Harte Handarbeit am Glory Hole
«Irina Palm» bietet ein witziges Wiedersehen mit Marianne Faithfull

Der Film «Irina Palm» hat nichts mit Homosexualität zu tun. Dennoch sollte man sich auch als Cruiser-Leser dieses Kino-Erlebniss nicht entgehen lassen. Vor allem der Hauptdarstellerin Marianne Faithfull wegen.

Die Älteren im Publikum werden sich auf das Wiedersehen mit der Popikone der 60er Jahre freuen. Die andern werden sich über Faithfulls feinfühlige Darstellung «der wichsenden Witwe im Sexclub» amüsiert wundern. Eine beklemmende Schlüsselszene ist das Outing der Mutter als Sexworkerin vor dem bereits verheirateten Sohn. Erheiternd dagegen ist die Szene beim Nachmittagstee mit den Freundinnen, die längst neugierig sind, wo und was Maggie denn arbeitet... Schliesslich gibt sie in der Frauenrunde unumwunden zu, dass ihr rechter Arm in der Schleife Ruhe braucht, weil sie gerade einen «Penis-Arm» hat vom vielen Wichsen – aber sie machts unterdessen mit links...

Die Story
Maggies (Marianne Faithfull) Gross-kind Ollie ist schwer krank. Nur eine Spezialbehandlung in Melbourne kann ihm noch das Leben retten. Doch für die Reise und Unterkunft fehlt den Eltern Sarah und Tom (Maggies Sohn) das Geld. Verzweifelt sucht Maggie nach einem Weg, innerhalb von sechs Wochen die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Ganz so leicht ist das allerdings nicht: Maggie verfügt weder über eine Ausbildung noch über Gespartes, und ihr Haus hat sie bereits verkauft. Alle Bemühungen, einen Job zu finden, bleiben an ungläubig dreinblickenden Arbeitgeber-Augen hängen. Die pure Aussichtslosigkeit ist es dann auch, die sie in einen Sexclub treibt. Am Eingang steht das Schild «Hostessen gesucht – Top Verdienst». Eine Hostesse hält Maggie zuerst für jemanden, der Tee macht, aufräumt und reinigt, und so stellt sie sich dem Geschäftsführer Mikky vor. Der erklärt ihr schnell einmal, dass eigentlich Huren gemeint sind. Maggie ist geschockt, nachdem Mikky ihre Hände begutachtet hat und ihr anbietet, bei Männern Hand anzulegen.
Maggie hat aber keine andere Wahl, als über ihre moralische Grundeinstellung hinwegzusehen, und den «Hand-Job» anzunehmen. Sie wird tatsächlich zur «wichsenden Witwe in Mr. Miklos’ Sexclub». Dabei führt sie die erfahrene Luisa ein. Aller Anfang ist schwer, und so muss sich Maggie weniger mit der Technik, als mit dem Ekel auseinandersetzen. Aus der Hausfrau Maggie wird die Künstlerin Irina Palm. Es spricht sich schnell herum, dass Irina die sanftesten Hände in ganz London besitzt. Die Kunden stehen Schlange. Andere Sexclubbesitzer wollen sie abwerben, sie bleibt aber loyal, jedenfalls so lange, bis sie das Geld zusammen hat. Währenddessen rätseln ihre vernachlässigten Freundinnen und Angehörigen, was Maggie bei ihrer neuen Arbeit überhaupt macht. Eines Tages folgt ihr Tom und findet das Geheimnis heraus. Nun muss Maggie abermals über ihren Schatten springen und Rechenschaft ablegen. Ihr Sohn rastet vollkommen aus. Seine Mutter eine Hure: «Alle Seifen dieser Welt reichen nicht aus, diesen Dreck von dir zu waschen».
Da nützt es nichts, dass Maggie beteuert, keine Hure zu sein, dass sie bloss einen Job gemacht habe, um ihrem Enkel eine Überlebenschance zu verschaffen.

Nochmals zu Marianne Faithfull
Was die Schauspielerin hier zeigt, ist grossartig. Die Frau ist schrullig, naiv, lieblich, gemein. Kurz: Eine Heldin des Alltags, die untertaucht, um unter allen Umständen ein Unglück abzuwenden. Sie verkörpert glaubhaft die Rolle der einsamen Witwe, die zu früh heiratete und zu spät realisierte, dass das Leben keinen Halt macht. Und sie führt die Schwierigkeiten eines Outings – allerdings der etwas anderen Art – überzeugend vor Augen.

Von Andreas Candinas

Marianne Faithfull
Marianne Faithfull (*1946 in Hamp-stead) wurde in den 60er Jahren als junge Pop-Sängerin in England, Europa und, in der Zeit grosser Popularität britischer Musiker wie den Beatles und den Rolling Stones in den USA, auch in Übersee bekannt. Sie begann ihre Karriere 1964 mit «As Tears Go By», einer Komposition von Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones. Sie veröffentlichte eine Reihe erfolgreicher Singles, darunter «This Little Bird», «Summer Night» und «Sister Morphine».
In der Boulevardpresse wurde sie vor allem durch ihre Liebesbeziehung zu Jagger bekannt, der angeblich den Song «Wild Horses» für sie komponierte. Der Song «Sister Morphine» entstammt neben der Feder von Faithfull ebenfalls der von Richards/Jagger und beschreibt Faithfulls Drogensucht. Das Leben des Paares wurde durch starken Drogenkonsum bestimmt. Nach der Trennung war Faithfulls Leben lange Zeit von Drogen geprägt.
Erst 1979 gelang ihr mit ihrem ersten Album nach rund einem Jahrzehnt, «Broken English», ein Comeback, das mit dem Versuch einherging, sich von den Drogen zu lösen und eine neue künstlerische Karriere nicht nur als Musikerin, sondern auch als Theaterschauspielerin aufzubauen. Ihre Stimme war, wie es heute ihr Markenzeichen ist, sehr rau und dunkel geworden, passend zu den nachdenklichen und oft dunklen Liedtexten. Von ihrer Heroinsucht löste sie sich erst 1987 vollständig.