors auf jeden Fall klar, dass ihr Luftakt aus Mann und Mann bestehen würde. Walter hatte die Idee für die Nummer und studierte sie ohne fremde Anleitung ein. (Damals gab es in Europa noch keine Circus-, Artistik- oder Akrobatikschulen.) Allerdings hatte Walter eine Ausbildung als klassischer Balletttänzer. Ganz in ihren Anfängen – noch ohne Engagement - drängten die in der Schweiz aufgewachsenen Lindors darauf, Ihre Nummer dem Circusdirektor Fredy Knie Sen. zeigen zu dürfen. Einige Tage nach der Probevorführung erhielten die Lindors ein Schreiben aus dem Hause des Schweizer Nationalcircus mit der Empfehlung, den zweiten Mann mit einer Frau zu ersetzen. (Das Schweizer Publikum würde einen solchen Akt nicht goutieren). Und der Direktor wünschte dem Duo einen erfolgreichen Start eher im Ausland. Die Lindors wechselten Mann nicht gegen Frau. Sie zogen ins Ausland und wurden erfolgreich. Nach Gastspielen in Oesterreich, bei Sarrasani, in Polen, in Dänemark und Holland landeten sie schliesslich bei Roncalli im Programm «Die Reise zum Regenbogen». Und von da an zelebrierten sie ihr Schwulsein erst recht. Der Direktor Bernhard Paul gab ihnen Schützenhilfe. So stürmten sie mit wehenden Satin- oder Pelzmänteln bei Ihrem Auftritt in die Manege und angelten sich in knappen Kostümen in die Circus Kuppel auf ihre Hängeperche. Ihr Akt war ein ganz anderer als der der Sorellas. Martin liess sich von Walter durch die Luft wirbeln. Im Genickhang vollzog er rasante Pirouetten oder liess sich im sogenannten Aldonwirbel (einmal von Hand zu Kopf und einzigartig auch von Kopf zu Kopf) von Walter so lange drehen, bis er durch die Zentrifugalkraft waagrecht in die Schwebe kam. 1987 zogen sich die Lindors aus der Circuswelt zurück. Der Aldon-Wirbel von Kopf zu Kopf wurde seit dem Abgang der Lindors bis heute nicht mehr gezeigt.

Auch heute anfängliche Skepsis
Die Sorellas, Christoph aus der Schweiz und Rodrigue aus Deutschland, arbeiten ganz anders, mit Voltigen. Dabei fangen sich die Artisten nach kurzem freien Fall an Armen oder Beinen. Die FAZ schrieb über die beiden: «Selbst erfahrene Zirkusgänger können sich nicht an eine derart explosive Nummer zweier Trapezkünstler erinnern, gewiss nicht an die zweier Männer. Als einzige ihrer Zunft weltweit fangen sie sich mit den Füssen auf.» Trotz ihrer absoluten Hochleistung und kraftvollen Darbietung wurden die Sorellas am Anfang Ihrer Karriere nicht immer mit offenen Armen aufgenommen, wenn es um Engagements ging. Die Gründe sind heute die gleichen wie bei den Lindors vor bald 30 Jahren. Doch Christoph freut sich, dass sie inzwischen auch an solchen Orten gearbeitet haben, an denen sie anfänglich aufgrund zu schwuler Ausstrahlung abgelehnt wurden. Denn das Publikum liebt sie, sorgt sich um sie bei jedem Abfaller, freut sich, wenn sie wieder auf sicherem Boden stehen und dankt es ihnen mit tosendem Applaus.

Christoph Gobet und Rodrigue Funke, Interview:

Weder im roten noch im goldenen Glitzerkostüm, sondern ganz normal in Jeans und Pullover kamen die Sorellas, die beiden attraktiven Artisten, die sonst unter der Circus-Kuppel ihre Muskeln spielen lassen und für Nervenkitzel unter den Zuschauern sorgen. Ihr Markenzeichen sind die Tricks. Sie bewegen sich abolut synchron. Ihre Show gibt es in mindestens vier Versionen. Mit ihnen zum Gespräch kam Carlos, ein süsser schwarzer Hund, ein französischer Bulldogge, so lieb wie die beiden Meister.

