Gay’s The Word
Auf den ersten Blick ein Bücherladen wie jeder andere.

Noch 1984 beschlagnahmte die Behörde im Londoner «Gay’s The Word» Bücher – darunter auch Klassiker – und machte dem Laden das Leben schwer. Heute kämpft der kleine Shop gegen die grossen, die sich nun nicht mehr scheuen, schwullesbische Bücher anzubieten.

Das Quartier verpflichtet: hier hauste einst die Bloomsbury Group, eine Verbindung frei denkender Schriftsteller und Künstler, zu denen auch Virginia Woolf gehörte, deren ehrlicher Umgang mit Sexualität im restlichen England einen Sturm der Entrüstung auslöste. Gay’s The Word führte hier selten ein leichtes, immer aber ein mutiges Leben.
Es ist ein Katzensprung von den rauschenden Schwulen-Pubs der Old Compton Street. Man kann’s sogar zu Fuss machen. An den grandiosen alten Bloomsbury-Häusern mit ihren Kronleuchtern vorbei, am National Museum entlang in Richtung Russell Square. Dort, im Schatten eines futuristischen Shopping- und Wohnzentrums, findet sich die Marchmont Street, eine lang gezogene Strasse ohne besondere Eigenschaften, gesäumt von unauffälligen Krämerläden, Werkzeug-Shops und vegetarischen Indern. Nummer 66. Auf den ersten Blick ein Bücherladen wie jeder andere. Im Schaufenster die neuesten Erscheinungen, das «Buch des Monats», eine Wäscheleine mit lustigen Valentins-Karten. Gay’s The Word heisst der Laden, benamst nach einem Musical von Ivor Novello. Ein Bücherladen wie er im Buche steht, und doch einmalig – wenigstens in England.

Nur ein Thema – aber breit gefächert
Nirgendwo sonst in England gibt es einen Laden, dessen Sortiment nur aus Büchern besteht, die alle irgendeinen Aspekt des Schwulseins behandeln. Das Internet wird einen solchen Shop nie ersetzen können, das wird beim Eintreten sofort klar. Derweil der langjährige Manager Jim McSweeney ein wohlgelauntes «Good morning!» ertönen lässt, bei dem man gleichermassen schon den Tee brauen hört, fällt das Auge sogleich auf ein dicht besetztes Anschlagbrett und ein Regal voller Flugblätter, Broschüren und all den Gratiszeitungen der Londoner Szene. Dahinter tut sich ein wohnlicher Raum auf mit Regalen, wo sich geölte Muskeln innig an Klassiker der Weltliteratur schmiegen und Meditationshilfen für New Age-Schwule im besten Frieden leben mit Leitfäden für den Wassersport. Coming-Out-Memoiren, Poetry, Krimis, Ratgeber für schwule Eltern, Photographie, Reisebücher – für alles gibt es irgendwo eine Ecke. Die Atmosphäre gleicht in keiner Weise den schrillen Lifestyle-Shops von Soho mit ihren Bergen von Bruce Weber-Bänden und Kylie-Kalendern. Keine pfundigen House-Beats ertönen hier, sondern stille Klassik oder Antony & The Johnsons. Und an der Kasse braucht man keine Pin-Nummer auswendig zu kennen – da reicht charmanterweise noch die gute alte Unterschrift auf dem Kassabon. «Der Laden soll ein Environment sein, wo es allen wohl ist», sagt McSweeney. «Manchmal sind Kunden sehr nervös, wenn sie zum ersten Mal hereinkommen. Sie wissen nicht, wo sie anfangen oder wohin sie schauen sollen. Da geben wir uns alle Mühe, ruhig mit ihnen zu reden, damit sie die Schüchternheit verlieren. Der Laden soll zeigen, dass Schwulsein eine positive Sache ist und dass wir stolz sein können darauf, was Schwule erreicht haben.»

