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Wowereit im Gespräch
Deutliche Worte von Klaus Wowereit am Zürcher CSD
Cruiser hatte die Gelegenheit, den Regierenden Bürgermeister von Berlin in einem persönlichen Interview zu seinem Outing, zur Politik und zu den Zürcher Diskussionen zu befragen.
Herr Wowereit, in Ihrer legendären Rede am SPD-Landesparteitag im Juni 2001 sagten Sie: «Ich bin schwul ...und das ist auch gut so». Haben Sie geahnt, dass dieser Satz weltweit in den Medien dermassen Wellen schlagen würde?
Das habe ich nicht geahnt. Das habe ich erst langsam danach verstanden und mitbekommen. Aber im Nachhinein freut es mich, dass es so gewesen ist.
Ihre damalige Bekenntnis-Formulierung passt ja bestens zum diesjährigen Zürcher CSD-Motto: «Bekenne dich». Haben Sie Ihr eigenes «Bekenne dich» je bereut oder negativ zu spüren bekommen?
Ich hab’s nicht bereut. Ich habe überwiegend Zuspruch erfahren, vor allem von jungen Menschen. Für die war es eine Frage der Glaubwürdigkeit. Ich habe auch weltweit eine riesige Resonanz erfahren. Auf der andern Seite gab es diskriminierende Berichte und Kommentare, die nicht so schön waren. Die Reaktionen waren ambivalent, aber unterm Strich durchaus positiv.
Sie sind eine Person der Oeffentlichkeit. Kann man mit dem Bekanntheitsgrad leichter so offen sein? Oder hätte diese Offenlegung auch schief laufen und der politischen Laufbahn schaden können?
Beides. Einerseits ist man geschützter als jemand, der nicht so prominent ist. Andererseits kann einem das aber auch schlecht ausgelegt werden. Mann weiss bei der Wahl auch nicht, ob man dadurch mehr Stimmen verloren als gewonnen hat. Bei mir kann man ja sagen, es hat mir nicht geschadet. Das auf jeden Fall. Aber es gibt durchaus noch Menschen, die machen ihr Wahlverhalten davon abhängig und sagen, einen Schwulen würden sie nicht wählen. Das wird so sein. Mann kann’s ja nicht richtig rauskriegen, ob es mir geschadet oder genützt hat. Doch es gibt heut noch immer Fragen, die ich als homosexueller Politiker beantworten muss, die man einem heterosexuellen Ministerpräsidenten nicht stellen würde.
Ihr Arbeitsumfeld ist die Politik. Können Sie sich vorstellen, dass es Menschen gibt, die es nicht wagen, sich in ihrem Arbeitsumfeld zu bekennen, beispielsweise in kleineren Unternehmen, in ländlichen Gegenden. Was sagen Sie diesen Menschen?
Ich würde nie sagen, jeder kann sich outen, jeder muss sich outen. Das ist eine höchst individuelle Entscheidung. Die Gesellschaft hat hier eine Verantwortung. Sie hat ein Klima zu erzeugen, in dem keiner das Gefühl haben muss, dass er sich aufgrund der gesellschaftlichen Situation nicht bekennen kann. Es gibt aber immer auch subjektive Gründe, warum der eine oder andere es nicht kann. Aber ein Klima zu haben, eine offene Gesellschaft, eine tolerante Gesellschaft, die akzeptiert, dass Menschen anders sind – das ist unsere gemeinsame Verantwortung. Es gibt tagtäglich Diskriminierung, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit, im Sport, in Unternehmen, in der Politik auch – und das darf man nicht unterschätzen. Es gibt also viele Menschen, die leider zu Recht immer noch glauben, befürchten zu müssen, dass sie Nachteile haben, wenn sie sich offen schwul bekennen. Das muss man auch akzeptieren.
Ergänzend zu Ihrem «und das ist auch gut so» sagten Sie noch: «Ich habe noch nie schwule Politik gemacht, sondern als Schwuler Politik, da leg ich Wert drauf». Heisst das, dass Sie den politischen Kampf für die Rechte und Anliegen von Schwulen und Lesben andern überlassen?
Nein, ich wollte nur deutlich machen, dass ich jetzt als regierender Bürgermeister nicht nur als Protagonist von schul-lesbischer Politik dastehen kann. Ich habe hohen Respekt vor Politikern wie beispielsweise Volker Beck oder anderen, die praktisch das Thema zu ihrem Hauptthema erklärt haben. Ich war immer eher Finanzpolitiker, Kultur- oder Bildungspolitiker, als dass ich nur ein Themenfeld bearbeitet hätte. Es ist wichtig, dass wir an mehreren Stellen arbeiten. Ich habe andere Möglichkeiten, in meinem Amt einen Beitrag dazu zu leisten, und das tu ich auch – ohne jetzt monothematisch Chef-Lobbyist zu sein.
