Amsterdam Gay Pride: Stolz und Vorurteile
400’000 Besucher und über 70 Schiffe an der Amsterdam Gay Pride

Amsterdam, die schwule Hauptstadt Europas, feierte vom 2. bis 5. August ihre beliebte Gay Pride. Rekordverdächtige 400’000 Besucher konnten vom Veranstalter COC Nederland (Cultuur en Ontspanningscentrum) gezählt werden. Stolz waren nicht alle, die Niederländer müssen wieder gegen Vorurteile kämpfen. Das «Gay Bashing» warf seinen Schatten auf das Volksfest und darüber hinaus.

Es war ein riesiger Erfolg: Hunderttausende von Schwulen und Lesben feierten am ersten Augustwochenende die Regenbogenflagge. Ein fröhliches Volksfest sondergleichen, wie es nur in Amsterdam stattfinden kann. Die Pride gilt als die beliebteste ihrer Art, findet doch die eigentliche Parade zu Wasser statt. Die Canal Parade beeindruckte mit mehr als 70 extravaganten Schiffen, welche die Zuschauer erfreuten. Die Bootsparade verlief friedlich und darf als ein Höhepunkt genannt werden.

Gay Bashing
Amsterdam gilt als liberalste Stadt der Welt. Homosexualität scheint etabliert zu sein. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts herrschen keine schwulenfeindliche Gesetze mehr, in der Flower-Power-Zeit gelang dann der grosse Befreiungsschlag, dies auch dank dem COC, den es schon seit 1947 gibt (damals noch unter dem Namen Shakespeare Club). Seit 2001 dürfen Schwule und Lesben auch heiraten und Kinder adoptieren. Mehr noch, das weltweit einzige Homomonument, ein Zeichen für Frauen und Männer, die ihre Sexualität nicht verleugnen, ist auch im Venedig des Nordens zu finden.
Aber Amsterdams Regenbogenflagge hat Risse bekommen. Noch immer gibt es Vorurteile und Aggressionen gegen Homosexuelle. Gay Bashing, also Prügel speziell für Schwule, hat wieder zugenommen und warf einen Schatten über die Festlichkeiten. Man zählte bereits jetzt mehr Überfälle auf Schwule als im Vorjahr, insgesamt waren es schon deren 16, im Vorjahr zehn. Allerdings führt man die hohe Zahl auch auf die polizeiliche Aufforderung, solche Vorfälle zu melden zurück.

Übergriffe auch an der Pride
An der Pride selbst wurde durch Plakate und mit einem Schiff auf das Problem aufmerksam gemacht. Und jeder schwule Amsterdamer kennt die Regel: Niemals nachts durch dunkle Gassen, geschweige denn durch Cruising-Gebiete laufen. Einige Touristen haben die Warnungen in ihrer feucht-fröhlichen Stimmung nicht erkannt. Nach letzten Meldungen gab es insgesamt drei weitere Übergriffe an der Pride, darunter ein 16-jähriger Amerikaner, der spitalreif geschlagen wurde. Angesichts der Menschenmasse eine kleine Zahl, allerdings wurden keine Heterosexuellen aufgrund ihrer Neigung verprügelt. Viele Amsterdamer schieben die
Aggression auf die Ausländer, insbesondere auf die Muslime. Man befürchtet, dass es noch schlimmer werden wird, trotz einer 24-Stunden-Help-Line und einem Netzwerk von 30 schwulen Mitarbeitern in der Polizei.

Homophobie auf dem Vormarsch
An der Gay Pride selber war aber von einem Angstgefühl nichts zu spüren. Die Ruhe vor dem Sturm? Viele Kenner der Szene, und dies nicht nur in Amsterdam, bemerken seit einiger Zeit einen neuen Trend: Schwule und Lesben stehen wieder vermehrt im Kreuzfeuer, werden verbal zur Zielschreibe, insbesondere von Jugendlichen. Und dies in vermeintlich liberalen Ländern.
Selbst unsere nationale Schwulenorganisation Pink Cross warnt auf ihrer Webseite, dass gewalttätige Homophobie im Kommen sei. Sie ruft dazu auf, sich bei einem Übergriff zu melden, ähnlich wie in Amsterdam. Ausserdem will Pink Cross zu einem sensibleren Verhalten im öffentlichen Raum animieren.
In einer Zeit, in der das Aufeinanderprallen der Religionen, insbesondere des Islam mit dem Christentum, für Zündstoff sorgt, findet Homosexualität kaum Platz. Sie gehört in keiner der Religionen zu den Werten, die es zu schützen gilt, im Gegenteil. In der Schweiz selber nehmen Stimmen gegen Homosexualität zu. Die renommierte Zeitung Weltwoche suchte jüngst die Konfrontation mit der Aids-Prävention und sprach in mehreren Artikeln über eine «Homosexuellenseuche» und «Schwulen-Lobby» (siehe Printausgabe). Die Zeit ist gekommen, wieder für Respekt zu kämpfen.     

     Von Sebastian Lauer



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