Cruiser: Ich habe gelesen, dass Ihr als Senkrechtstarter der jungen und modernen Akrobaten-Szene bezeichnet werdet. Wie wird man Trapez-Artist?

Christoph: Ich hatte eine Leidenschaft von klein auf. Ich interessierte mich für Circus-Programme und für Plakate. Dann, mit neun war ich eines Tage beim Basler Jugendcircus Basilisk. Später ging ich in die Artistenschule in Berlin.
Rodrigue: Als Junge war ich hyperaktiv. Ich konnte nicht an Leistungssport denken, musste mich viel bewegen. Bereits mit sieben Jahren begann ich, in einem Artistikverein zu trainieren – ich musste irgendwohin mit meiner Energie! Dort lernte ich Handstände, Flic-Flacs und Salti.

Ist das ein Beruf oder eine Berufung?

Wohl beides. In der Artistenschule lernten wir das Handwerk. Im ersten Jahr hatten wir eine Grundausbildung: bestehend aus Handstand, Beweglichkeit und Jonglieren. Rodrigue: Ich arbeitete mit einer Partnerin an einer Handstandnummer. Christoph: Und ich übte Trapez. Bevor wir die Abschlussprüfung als «staatlich geprüfte Artisten» hatten nahmen wir zusätzlich vier Jahre klassischen Ballettunterricht.

Ein «wirklicher» Beruf. Ihr habt euch auf der Artistenschule kennengelernt.

Das stimmt. Doch drei Jahre lang haben wir getrennt gearbeitet. Bei einer Mitternachtsshow sind wir dann erstmals als «Sorellas» gemeinsam aufgetreten. Nach diesem ersten Auftritt erhielten wir gleich einen Vertrag und ein Jahr später entschieden wir uns, nun ausschliesslich als «Die Sorellas» aufzutreten.

Wenn man in der Vorstellung sitzt und Euch da oben am Trapez sieht, da stockt einem manchmal fast das Blut in den Adern.

(Rodrigue und Christoph lachen...) Das ist auch beabsichtigt. Wir spielen natürlich mit dem Schockeffekt. Wir arbeiten ja ohne Netz, ohne Sicherung. Wir machen 400 Shows im Jahr und können das Risiko schon kalkulieren. Die Gefahr ist trotzdem immer dabei.

Dann muss keiner von euch ein Kommando geben?
Rodrigue: Doch in der Regel gebe ich die Kommandi. Wir reden aber auch miteinander oben auf dem Trapez, manchmal mit Worten, manchmal auch ohne. Wir beobachten auch das Publikum und reagieren auch darauf.

Und Ihr seid immer top in Form?

Wenn nicht, dann steigen wir nicht aufs Trapez... (grins). Im Ernst, wir haben natürlich auch unterschiedliche Tage. Auch wir können einmal eine Magenverstimmung einfangen. Dann kann es schon mal sein, dass wir einen Trick auslassen. Wir passen aufeinander auf. Proben müssen wir zwischen den Vorstellungen eigentlich nicht. Wir müssen uns fit halten und auch mal Pausen einlegen, was im Moment etwas zu kurz kommt.

Und wie lange werdet Ihr das machen?

Wir haben einen Kollegen, Konrad Thurano, der steht mit 97 Jahren noch auf der Bühne.
Wir haben unsere eigenen Shows, machen auch Choreografie für andere, trainieren mit Kindern, mit dem Nachwuchs. Im Circus Roncalli arbeiten wir nun seit drei Jahren und werden so lange arbeiten, wie es uns Spass macht und solange unsere Körper mitmachen.

Welches sind die Highlights in Eurer Karriere?

(Gucken sich gegenseitig an) Die zwei Wochen in China. Oder Kopenhagen, das Tivoli, Paris, der Cirque d’Hiver, Wien, Köln. Und überall das Zusammenspiel mit dem Publikum.

Welchen Traum habt Ihr?

Tja, uns fehlt vielleicht noch die rote Revuetreppe! Im Ernst, wir haben einen grossen Wunsch: gesund zu bleiben.


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