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Esther Maurer hats mit den
Schwulen verspielt
«Diese Art von Nicht-Zuhören habe ich noch an keinem Podiumsgespräch
erlebt.»
Das Podiumsgespräch, zu dem die SP der Stadt Zürich eingeladen
hatte, war für beide Seiten unbefriedigend. Es gab viele Fragen von
den Podiumsteilnehmern und aus dem Publikum zum Thema «Homophobie
bei der Stadtpolizei?», aber keine wirklich klärende Antwort
von Esther Maurer.
Am Podiums-Tisch sassen Esther Maurer, Stadträtin und Vorsteherin
des Polizeidepartements der Stadt Zürich, und neben ihr Enrico Quattrini,
Chef Bewilligungen Gastgewerbe der Stadtpolizei Zürich. Die Gegenseite
war vertreten mit Roger Markowitsch, Präsident Vegas, Patrick Hadi
Huber, Co-Präsidium CSD, Theres Bachofen, Präsidentin HAZ, Jvan
Paszti, Geschäftsführer Cranberry und Benedikt Zahno, Bereichsleiter
MSM bei der ZAH. Der blaue Saal des Volkshauses war bis auf den letzten
Platz gefüllt und viele standen noch den Wänden entlang oder
sassen am Boden. Es waren rund 250 Leute anwesend. Das grosse Interesse
zeige, dass den Schwulen etwas unter den Nägeln brenne, sagte einleitend
SP-Gemeinderat André Odermatt, der den Abend moderierte. Viele
Homosexuelle hätten den Eindruck, in Zürich mache sich eine
schwulenfeindliche Stimmung breit, gerade auch im Polizeikorps. Die grossen
Fragen stehen im Raum: Bisher habt ihr uns mehr oder weniger unbehelligt
Parties feiern lassen, wieso jetzt plötzlich nicht mehr? Warum hat
man nicht das Gespräch gesucht mit den Schwulenorganisationen, sondern
ist gleich mit der Polizei eingefahren? Wer hat denn «diese Lawine»
losgetreten?
Kaum Antworten
Die Antworten auf darauf folgende Detailfragen waren wiederholte Statements,
die bereits zuvor in der Presse standen. Dafür hätte man nicht
zwei Stunden im Saal sitzen müssen. Clubbetreiber, die wissen wollten,
was sie denn nun konkret unternehmen müssten, damit sie nicht dauernd
mit Kontrollen und Razzien rechnen müssten, bekamen von Herrn Enrico
Quattrini die Antwort: «Kommen Sie bei mir vorbei, dann sag ich
Ihnen schon, was Sie machen müssen.» Die Tonalität war
nicht besonders einladend und wurde auch mit einem Raunen im Publikum
quittiert.
Als Esther Maurer schliesslich noch an ihrem Handy hantierte, fragte sich
der Saal schon, wer eigentlich wem nicht zuhört.
Warum jetzt die Razzien?
Immerhin hat sich Maurer in einem Punkt entschuldigt und Einsicht gezeigt,
dass man wohl zu wenig das Gespräch gesucht habe mit den Schwulenorganisationen.
Ansonsten aber berief sie sich immer wieder auf die bestehenden Gesetze.
Warum aber auf einmal härter durchgegriffen wird, konnte oder wollte
sie nicht erklären. Nur so viel, dass der Auslöser Doris Fiala
(FDP) gewesen sei, etwa im Jahr 2003. In einem gemeinderätlichen
Vorstoss hätte sie verlangt, die Szenenlokale mal genauer unter die
Lupe zu nehmen. Da gehe es ja zu und her... Soll nun Doris Fiala an allem
schuld sein? Wir haben im Archiv nachgeschaut.
Interpellation von Doris Fiala betreffend Szeneclubs, illegaler Drogenkonsum
und -handel.
Am 12. Juni 2002 reichte Gemeinderätin Doris Fiala (FDP) folgende
Interpellation GR Nr. 2002/201 ein: «In der Trendstadt Zürich
schiessen u. a. als Folge der liberalisierten Gastgewerbegesetzgebung
neue Clubs mittlerweile wie Pilze aus dem Boden. Dies ist zu begrüssen,
ist die «Clubszene» doch nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor
im Dienstleistungssektor, sondern immer mehr auch ein attraktiver Arbeitgeber.
