Unten ohne voll im Trend
Wie verführerisch sind die umstrittenen Bareback-Videos?

Von Peter Wäch

Schwule Männer und auch andere Männer, die mit Männern Sex haben leben wieder gefährlicher. Das HI-Virus breitet sich unter dieser Gruppe, auch MSM genannt, epidemisch aus. Für das Jahr 2006 geht man allein in der Schweiz von insgesamt 300 Neuinfektionen aus. Gleichzeitig nimmt seit rund drei Jahren auch die Verbreitung von Bareback-Pornos zu.

Bareback – eigentlich war der Begriff seinerzeit kreiert worden, um das Sexverhalten zwischen HIV-positiven Männern zu beschreiben. «Ohne Sattel», also ohne Gummi, durfte in diesem Fall durchaus sein. Grosse Gefahr bestand ja bei dieser Gruppe nicht, ausser man steckte sich mit einer weiteren Variante des damals noch tödlichen Virus an. Heute wird die Umschreibung Bareback vor allem dafür verwendet, im Pornogeschäft Kasse zu machen. Die Zahl der Videos, wo der Anal- wie Geschlechtsverkehr ohne Gummi stattfindet, breitet sich im Markt rasant aus. Mit herkömmlichen Safe-Sex-Filmen ist praktisch kein Geld mehr zu machen. Auch der Händler Magic-X – ehemals Beate Uhse – wirbt ganz frank und frei: «Bareback for Beginners» – Junge Männer, die auf den Geschmack des Verkehrs ohne Gummi kommen. Im Internet gelangt man bei besagtem Anbieter bereits nach zwei Clicks auf die Rubrik «Bareback», und das Sortiment ist ziemlich umfangreich.

Kein Verbot
«Es gibt keine Einschränkung für den Verkauf von Pornovideos, in denen keine Kondome verwendet werden.» Das sagt Thomas Lyssy von der Aids-Hilfe Schweiz und ergänzt: «Das gilt für Schwulen- wie auch für Hetero- Filme.» Für ihn als Mediensprecher der AHS ist es bestimmt kein glücklicher Umstand, was der Markt seit längerem erkannt hat: Mit Bareback – heute ganz allgemein verwendet für ungeschützten Sex – rollt der Rubel. Ausserdem befriedigt es die Nachfrage vieler Kunden. Lyssy weiss auch: «Das steht leider im Einklang mit dem Schutzverhalten schwuler Männer, welches in den letzten Jahren auffallend nachgelassen hat.» Ist demzufolge die Verbreitung solcher Videos ein Schlag ins Gesicht der Präventionsarbeit? Thomas Lyssy: «Eigentlich nicht. Diese Filme geben einerseits nur wieder, was sich alle wünschen, nämlich Sexualität zu leben, ohne Angst vor einer Infektion haben zu müssen.» Und Lyssy möchte dabei betonen: «Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass der Konsum von Bareback-Pornos einen Einfluss auf das reale Schutzverhalten hat. Wer Bareback-Filme schaut, macht noch lange nicht unsafen Sex», so Lyssy.

Wir lernen von Modellen
Eine andere Meinung dazu hat der Psychotherapeut und Buchautor Dr. phil. Kurt Wiesendanger aus Zürich. Er gibt unmissverständlich zu verstehen: «Bareback-Videos fördern unverantwortliche Sexualpraktiken, so wie Gewaltfilme Gewalt fördern.» Wiesen-danger untermauert seine Behauptung wie folgt: «Wir lernen von Modellen. Sind diese destruktiv, handeln Menschen, die eine (meist unbewusste) Todessehnsucht haben, verantwortungsloser als üblich.» Todessehnsucht? Das wiederum hört sich ziemlich gewagt an. Doch auch hier geht Kurt Wiesendanger einen Schritt weiter: «Diese Todessehnsucht hat mit einer tiefen Erfahrung des in der Kindheit Nicht-in-ihrem-Wesen-wahrgenommen- und Nicht-wertgeschätzt-Werdens zu tun. In der Folge lehnen sich diese Menschen selbst ab. Diese Entwicklung ist meist unbewusst und zeigt sich dann in einer latenten bis manifesten Suizidalität, so zum Beispiel in einem Bareback-Verhalten.» Kommt da vielleicht noch eine falsch verstandene Intimität dazu, wenn man den ungeschützten Sex mit Leuten betreibt, die man nicht oder kaum kennt? Und um die Moral zu bemühen: Gehört ungeschützter Sex nicht in eine feste Beziehung? Der promovierte Psychotherapeut differenziert: «Wenn beide Partner negativ getestet sind und beide seither keine ungeschützten Kontakte hatten, kann Sex ohne Gummi innerhalb dieser Beziehung ein Zeichen von Intimität sein. Ausserhalb dieser Grenzen ist ungeschützter Verkehr auf jeden Fall verantwortungslos – sich selber und dem Partner gegenüber.»

