Flirts mit Folgen
Die Suche nach der grossen Liebe oder dem schnellen Sex im Internet

Von Thomas Borgmann

Immer mehr Schwule suchen in Internetforen nach der grossen Liebe oder dem schnellen Sex. Doch das virtuelle Cruisen birgt auch Risiken. Erschreckend ist die Unbekümmertheit, mit der manche Teilnehmer ihr Privatleben offenlegen, ohne sich über mögliche Folgen Gedanken zu machen. Die auf Deutschland bezogenen Fakten sind in der Schweiz wohl nicht anders.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Gingen in den siebziger und achtziger Jahren Schwule noch gegen die systematische Erfassung intimer Daten in den «Rosa Listen» durch den Verfassungsschutz auf die Strasse, sorgen sie heute selbst für die bislang grössten Datensammlungen, die Auskunft über ihr Sexualleben geben. In vielen Profilen der schwulen Internetforen Gaydar, Gayromeo oder Gayroyal (die zwei grossen Schweizerforen sind Boysworld und Gaynet) werden intimste Details in Wort und Bild offengelegt, die man früher wohl kaum seinem besten Freund oder Liebhaber anvertraut hätte. Wie in einem Katalog präsentieren sich beispielsweise in dem grössten deutschsprachigen Internetforum Gayromeo mehr als 400’000 Mitglieder mal mehr, mal weniger freizügig und offenbaren ihre Wünsche und sexuellen Vorlieben, zum Teil in entblössender Selbstdarstellung. Täglich kommen nach Angaben der Betreiber von Gayromeo 1’500 Neuanmeldungen hinzu.

Hohe Kontakt-Trefferquote
Seit ein paar Jahren haben die Datingforen im Internet das schwule Leben revolutioniert. Lernte man sich früher in Kneipen, Bars, Cruising Areas oder über eine chiffrierte Kontaktanzeige kennen, genügt heute ein Mausklick, um mit dem potenziellen Prinzen Kontakt aufzunehmen. Auch die Trefferquote ist dabei sehr viel höher. Das Profil, mit dem sich Mitglieder präsentieren können, wird nach vorgegebenen Inhalten angelegt und lässt dadurch oft nur wenige Fragen offen. Wie in einem Fragebogen werden bei der Neuanmeldung Körper- und Schwanzgrösse (S bis XXL), Alter, Gewicht, Haarfarbe und sexuelle Praktiken abgefragt. Es bleibt natürlich dem Einzelnen überlassen, diese Angaben offen zu lassen oder mit weiteren Beschreibungen oder Bildern zu belegen und zu illustrieren, aber wer dem harten Wettbewerb in Internetforen standhalten will, darf nicht zu sehr mit Reizen geizen. Die detaillierten Angaben ermöglichen es, sich per Suchmaske und Stichworteingabe sein kompatibles Gegenüber zu suchen und so beispielsweise einen Fussfetischisten, eine «Dirtysau» oder auch den Mann fürs Leben in der näheren oder weiteren Umgebung zu finden.

Auch harmlose Interessensgemeinschaften
Aber es geht beim Dating im Internet nicht ausschliesslich um «das Eine». Einer Mitglieder-Befragung bei Gayromeo zufolge nutzen nur 31 Prozent das Internetforum für erotische Kontakte, knapp ein Viertel der Befragten ist einfach auf der Suche nach neuen Bekannten. Viele suchen und finden sich auch in den sogenannten «communities». Das sind Interessensgemeinschaften, die sich sowohl zu harmlosen Themen wie «Schlagerfreunde», «Kochen und backen» oder «Fahrradfahren» zusammenschliessen, die den Charakter einer Selbsthilfegruppe haben können, die es aber auch zu geschlossenen Gruppen gibt, in denen es etwa um «Sex und Saufen» oder Bareback-Parties geht. Sichtet man die Mitgliederzahl dieser Clubs, ergibt sich allerdings ein anderes Bild als das durch die Mitgliederbefragung vermittelte. So kann die Community «Darkroom» bei Gayroyal zum Beispiel 1’750 Mitglieder aufweisen, bei «Freunden» sind dagegen nur knapp 200 Teilnehmer registriert. Auch die Bildergalerien zahlreicher registrierter Mitglieder lassen erahnen, dass weit mehr als ein Drittel vorrangig sexuelle Kontakte über das Internet sucht. Von nicht wenigen Profilen wird man mit einer Grossaufnahme eines Schwellkörpers oder einer weit aufgerissenen Körperöffnung begrüsst, von dem anderen Gesicht darf man hingegen noch weiter träumen.

