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Von den Lindors zu
den Sorellas Von Martin Ender und Kurt Büchler (Interview) Die Sorellas, die heute im Circus Roncalli mit einer atemberaubenden Trapeznummer auftreten, werden gerne mit den legendären Luftakrobaten Lindors verglichen. Eines ist ihnen sicher gemeinsam: Beide Akts wurden je von zwei Männern dargeboten, die aus ihrem Schwulsein keinen Hehl machten. Das Publikum feierte damals wie heute frenetisch ihre Leistung in luftiger Höhe. Mittwoch, 22. November 06. Der Circus Roncalli erstrahlt im gewohnten abendlichen Lichterglanz in Wallisellen beim Glattzentrum. Nur die Sorellas sind etwas nervöser vor ihrem Auftritt als sonst. Die Lindors haben sich angesagt nach jahrelanger Circusabstinenz für einen Besuch der Abendvorstellung. Von diesen zwei Männern, die in der Aufbauphase des Circus Roncalli ab 1980 in Köln dabei waren und während sieben Jahren mit ihrer Luftnummer einen festen Wert im Programm darstellten, hatten die jungen Artisten bisher nur gehört. War es nun Legende oder Wahrheit, dass Ihre Nummer so einmalig war, dass sie die verrücktesten Kostüme trugen, Verehrerinnen wie Verehrer kaum abwimmeln konnten und nach nächtlichen Ausflügen von Freunden im Rolls Royce vor den Circus gefahren wurden? Zur Bildung der «Legende Lindors» hat wohl auch beigetragen, dass die Sorellas von der Roncalli-Direktion dazu angehalten wurden, Ihren Auftritt in die Manege bis zum Erreichen des Trapez genau gleich und zur gleichen Musik zu gestalten. Offen schwule Artisten
damals Auch heute anfängliche
Skepsis Christoph Gobet und Rodrigue Funke, Interview: Weder im roten noch im goldenen Glitzerkostüm, sondern ganz normal in Jeans und Pullover kamen die Sorellas, die beiden attraktiven Artisten, die sonst unter der Circus-Kuppel ihre Muskeln spielen lassen und für Nervenkitzel unter den Zuschauern sorgen. Ihr Markenzeichen sind die Tricks. Sie bewegen sich abolut synchron. Ihre Show gibt es in mindestens vier Versionen. Mit ihnen zum Gespräch kam Carlos, ein süsser schwarzer Hund, ein französischer Bulldogge, so lieb wie die beiden Meister. Cruiser: Ich habe gelesen, dass Ihr als Senkrechtstarter der jungen und modernen Akrobaten-Szene bezeichnet werdet. Wie wird man Trapez-Artist? Christoph: Ich hatte
eine Leidenschaft von klein auf. Ich interessierte mich für Circus-Programme
und für Plakate. Dann, mit neun war ich eines Tage beim Basler Jugendcircus
Basilisk. Später ging ich in die Artistenschule in Berlin. Ist das ein Beruf oder eine Berufung? Wohl beides. In der Artistenschule lernten wir das Handwerk. Im ersten Jahr hatten wir eine Grundausbildung: bestehend aus Handstand, Beweglichkeit und Jonglieren. Rodrigue: Ich arbeitete mit einer Partnerin an einer Handstandnummer. Christoph: Und ich übte Trapez. Bevor wir die Abschlussprüfung als «staatlich geprüfte Artisten» hatten nahmen wir zusätzlich vier Jahre klassischen Ballettunterricht. Ein «wirklicher» Beruf. Ihr habt euch auf der Artistenschule kennengelernt. Das stimmt. Doch drei Jahre lang haben wir getrennt gearbeitet. Bei einer Mitternachtsshow sind wir dann erstmals als «Sorellas» gemeinsam aufgetreten. Nach diesem ersten Auftritt erhielten wir gleich einen Vertrag und ein Jahr später entschieden wir uns, nun ausschliesslich als «Die Sorellas» aufzutreten. Wenn man in der Vorstellung sitzt und Euch da oben am Trapez sieht, da stockt einem manchmal fast das Blut in den Adern. (Rodrigue und Christoph lachen...) Das ist auch beabsichtigt. Wir spielen natürlich mit dem Schockeffekt. Wir arbeiten ja ohne Netz, ohne Sicherung. Wir machen 400 Shows im Jahr und können das Risiko schon kalkulieren. Die Gefahr ist trotzdem immer dabei. Dann muss keiner
von euch ein Kommando geben? Und Ihr seid immer top in Form? Wenn nicht, dann steigen wir nicht aufs Trapez... (grins). Im Ernst, wir haben natürlich auch unterschiedliche Tage. Auch wir können einmal eine Magenverstimmung einfangen. Dann kann es schon mal sein, dass wir einen Trick auslassen. Wir passen aufeinander auf. Proben müssen wir zwischen den Vorstellungen eigentlich nicht. Wir müssen uns fit halten und auch mal Pausen einlegen, was im Moment etwas zu kurz kommt. Und wie lange werdet
Ihr das machen? Welches sind die Highlights in Eurer Karriere? (Gucken sich gegenseitig an) Die zwei Wochen in China. Oder Kopenhagen, das Tivoli, Paris, der Cirque dHiver, Wien, Köln. Und überall das Zusammenspiel mit dem Publikum. Welchen Traum habt Ihr? Tja, uns fehlt vielleicht noch die rote Revuetreppe! Im Ernst, wir haben einen grossen Wunsch: gesund zu bleiben.
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