Zugleich sollen offenbar aber auch Auswüchse der urbanen Kriminalität
in den Clubs zunehmen. Einige etablierte Clubs sind betreffend der Kokain-Problematik
seit Jahren im Gespräch. (...) In dem quasi rechtsfreien Raum der
Clubszene soll illegaler Drogenkonsum und -handel betrieben werden...»
Antwort des Stadtrates
In seiner Antwort auf eine ganze Reihe von Detailfragen hält der
Stadtrat unter anderem fest: «Der Stadtrat ist entschlossen, die
Stadtpolizei Zürich personell und strukturell in die Lage zu versetzen,
in den Szeneclubs keine rechtsfreien Räume zuzulassen.» Und:
«Es soll nach Ansicht des Stadtrates nicht Gegenstand von ernsthaften
Diskussionen über die zukünftige Kompetenzregelung zwischen
den beiden grössten Polizeikorps der Schweiz sein, der Stadtpolizei
Zürich (...) die Freiheiten bei der Wahl ihrer Mittel zur Bekämpfung
der in ihrer Verantwortung liegenden urbanen Kriminalitätsformen
zu entziehen.»
Machtkampf
Doris Fiala zielt keinesfalls speziell auf die Schwulenclubs. Sie erwähnt
in weiteren Vorstössen namentlich auch die Problematik an der Langstrasse.
Die stadträtliche Antwort zeigt aber auch klar, dass die Polizei
den Auftrag bekommt, in «Szeneclubs keine rechtsfreien Räume
zuzulassen». Das Schriftstück erinnert zudem auch an den damaligen
Kompetenzstreit zwischen Kanton und Stadt Zürich, der riesigen Wirbel
machte. Die Polizeipräsidentin der Stadt, Frau Esther Maurer (SP),
und die Polizeipräsidentin des Kantons, Rita Fuhrer (SVP), kreuzten
schwer die Klingen. Ein Machtkampf. Und Esther Maurer musste weiterkämpfen.
Wiederum aus dem Gemeinderat kam im April 03 bezüglich Umstrukturierung
der Polizei der Vorwurf: «Im Zusammenhang mit der Umsetzung von
Stapo 200X stellt sich die Frage, ob nicht zulasten der Frontarbeit eine
Aufblähung der Stabs- und Offiziersstellen zu befürchten ist.
Jedenfalls lässt die zögerliche Haltung der Polizeivorsteherin
(...) befürchten, dass die bereitgestellten Finanzmittel möglicherweise
nicht oder verzögert im Sinne des Gemeinderates eingesetzt werden.»
Nicht mehr zögerlich
Ist das heutige Vorgehen nun die Reaktion? Das Studium von Interpellationen
und Vorstössen im Zürcher Gemeinderat legt die Vermutung nahe,
dass Esther Maurer längst unter Zeitdruck steht, durchzugreifen.
Sie muss wohl der damaligen Widersacherin Fuhrer beweisen, dass die Stadtpolizei
ganz gut ohne kantonales Eingreifen in der Lage ist, für «Ruhe
und Ordnung» zu sorgen. Und in der Stadt muss sie den Bürgerlichen
beweisen, dass auch eine Linke und eine Frau mit aller Härte durchgreifen
kann. Die Schwulen sind anscheinend der Reibungsverlust im Räderwerk
von Machtspielen und politischem Überlebenswillen.
Die Partei hat zum Gespräch gebeten, aus Angst, Wähler aus
der Community zu verlieren. Esther Maurer hat es verpasst, die Gemüter
zu beruhigen. Wer der Partei bereits den Rücken gekehrt hat, ist
nach dem Podiumsgesräch nicht zurückgekehrt. Wie aufgeheizt
die Stimmung ist, zeigen T-Shirts, die bereits in Umlauf sind.
Von Martin Ender
Eine Internetlösung der
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