Einst Zentrum für militante Selbsthilfeorganisationen
Gay’s The Word hat eben seinen 28. Geburtstag über die Runde gebracht. Es ist fast unglaublich, wie sich das Leben für Schwule in England – London – in dieser Zeit verändert hat. Gegründet wurde der Laden von einer Handvoll Mitgliedern einer militanten Gruppe von Sozialisten, Gay Icebreakers. Heaven, der Club, der die Szene auf den Kopf stellte, wurde erst ein halbes Jahr später eröffnet. Die Old Compton Street war praktisch noch nicht einmal erfunden worden. Schwule Politiker waren beliebte Erpressungsopfer. Schlägertrupps nahmen sich jedem an, der sich im Freien bei der Lektüre der «Gay Times» erwischen liess. Mit der Wahl von Margaret Thatcher zur Prime Ministerin wurde die von den Boulevardmedien eh schon dick aufgetragene Homophobie institutionalisiert. Gay’s The Word diente zu jenem Zeitpunkt erst zur Hälfte als Bücherladen – die andere Hälfte war ein rege benütztes Zentrum für militante Selbsthilfeorganisationen wie die Gay Black Group und die Gay Disabled Group. 1984 wurde ein Grossteil des Lagerbestandes beschlagnahmt – darunter Klassiker von Jean Genet, Tennessee Williams, Christopher Isherwood und Gore Vidal. Die Direktoren der Firma wurden beschuldigt, eine «Verschwörung zwecks Import obszöner Bücher» angezettelt zu haben. Die Sache entwickelte sich zum Eigentor für die Obrigkeiten. Eine wohlkoordinierte Selbstverteidigungskampagne genoss die lautstarke Unterstützung vieler namhafter Autoren und sonstiger VIPs. Eine Sammelaktion für die Gerichts-kosten brachte £ 55’000 ein, Gore Vidal persönlich spendete £ 3’000. Die Publicity liess die Obrigkeit in einem dermassen peinlichen Licht erscheinen, dass sie schliesslich das Handtuch warf.

Neuer Zeitgeist
1988 trat zwar ein neues englisches Gesetz in Kraft – Clause 28 – welches die «Promotion» von Homosexualität strafbar machte. Aber der Zeitgeist hatte sich gewendet. Jeanette Winterson hatte mit ihren Coming-Out-Memoiren «Oranges Are Not The Only Fruit», die sogar zur TV-Serie verarbeitet wurden, grosses Aufsehen erregt. Andere britische Schriftsteller – Alan Hollinghurst, Adam Mars-Jones, Desmond Hogan uvm. – hatten ebenfalls bedeutende Werke mit schwuler Thematik veröffentlicht. Auf einmal hatte jeder grosse Bücherladen eine «Gay & Lesbian»-Ecke. Es entstanden mehrere schwule Verlage mit literarischen Aspirationen. Ironischerweise wurde die Situation von Gay’s The Word dadurch schwieriger. Man stand nichtmehr allein auf weiter Flur. Das Forcieren von Mail-Orders, Lesungen und anderen Spezialveranstaltungen halfen, auch diese Hürde zu nehmen. Im Rahmen der grossen London Book Fair wurde Gay’s The Word letztes Jahr in die Top 10 der besten Londoner Bücherläden gewählt.

Es fehlt an Büchern
Nun sieht sich Gay’s The Word mit einem neuen Problem konfrontiert. Es liegt beim heutigen Verlagswesen, «und nicht nur im Schwulenbereich»: An speziellen Büchern, die mit Kleinstauflagen erscheinen, fehlt es nicht, an Büchern, bei denen ein Grossverlag Bestsellerpotential wittert, sowieso nicht. «Was uns fehlt, sind die Bücher in der Mitte. Die qualitativ hochstehenden englischen Bücher, die kein Massenpublikum interessieren werden – sie sind verschwunden. Heute müssen wir sehr viel aus den USA importieren.» Verschwunden sind auch die englischen Schwulenverlage. Denn Schwulenthemen kommen bei den grossen englischen Verlagen durchaus unter - erst recht, seit Alan Hollinghurst für «The Line Of Beauty» 2004 die höchste literarische Auszeichnung Grossbritanniens, den Booker-Preis, zugesprochen bekam. Aber eben nur Schwulenthemen mit
Massen-Appeal.

Von Hanspeter Künzler


 

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