Gaydar Radio – bringt die Party ins Haus
Die «Gaydar community» hat bereits über 3,2 Millionen Mitglieder

Gaydar ist nicht nur eine rauschende Dating-Plattform in Grossbritannien. Es ist auch die erste kommerzielle Radiostation von Schwulen für Schwule – und überhaupt für alle Fans von House-Music.

Kaum eine Radiostation – kommerziell oder öffentlichrechtlich – legt jemals House auf. Der Sound sei nicht radiogen, heisst es gern. Oder: Es sei eine Minderheitenmusik, die bloss ein zahlenmässig uninteressantes Randpublikum anlocke. Gaydar Radio straft die Behauptungen Lügen. 1,6 Millionen Zuhörer lauschen der Station jede Woche online, 245’000 schalten sich über Digital Radio sowie Sky TV ein. Gerade wieder hat man einen Award zugesprochen bekommen. Diesmal war’s der Sony Award für die beste Digital-Radio-Station von Grossbritannien. Im vergangenen Oktober steckte man bereits den «British Telecom Digital Radio Station of the Year»-Award ein und stach dabei mehrere populäre Kanäle der BBC aus, die ebenfalls im Rennen lagen.

Neues Konzept
Gaydar Radio steht im Digital-Radio-Boom, der Grossbritannien erfasst hat, praktisch allein da als eine Radiostation, die das frische Medium mit einem neuen Konzept angeht und nicht einfach bestehende Formate technisch aufmotzt. So etwas wie Gaydar Radio – eine durch und durch professionell geführte kommerzielle Radiostation von Schwulen und Lesben für Schwule und Lesben – hat es vorher nicht gegeben. «Es ist ungemein befreiend, eine Radiostation zu haben, wo das Schwulsein selbstverständlich ist», sagt Programmchef Robin Crowley, der von seiner Station so begeistert ist, dass er eher wie ein Fan klingt als wie der abgebrühte Medienprofi. «Wenn Fred bei einer konventionellen Station anruft und sich auf den Geburtstag von seinem Bill ein Lied und eine Widmung wünscht, weiss er nicht, ob das mit einem Scherz oder sonst einer komischen Bemerkung quittiert wird. Wenn er bei uns anruft, kann er mit dem DJ sogar noch schwule Scherze austauschen.» Ganz abgesehen davon, spielt Gaydar Radio rund um die Uhr die Musik, die in Londons Clubs seit zwanzig Jahren den Ton angibt – House. Am Montagmorgen ist es noch lockerer, flauschiger Happy House. Durch den Tag und über die Woche hinweg werden die Beats lauter und intensiver, bis am Freitagabend die grosse Party ausbricht.

Die Anfänge von Gaydar
Gaydar ist ein Phänomen. Es begann damit, dass eine Gruppe von Männern bei einer Dinner Party das Schicksal eines Kollegen diskutierte, der schwule Gesellschaft suchte, ohne Zeit und Lust zu haben, sich in die einschlägigen Klubs oder aber ins Reich der Kontaktannoncen zu begeben. Einer der Männer, der kürzlich verstorbene Gary Frisch, war IT-Fachmann. Weil er auch im Internet keine ansprechende Dating-Site für seinen frustrierten Kumpel finden konnte, setzte er sich hin, entwarf flugs die eigene Software und richtete mit Partner Henry Badenhorst die erste Gaydar-Site ein. Das Konzept, welches es Mitgliedern erlaubt, sich in einsamen Stündchen in die Wellen von Gaydar zu stürzen, um durch die Profile anderer Mitglieder zu surfen und jemanden zu finden, der in der Nähe wohnt und gerade Zeit hat, war ein Instant-Hit.

Heute rund 3,2 Millionen Mitglieder
Sieben Jahre später hat die «Gaydar community» bereits über 3,2 Millionen Mitglieder. Selbige verbringen oft Stunden beim Surfen. Da lag die Idee in der Luft, diesen das Suchen mit Musik zu versüssen. Am Anfang war Gaydar Radio kaum mehr als eine computergesteuerte Jukebox. Vor rund zwei Jahren erkannte man, dass darin viel mehr Potential steckte. Dies umso mehr, als der britische Staat zusammen mit der BBC und mehreren privaten Radiomachern gerade daran war, mit allen Mitteln die Verbreitung von Digital-Radio (DAB) zu forcieren. Bei der Vergabe der entsprechenden Lizenzen wurde darauf geachtet, dass eine möglichst breite Palette von Interessensgruppen zum Zug kam. Gaydar konnte sich eine DAB-Lizenz ergattern für den Südosten von England mit den Schwulenmetropolen London und Brighton. Nun heuerte man eine Reihe von namhaften DJs und Moderatoren an - heute sind es deren sechzehn. Viele sind auch als Club-DJs tätig und kennen damit die Trends praktisch bevor sie passieren. «Vorher hatten wir mit Gaydar Radio ausschliesslich die Mitglieder der Dating-Site angesprochen.» erklärt Marketing-Direktor David Munoz. «Mit den diversen Gaydar-Produktionen erreichten wir immerhin schon 72% des schwulen und lesbischen Marktes in Grossbritannien. Dank DAB konnten wir uns daran machen, ein noch grösseres Publikum zu erschliessen.» Dazu gehören auch immer mehr heterosexuelle House-Fans, die von den anderen Stationen jämmerlich im Stich gelassen werden.