Nun sind Sie nach Zürich gekommen und sprechen vor den Schwulen und Lesben der Schweiz. Es ist Ihnen sicherlich zugetragen worden, dass derzeit die Beziehung zwischen der Zürcher Polizei und der schwulen Community sehr angespannt ist. Die Schwulen befürchten eine Rückkehr in die Repression. Ich weiss, Sie sind Gast hier, ich darf von Ihnen deshalb keine Empfehlung erwarten, wie sich die Behörden verhalten sollen... aber Sie dürfen einen Rat geben, wie sich die schwule Gemeinschaft in einer solchen Situation der Staatsgewalt gegenüber verhalten soll...
Ich würde es bedauern, wenn in Zürich längerfristig ein Klima bestehen würde, wo man Angst haben müsste, in eine schwule Kneipe zu gehen. Zürich war für mich immer eine Stadt, in der die Toleranz und Akzeptanz da war – auch vor der entsprechenden Gesetzgebung. Und das, find ich, ist für eine weltoffene Stadt wie Zürich ganz wichtig, dass auch für schwule Kneipenbesucher und Partygänger ein angstfreies Klima herrscht. Ich sage aber, auch schwule Kneipen müssen sich einreihen in Gesetzmässigkeiten aller Kneipen. Aber wenn man den Eindruck hat, dass hier Razzien oder Kontrollen missbraucht werden und ein Argument vorgeschoben wird, um schwule Kneipen zu diskreditieren, dann wird’s gefährlich und dagegen muss man sich dann auch öffentlich wehren und dafür eintreten, dass das nicht Schule macht.
In der Schweiz war Homosexualtiät nie verboten. In Deutschalnd war Homosexualität noch bis in die jüngste Vergangenheit illegal. Doch Deutschland war in der politischen Bearbeitung dieses Themas schneller, viel schneller als die Schweiz - hat uns überholt. Deutschland hat also mehr Erfahrung mit der Homo-Ehe. Hat sich unterdessen in Deutschland die Akzeptanz in der Bevölkerung gefestigt? Oder gibt es da auch gegenläufige Entwicklungen?
Gegenläufige Tendenzen, glaub ich, nicht. Es ging ja darum, dass es möglich ist, für diejenigen, die es tun wollen – viele tun’s ja gar nicht, weil sie es gar nicht wollen. Jeder muss das für sich selber entscheiden, es gibt ja keine Verpflichtung, eine eingetragene Partnerschaft einzugehen, aber es ist wichtig, dass es die rechtliche Möglichkeit gibt. Und die ist nun geschaffen worden. Viele nehmen daran teil – am Anfang waren es viel mehr als heute – weil es einen grossen Nachholbedarf gegeben hatte. Insofern hat sich das normalisiert. Ich glaube nicht, dass sich da jetzt wesentlich viel verändert hat. Ausser für die Betroffenen selber.
Sie stehen sehr in der Oeffentlichkeit. Sie nehmen auch des öftern bei Anlässen Ihren Lebenspartner mit. Wie fühlen Sie sich und wie fühlt er sich dabei?
Ganz normal. Es ist, Gott sei dank, von Anfang so gewesen, dass auf den Einladungslisten wie selbstverständlich auch mein Lebenspartner mit auftauchte. Das ist kein Problem. Wir gehen damit offen um. Das haben wir davor auch schon getan und das ist akzeptiert.
Herr Wowereit, Sie sind ja nicht das erste Mal in Zürich.... Was kennen Sie von Zürich und fühlen Sie sich wohl in unserer Stadt?
Ich fühl mich in Zürich immer wohl. Ich komme gerne nach Zürich. Seitdem ich Regierender Bürgermeister bin, bin ich regelmässig in Zürich eingeladen, in unterschiedlichen Funktionen wie z.B. am Dolder-Meeting, beim Sechseläuten oder jetzt beim CSD. Aber ich hab auch gute Freunde in Zürich, wo ich auch gerne privat herkomme. Deshalb fühl ich mich in Zürich sehr wohl.
Stichwort privat, also weg von der Politik: Sie kochen gerne, wenn Sie mal Zeit haben. Im Internet gibt es sogar Wowereit-Rezepte. Ich habe aber ausschliesslich süsse Nachspeisen gefunden. Sind denn Süssigkeiten eine Schwäche des starken Mannes in Berlin?
Mmmhh... ich habe früher immer gesagt, ein gutes Menü muss mit einem guten Dessert enden. Heute verzichte ich selber oft auf den Dessert, aus rein diätischen Gründen... doch ich esse gerne Süsses...
Herr Wowereit, ich danke für das Gespräch.
Martin Ender
Eine Internetlösung
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