20 Jahre Cruiser
Vom lokalen «Vereinsblatt» zur «Zeitung der Schweizer Gay-Community»

Der Cruiser hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Beweggrund der Gründer war, eine Gay-Zeitung auf den Markt zu bringen als Alternative zum damaligen Marktbeherrscher «Kontakt» aus dem Scherer-Verlag.

Gestartet wurde der Cruiser mit einer Auflage von 2’000 Exemplaren im kleinen A5-Format. Der Druck war auf den Innenseiten schwarz/weiss gehalten und das Heft hatte meist einen einfarbigen Umschlag. Diese Bescheidenheit erlaubte auch moderate Anzeigenpreise, wie eine Rechnung vom Februar 1987 belegt: «Sehr geehrte Frau Zimmermann, bereits sind schon fast alle 2000 Cruiser-Exemplare mit einem Inserat vom Barfüsser verteilt. Bis jetzt ist das Echo sehr gut. Darf ich Sie bitten, mir die Inseratkosten mit beiliegendem Einzahlungsschein zu überweisen.
Inserat 1/4 Seite Fr. 90.–.»

Der Cruiser war von Anfang an eine Gratis-Publikation für die Leser und musste somit einzig über Inserat-Einnahmen finanziert werden. Auf der Inserenten-Liste von damals stehen Namen, die man heute noch kennt aber auch Betriebe, die verschwunden sind. Es waren vorwiegend Bars, Clubs und Shops aus Zürich: Restaurant Barfüsser, Babalu, Bagpiper, Grotto-Bar, Trübli, Club Hey, Les mains bleues, Macho men’s shop, Relaxclub Moustache, Pussy cat, Predigerhof, Tip Top, Sauna Alexander, Spot25, T&M, Wy Not.

Angriffig
Angriff war die Devise der ersten Cruiser-Macher. Bruno Scherer, der damalige Herausgeber vom «Kontakt» betrieb zugleich einen Versandhandel und lehnte in seiner Publikation Inserate von Shops ab, die sein Versandgeschäft hätten trüben können. Markus Christen mit seinem «men’s shop» war einer, der seine Inserate nicht platzieren durfte. Klar, war er also angetan von der Idee, ein neues Blatt zu schaffen, und half mit, sie in die Realität umzusetzen. Schon für die zweite Ausgabe wollte Christen mit seinem Konkurrenten ein Interview führen. Dieser lehnte jedoch ab und liess schriftlich verlauten: «Besten Dank für die Anfrage betreffend einem Interview im Cruiser. Leider ist es mir nicht möglich, dem Wunsch zu entsprechen. Mit Zurückhaltung und Diskretion habe ich meinerseits in der Vergangenheit die besten Erfahrungen gemacht.»

«Es gibt ihn weiter!»
Mit Betreff «Es gibt ihn weiter!» versandte am 14. Januar 87 der Verein Cruiser einen mit Schreibmaschine getippten Brief an mögliche Inserenten. Und im ersten Abschnitt beginnt der Text mit: «Am 11. Januar 1987 haben wir – das sind Markus Christen, Thomy Schallenberger, Tony Vogt und Roger Staub – den Verein Cruiser gegründet. Wir wollen mit dem Cruiser eine regelmässige Publikation für Zürich und Umgebung schaffen.» Kurz vor der Fasnacht kam dann die Ausgabe 1/87 heraus. Roger Staub gab im Edito bekannt: «Die Nullnummer des Cruiser, erschienen im Dezember 86, war ein Erfolg – im Handumdrehen hat Mann sich ein Exemplar gegriffen. Daraus schliessen wir, dass wir eine ‚Marktlücke’ gefunden haben, mit einem Szene-Blatt aus Informationen, ein wenig Klatsch und Inseraten, die weiterhelfen, wohin und oder wozu auch immer. Wir machen also weiter. Und weil wir meinen, es müsste den Cruiser auch in einer etwas ferneren Zukunft noch geben, haben wir einen Verein gegründet. Die Aktivmitglieder machen das Heft, und die Gönnermitglieder helfen. So soll dem Cruiser ein besseres Dasein ermöglicht werden. – Eintagfliegen hat’s ja schon genug gegeben.»

Cruiser als Verein
Der Cruiser war keine Eintagsfliege. Heute gibt es ihn seit 20 Jahren. Die Formate und die Schriftzüge wechselten und auch die Personen, die daran gearbeitet hatten. So ist dem Protokoll der ersten Generalversammlung des Vereins Cruiser zu entnehmen, dass Tony Vogt bereits nach einem Jahr seinen Austritt gab. Der Cruiser wurde über Jahre unter dem Dach eines nicht Gewinn orientierten Vereins geführt – was für den Kassier nicht immer einfach war. So findet sich denn im Mahnwesen auch eine Formulierung wie: «Da wir am Cruiser nichts verdienen wollen, haben wir auch kein Geldpolster. Wir sind auf die speditive Zahlung unserer Inserenten angewiesen. Darf ich Sie bitten, Ihre Zahlung baldmöglichst zu begleichen.» Die Vereinsform verlangte natürlich von allen aktiv Mitarbeitenden viel Einsatz und Freiwilligen-Arbeit. Nach Jahren erst wurde der Verein aufgelöst und der Cruiser stufenweise in andere Geschäftsformen und Besitzverhältnisse überführt.
Während sich die Konkurrenz in ruhigen, geordneten Verhältnissen weiterentwickeln konnte, erfuhr der Cruiser vor allem in der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre Berg- und Talfahrten. Wechsel der Redaktionsspitze und der Administration brachten eine gewisse Unruhe mit sich. Seit der Jahrtausendwende ist in dieser Hinsicht nun wieder jene Stabilität eingekehrt, die notwendig ist, ein solches Produkt am Leben zu erhalten und zum Erfolg zu führen.

Auf dem richtigen Weg
Dennoch machte der Cruiser auch in jener Zeit oft von sich reden. In Erinnerung ist vor allem seine damalige Angriffigkeit. So zum Beispiel mit einer bissigen Kolumne von Thomy Schallenberger über die Aids-Hilfe. Lange noch im Gespräch war auch der «Cruiser-Sauna-Test», der durch seine Einstufung von gut bis schlecht, Inserenten, die im unteren Bereich der Bewertungsskala lagen, vergraulte. Der Cruiser ist immer noch kritisch und damit auf dem richtigen Weg. Das zeigen Leser-Reaktionen wie z.B. die eben eingetroffene: «... gratuliere ich zu den 20 Cruiser-Jahren. Der Cruiser ist für mich wirklich etwas vom Intelligentesten, was die Szene je hervorgebracht hat. Mit herzlichem Gruss M.»

Von Martin Ender



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