Lokal dichte Einschaltquoten
Die Anfänge waren indessen nicht einfach. Um auch Werber ausserhalb der Schwulenszene anzulocken und sich die Unterstützung der Plattenfirmen zu sichern, brauchte es offiziell beglaubigte Einschaltquoten. Die Methode, mit welcher diese erhoben wurden, nahm keinerlei Rücksicht auf die spezielle Natur der einzelnen Stationen. Egal, dass Gaydar Radio in London und Brighton eine unglaublich dichte Zuhörerschaft erreichte – weil diese in anderen Orten weit niedriger lag, zog das den Schnitt empfindlich nach unten. Bemerkenswerterweise gelang es Munoz aber, die zuständigen Instanzen von der Ungerechtigkeit der Situation zu überzeugen. Heute werden die Gaydar-Einschaltquoten situationsgerecht eruiert, und damit kann nun auch die lukrative Werbung angelockt werden, die für den Finanzhaushalt unablässig ist. Die Zukunft sieht denn in der Tat rosig aus.

Interaktiv
«Nun dürfen wir nur nicht den Fehler machen, uns auf den Lorbeeren auszuruhen», sagt Crowley. «Wir müssen uns ständig entwickeln, um frisch zu bleiben.» Sein Ziel: «Ich möchte noch viel interaktiver werden. Die Zuhörer sollen noch viel mehr und viel direkter das Programm bestimmen können.» Dabei wird die Interaktivität schon jetzt intensiv gepflegt. So können die DJs während den täglich 16 Stunden Live-Radio jederzeit per Telefon, e-mail oder Text erreicht werden – und diese können den Gast sogleich auf den Sender nehmen. Besonders beliebt ist in dieser Hinsicht die tägliche Coming-out-Geschichte aus der Hörerschaft. Die Hörer können auch die Musik mitbestimmen – täglich wählen sie ihre Top 10, die 24 Stunden lang zum integralen Teil des Musikprogrammes werden.

Am Brand festhalten
«Unser Programm soll zwar überwiegend happy gestimmt sein und gute Laune verbreiten», sagt Crowley, «aber nicht nur. Es sollen auch ernste Themen zur Sprache kommen, die unsere Community beschäftigen. Unsere Herausforderung besteht darin, sie so zu präsentieren, dass wir ihnen inhaltlich gerecht werden, ohne den Ton des Senders zu verändern.» Derweil es also zum Beispiel möglich ist, am Sonntagmorgen schwule Schriftsteller, Musiker oder auch Politiker zu einer Gesprächsrunde einzuladen, weicht das Musikprogramm nie vom House-Beat ab. Crowley: «Wir sind eine kommerzielle Station, wir müssen wie eine solche operieren und an unserem Brand festhalten. Unsere Zuhörerschaft muss sich darauf verlassen können, dass wir ihr jederzeit den ‚Vibe’ bringen, den sie erwartet. Rufus Wainwright in allen Ehren – aber er passt ebenso wenig in unser Programm wie Captain Beefheart.» Die eigene Radiostation hat es Gaydar erlaubt, die Ziele noch höher zu setzen. «Als Schwuler bin ich immer wieder frustriert darüber, wie die Mainstream-Medien ein schräges Bild von uns zeichnen», sagt David Munoz. «Bei einer Schwulendemo tauchen vielleicht drei Boys im Lederaufzug auf – und sie sind es, die ganz bestimmt in allen Zeitungen abgebildet werden, nicht die vielen tausend anderen, die in Jeans und T-Shirt daherkommen.» So hat man im Tandem mit dem Radio auch den editorialen Teil der Gaydar-Website erweitert. Unter anderem hat man sich mit der Polizei zusammengetan und gemeinsam eine Seite eingerichtet, wo sich die Opfer von homophoben oder auch gay-on-gay Attacken aussprechen können. Weiter werden jetzt auch ganze «Schwulenschulreisen» organisiert: Für ein Gaydar-Wochenende im Rummel-park Thorpe Park erschienen 12000 Fans, in Alton Towers fast 20000 – ein ganzes Hotel mit 290 Zimmern wurde im Block gebucht. Und im April wurde an der Frith Street gleich hinter der Old Compton Street in Soho die Profile Bar eröffnet. Die Vorzüge von Gaydar können hier auf drei ganz unterschiedlich gestalteten Stockwerken genossen werden.

Von Hanspeter Künzler, London

www.gaydarradio.com


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