«Wenn Madonna anruft, bin ich nicht hier...»
Mit Junior Vasquez war an der diesjährigen White Party eine lebende House-Legende zu Gast. Dem Publikum hat’s gefallen.

Es gibt Parties in Zürich, über die jeder schnödet, aber am Ende gehen dann doch immer alle hin. Die White Party der Angels im Volkshaus gehört zweifelsohne in diese Kategorie. «Huch, ich hab doch gar nichts Weisses zum Anziehen», hört man hundertfach im Vorfeld. Am Ende stehen sie dann alle mit dem weissen T-Shirt von H&M in den heiligen Hallen herum. Blaue Jeans stehen für Inkonsequenz, ein schwarzes Hemd – auch das kommt vor – für die totale Verweigerung. Schätzungsweise 3000 Leute waren’s dieses Jahr. Die Angels kommentieren die Teilnehmerzahl nicht. «Das Volkshaus war bis in den hintersten Winkel mit guter Stimmung gefüllt», teilen sie auf meine Anfrage nach der Anzahl der Partygäste mit. Diese standen sich jedenfalls schon lange vor Mitternacht die Füsse vor dem Eingang wund: «Das Abholen der reservierten Tickets an der Kasse hat zu grösseren Verzögerungen und Staus geführt. Für die dadurch entstandenen Wartezeiten und die Frustration möchten wir uns bei den Partygästen ausdrücklich entschuldigen», teilen die Angels mit. Für die Black Party werde man Abhilfe schaffen und sich ein neues System einfallen lassen.

Superstar im Volkshaus
Die Angels setzen an den grossen Events auf musikalische Vielfalt – und das scheint bei den Gästen gut anzukommen. Bemängelt wurde allenfalls, dass die Tanzflächen im oberen Stock mit der Progressive-Schleuder Titto La Rocka und den Boyakasha-DJs schon verhältnismässig früh geschlossen wurden. Dafür gabs im Hauptsaal für einmal einen richtigen Superstar zu bewundern: Junior Vasquez, die New Yorker Personifizierung von House Music, gab sich die Ehre. Geboren wurde der Remixer, Produzent und DJ entweder 1949 oder 1946 als Donald Mattern in Pennsylvania. So genau weiss das niemand ausser er selber, aber mindestens 58jährig ist Junior damit auf jeden Fall. Zwischen 1989 und 1995 war er Resident-DJ in dem von ihm mitgegründeten Club Sound Factory in New York. Immer wieder hat er die Hits von Stars wie Beyoncé, Christina Aguilera, Cher, Cindy Lauper, David Bowie, Dolly Parton, Elton John, Janet Jackson, Justin Timberlake oder Whitney Houston mit stampfenden House-Beats unterlegt und auf diese Weise clubtauglich gemacht. Auch um seinen Streit mit Madonna im Jahr 1996 ranken sich Legenden: Aus Empörung darüber, dass der Superstar nicht zu einem seiner Auftritte im Tunnel-Club erschienen war, produzierte Junior einen Song mit dem Titel «If Madonna Calls», worin er eine Nachricht einbaute, die Madonna auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Die Diva hat sich von dieser Dreistigkeit nie erholt und Junior die Freundschaft gekündigt.

House bis zum Umfallen
Da stand er also mit unzähligen Tattoos und Glatze auf seinem DJ-Podest, unterstützt von seinem Manager Jerome. Dessen Aufgabe bestand darin, die unzähligen selbstgebrannten CDs mit der Beschriftung schön zu Junior hin auszurichten und diesem in immer kürzeren Zeitabständen mit einem grossen Flyer Luft an den Hinterkopf zu fächeln. Dafür gab die Legende jeweils ein kurzes Handzeichen, auch dann, wenn er aus einem der beiden ihn flankierenden Kühlschränke eine neue Büchse Red Bull gereicht haben wollte. Jerome wollte aber nicht nur Red Bull trinken, sondern auch einen Joint rauchen, weshalb der Schreibende ihn auf einen solchen eingeladen hat. Weil sein Chef Junior das aber nicht mitkriegen durfte, haben wir uns dafür in die Katakomben des Volkshauses verzogen. Junior hat – wie ich von Jerome erfahren habe – seine wilden Zeiten hinter sich. Dann hagelte es Räubergeschichten über die Stars und Sternchen dieser Welt – und über Juniors Honorar für den rund fünfstündigen Gig im Volkshaus: 25000 Dollar soll er dafür kassiert haben. Gemessen an den 100000 Dollar, die er zu seinen besten Zeiten in den frühen Neunzigerjahren verlangte, um nur schon New York zu verlassen, wohl eine realistische Summe. Die Angels wollten Juniors Gage dann – wie schon die Anzahl Besucher – nicht näher kommentieren. Eigentlich egal, denn am Schluss zählt einzig, dass die Kasse stimmt und die Party gut war. Und gut ist die White Party eigentlich immer. Sonst würden ja nicht alle in der Vorwoche noch zu H&M rennen und sich ein weisses T-Shirt kaufen. Freuen wir uns also auf einen grossartigen Sommer.

Von Boris Schneider


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