Die Risikogruppen-Lüge
Der gefährliche Welt-woche-Aids-Artikel hat bereits die SVP auf den Plan gerufen

Die Weltwoche veröffentlichte am 26.7 und am 2.8.07 je einen Artikel von David Signer, der darin behauptet, «das Risiko einer heterosexuellen Ansteckung wurde hemmungslos übertrieben» und «Aids ist im Westen eine Homosexuellenseuche». Nationalrat Toni Bortoluzzi haut nun politisch in die gleiche Kerbe und schreibt: «die Risikogruppen in der Schweiz müssen klar als ausländisch, drogensüchtig und schwul bezeichnet werden».

Dass Aids im Westen und speziell in der Schweiz nur eine Krankheit der Homosexuellen sei, ist entschieden falsch. Die Ansteckungen bei Heterosexuellen sind zwar im Moment rückläufig, machen aber immer noch eine Mehrheit der Neuinfektionen aus. Dies als Fakt im Voraus. Der Weltwoche schlicht unwürdig ist eine weitere Aussage von Signer, wie: «Steckt sich in Europa allerdings jemand in einem Bordell an, infiziert er nachher vielleicht seine Ehefrau, aber damit hört die Ausbreitung im Allgemeinen auf.» Was für einen Stellenwert haben die Ehefrauen in den Augen von Weltwoche-Autor David Signer und Weltwoche-Chef Roger Köppel? Oder muss man das in einem grösseren Zusammenhang betrachten, aus epidemiologischer Sicht? Da ist wohl ein Einzelfall vernachlässigbar. Völlig unvorstellbar ist in den Augen der Weltwoche-Männer zudem, dass auch Frauen vielleicht mal mit einem andern Mann ein sexuelles Vergnügen oder die Abwechslung zum zur Gewohnheit gewordenen Ehebett-Ritual suchen und finden.

Leugnung des Risikos für Heteros
«Die Wahrscheinlichkeit für einen ansonsten gesunden Mann, sich beim Geschlechtsverkehr mit einer HIV-positiven Frau anzustecken, ist sehr gering; sie liegt bei weniger als 1:1000. Die geringe Infektion bei der heterosexuellen Bevölkerung ist auf das niedrige Ansteckungsrisiko zurückzuführen sowie auf fehlendes Risikoverhalten». Auch diese Signer-Aussage ist mehr als fragwürdig. In unserer Internet geprägten Zeit tummeln sich auch Heteros und verheiratete Männer auf Sites, die den schnellen, umkomplizierten Sexkontakt ermöglichen. Der Weg ins Bordell ist nicht mehr nötig. Und was Heteros gerne verschweigen: Es gibt ja nicht nur Schwarz und Weiss. Der Graubereich nimmt zu und je länger, je mehr suchen auch sie mal den Kontakt zu andern Männern, zu Bisexuellen und Schwulen. «Ich bin neugierig», «Noch unerfahren mit dem eigenen Geschlecht» oder «ich will anal genommen werden» sind gängige Formulierungen, um zum Kontakt zu kommen.
Realitätsfremd beharrt Signer jedoch auf der Aussage: «Es ist zu einer Art Höflichkeitskodex geworden, dass man nicht darauf hinweisen darf, dass Aids in Europa abgesehen von den Fixern primär eine Krankheit der Homosexuellen war und ist und dass diese Tatsache mit einem höheren Ansteckungsrisiko beim Analverkehr und mit einer höheren Promiskuität zu tun hat.»

Die Thesen-Untermauerung
Signer zitiert James Chin aus seinem neuen Werk «The Aids Pandemic – The Collision of Epidemiology with Political Correctness». Der 73-jährige Epidemiologe, der selber jahrelang bei der WHO für Aids-Prognosen zuständig war und heute Professor an der Universität von Kalifornien in Berkeley ist, stellt darin «eine ganze Reihe von politisch korrekten Mythen in Frage, die während Jahren von Unaids, WHO und Aids-Aktivisten verbreitet wurden.» Er kommt zum Schluss: «Die HIV-Zahlen wurden übertrieben, die Bedrohung für die allgemeine Bevölkerung wurde dramatisiert, die Wirkung der Kampagnen wurde hochgespielt, und Armut spielt bei Aids nicht die Rolle, die ihr zugeschrieben wird. Die Stossrichtung hinter diesen Mythen ist klar: Es ging darum, die Schwulen vor Diskriminierung zu schützen, indem man Aids zu einer Geissel stilisierte, die die ganze Menschheit ohne Unterschiede bedroht. Damit konnten sich zugleich die Aids-Organisationen als Menschheitsretter inszenieren. Der Sonderfall Afrika, wo Aids tatsächlich auch die heterosexuelle Mehrheit betrifft, wurde zum Modellfall erklärt. Allerdings war es auch hier, wie im Fall der Schwulen, verpönt, von Promiskuität zu reden; stattdessen wurden Armut und Diskriminierung als Hauptgründe für die hohen Raten ins Feld geführt.»
Signer resümiert: «Aids ist – abgesehen von Schwarzafrika – nie zu einer Epidemie der allgemeinen Bevölkerung geworden, obwohl Unaids immer wieder dieses Schreckensszenario an die Wand malte.» Auf Russland und asiatische Länder kommt Signer nicht zu sprechen. Und er beharrt darauf: Dieses offizielle Aids (das auch Heteros betreffen kann) war und ist primär ein Mythos, der von einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit durchgesetzt wurde. Er greift Unaids, die Aidshilfen und das Bundesamt für Gesundheit an. Er wirft allen vor, aus Eigennutz zu handeln und unnötig viel Geld für Präventionskampagnen auszugeben, obwohl die Gelder für Kampagnen bereits Jahr für Jahr massiv gekürzt werden.