Segen für ländliche Gegenden
Als Segen erweist sich das Internet zweifellos in ländlichen Gegenden, in denen es überhaupt keine schwule Infrastruktur gibt. Während Schwule in der Provinz früher mitunter versauerten, bieten die Gayforen jetzt durchaus die Chance, auch hier zum Zuge zu kommen und sein Glück zu finden. Doch auch bei vielen Grossstadt-Gays ist ein Profil in einem Kontaktforum mittlerweile so selbstverständlich wie etwa der Besitz eines Mobiltelefons. So kann es durchaus passieren, dass beim Flirt in der Szene der Kandidat schon längst über die intimsten Begierden seines Gegenübers Bescheid weiss, noch ehe der überhaupt den Mund aufgemacht hat.

Verlust der Intimität
Bislang betrachten vor allem die Betreiber von schwulen Lokalen den Boom der Internetforen mit Sorge. Denn die Cruisingmöglichkeiten vom heimischen Schreibtisch aus haben einigen Szene-Lokalen bereits die Existenzgrundlage geraubt. Gähnend leer ist mancher Laden geworden, der früher noch als absoluter Insider-Tipp galt. Doch nicht nur für die Gastronomie sind die Kontaktforen im Internet ein Risiko. Erschreckend ist die Unbekümmertheit, mit der manche Teilnehmer ihr Privatleben offenlegen, ohne sich über mögliche Folgen Gedanken zu machen. Viele Schwule wähnen sich in den Gayforen in einem geschützten Raum für Gleichgesinnte, doch dieser Eindruck täuscht. Niemand weiss, wer Zugriff auf diese Daten hat, wer sich hinter einem digitalen Profil verbirgt und was er mit den Angaben und Bildern macht, die sich problemlos kopieren und weiter versenden lassen. In letzter Zeit mehren sich die Fälle, in denen schwule Männer bei einem über das Internet verabredeten Blind Date Opfer von Raub, Körperverletzung und sogar Mord wurden. Auch Fälle von Erpressungen wurden bekannt. Ein Lehrer aus Deutschland bekam beispielsweise grösste Probleme mit der Schulbehörde, weil sein pikantes Profil von einem Schüler entdeckt und öffentlich gemacht wurde. Geprüft wird derzeit von der Behörde, ob der Erziehungsauftrag des Lehrers vereinbar sei mit der Tatsache, dass er sich und seine «Neigung im Internet prostituiert und präsentiert.» Um Schwule vor unangenehmen Folgen des virtuellen Flirtens zu schützen, hat Maneo, das schwule Überfalltelefon und die Opferhilfe aus Berlin, die Aktion «Safer Surfen – Vorsicht bei Blind Dates» ins Leben gerufen. Gewarnt wird unter anderem davor, in Chat-Räumen eine Adresse zu nennen oder ein erstes Treffen in der eigenen Wohnung stattfinden zu lassen.

Fragwürdige Lebensqualität
Weitaus weniger thematisiert sind bislang die Folgen der neuen Kontaktkultur für die schwule Lebensqualität. Die permanente Verfügbarkeit potenzieller Liebhaber, das massgeschneiderte Cruisen und die Unverbindlichkeit virtueller Kontakte schaffen zwar Möglichkeiten der sexuellen Selbstverwirklichung, können Partnerschaften aber auch belasten und verstärken den Trend zu «Fast Food-Kontakten». Wenn Begegnungen nur noch nach Checklisten zustande kommen, geht die Bereitschaft verloren, sich anzunähern und überraschen zu lassen. Wer sich keine Zeit mehr für Verführungen lässt, dem bleibt auch ein wesentlicher Bestandteil der Leidenschaft verborgen. Und wer keine Differenzen mehr zulassen und sich auf Kompromisse einlassen will, mag schnell zu der Erkenntnis kommen, dass man sich auch bald nichts mehr zu sagen hat.

Suchtrisiko
Nicht zu unterschätzen ist der Suchtfaktor der Internetforen. Durch die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit haben manche User ihr Profil rund um die Uhr aktiviert und baggern selbst während der Arbeitszeit im Büro, auch auf die Gefahr hin, dass der Arbeitgeber mitliest. Keine Frage, dass da kaum noch Zeit zur Freundschaftspflege bleibt und – getrieben von der Angst, im Netz etwas Besseres zu verpassen – ein Date schnell uninteressant wird, sobald es nicht in allen Punkten stimmig erscheint. Dabei könnte es gerade an dieser Stelle spannend werden. Ein jüngerer Schwuler fragte neulich, wie man sich eigentlich früher kennengelernt hätte, als es noch keine Gayforen gab. Ihm waren offensichtlich die zahlreichen kribbelnden Augenblicke im Leben bisher entgangen.



Eine Internetlösung der