Schutz in der Öffentlichkeit
Dass man die Bareback-Videos für den privaten Gebrauch nicht vom Markt und das Bedürfnis nach «blankem» Sex nicht aus den Köpfen der Konsumenten bringt – ist eine Tatsache. Solche Produktionen aber in aller Öffentlichkeit, sprich in entsprechenden Clubs und Saunen, zu zeigen, eine andere. Hier soll Vegas, der unabhängige Verein Schweizer Gay-Betriebe, Hand bieten. 2003 gegründet, will man sich in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit vor ungerechtfertigten Angriffen schützen und bei der Präventionsarbeit aktiv mitreden wie mitwirken. Die Mitglieder bei Vegas verpflichten sich in einer Präventions-Charta u.a. in Punkt 5: «Das vorsätzliche und wiederholte Vorführen von Bareback-Filmen ist untersagt.» Laut Vegas-Präsident Roger Markowitsch, auch Besitzer der Gay-Sauna Sunnyday in Basel, halten sich die meisten Betriebe daran: «Von 50 getesteten Mitgliedern sowie Nicht-Mitgliedern pro Jahr, verzeichneten wir im 06 lediglich drei schwarze Schafe. Das hatte natürlich intensive Gespräche zur Folge, damit die Regeln wieder eingehalten werden.» Andernfalls droht ein Gespräch mit dem zuständigen Kantonsarzt oder gar eine Schliessung. Der Cruiser weiss aber: In einem Zürcher Sex-Club sowie in einer Schwulen-Sauna in Zürich – beides Vegas-Mitglieder – werden regelmässig auch Sex-Filme gezeigt, in denen es ohne Schutz zur Sache geht. Dazu Stefan(*), ein 42jähriger Krankenpfleger aus Zürich, der regelmässig in der Szene verkehrt: «Ich wundere mich schon länger, wie man mit dem Thema «Unsafe Sex» in gewissen Betrieben umgeht. Einerseits werden immer wieder schwule und auch heterosexuelle Pornos gezeigt, wo ohne Gummi gebumst wird. Andererseits mangelt es auch an der Verteilung von Präservativen. Entweder sind die dafür bereitgestellten Spender permanent leer oder man muss sich die Gummis an einem weit entfernten Tresen holen.»

Strengere Kontrollen
In dieser Situation ist also nicht nur Vegas gefordert, sondern auch das Bundesamt für Gesundheit. Das ausgebildete Team, das mit seinen so genannten Audits die Einhaltung der Charta prüft, wird nicht nur von der Aids-Hilfe mitbegleitet, sondern auch vom BAG mit 40'000 Franken pro Jahr finanziert. Das bestätigt Andy Schneider, Sekretär Sektor Aids beim BAG gegenüber Cruiser. Bareback-Videos verbieten – dieser Zug ist wohl abgefahren und höchst wahrscheinlich genauso zwecklos wie kontraproduktiv. Beim öffentlichen Vorführen von unsafe Sex wurde der Handlungsbedarf zwar erkannt. Aber wie die steigenden HIV-Infektionen unter MSM zeigen, herrscht bei der Umsetzung wahrlich Not am Mann.
(*) Name der Redaktion bekannt

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