Schreiben, was ist
Verschwendung von Steuergeldern, das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die SVP. So sprang denn auch Nationalrat Toni Bortoluzzi umgehend auf den Zug auf und übernahm die Aussagen, weil sie ja in der Weltwoche standen, unbesehen. Die Frage von René Worni in der Werbewoche an Roger Köppel kommt nicht von ungefähr: «Ist die Weltwoche denn das Sprachrohr der SVP?» Köppels Antwort vermag das Image nicht aus der Welt zu schaffen: «Das wäre läppisch und falsch. Die Weltwoche ist ein Blatt, das aus einer soliden bürgerlichen Grundhaltung heraus erfunden und gemacht wurde. Im Sinne des Nonkonformismus. Wir orientieren uns politisch an erfolgreichen Werten und Traditionen. Wir schreiben, was ist.»

«Von Guten und schlechten Krankheiten...»
Mit diesem Titel beginnt der tendenziöse Artikel auf der SVP-Internet-Seite von Nationalrat Toni Bortoluzzi: «Heute lebt ein breites Netzwerk vom Geschäft mit Aids. Angefangen mit den Verantwortlichen im BAG, welche ein persönliches Beziehungsgeflecht aufgebaut haben und bei einer Ausrottung von Aids ihren Job verlieren würden. Weiter geht es über die Werbeindustrie, welche dank Aids-Kampagnen jährlich Aufträge in Millionen-Höhe verbucht. Schliesslich geht es weiter bis über den Graphiker zum Drucker, welcher die mit Steuergeldern finanzierten, alljährlich zur Vorweihnachtszeit eintreffenden Bettelbriefe an die Bevölkerung produziert. Kein Wunder, herrschen innerhalb des Aids-Präventionskuchens filzartige Verflechtungen mit wahrhaften Interessenbindungen. Denn die «demokratische Aids-Philosophie» soll hartnäckig mit Steuergeldern aufrechterhalten werden, auch wenn sie der Realität widerspricht.»
«Die Politik dieser Verwaltungseinheit (Bundesamt für Gesundheit) beruht kaum darauf, die Bevölkerung gezielt und objektiv über Gesundheitsrisiken zu informieren. Vielmehr betreibt das Amt mit gezielten Angstmacherkampagnen Politik zwecks moralischer Umerziehung der Bevölkerung. ... Das wohl bizarrste Beispiel der verfehlten Präventionspolitik ist die Bekämpfung der Aids-Seuche. Obwohl, wie in den letzten Wochen international publik wurde, dass das Ansteckungsrisiko bei Heterosexuellen relativ gering ist, und die Risikogruppen in der Schweiz klar als ausländisch, drogensüchtig und schwul bezeichnet werden müssen, betreibt das BAG seit Jahren eine demokratische Aidspolitik». Bortoluzzi erklärt sich dies mit dem Umstand, dass «die Aids-Präventionsabteilungen des BAG und der Aids-Hilfe homosexuell dominiert sind.»

Wenn Bortoluzzi bei der Präventionskampagne für die Bevölkerungsmehrheit spart, weil diese es ja nicht nötig hat, kommt dann das gesparte Geld den «Ausländern, Drogensüchtigen und Schwulen» zugute? Wohl kaum.
Ein Weltwoche-Abo kann man kündigen, aus der SVP kann man austreten. Nur HIV wird man nicht mehr los. Weder als Mann noch als Frau. Weder als Hetero noch als Schwuler. Sei’s in Afrika oder sei’s in der Schweiz. Dass für die Prävention eingesetztes Geld gut investiert ist, ist darum keine Frage.

     Von Martin Ender

 

Ein paar Fakten
In der Schweiz erfolgt die überwiegende Zahl der Neuinfektionen auf sexuellem Wege (ungeschützte hetero- und homosexuelle Kontakte)
Die Zahl der positiven HIV-Test-resultate im Jahr 2006 betrug 752.
Anteile der Infektionswege:
•    Heterosexuelle Kontakte: 49%
•    sexuelle Kontakte zwischen Männern: 41%.

Zwar hat die Ansteckungsrate bei Schwulen prozentual nach einer Phase verstärkter Prävention zugenommen. Doch zahlenmässig stecken sich mehr Herterosexuelle an.



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