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Schwule Politiker – beliebte Galionsfigureno
Gary Singer lässt sich vom Partner zu fast allen öffentlichen Terminen begleiten
Inwieweit offen schwule Politiker beitragen, Schwulsein zu einer Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft werden zu lassen, ist ein kontroverses Thema. Dennoch, die Offenheit Schwuler in Spitzenpositionen ist enorm wichtig. Dazu steht auch Gary Singer, Stellvertretender Bürgermeister von Melbourne.
In Deutschland ist der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, einer der populärsten und beliebtesten Spitzenpolitiker. Sein Bekenntnis «Ich bin schwul, und das ist gut so» hat seine steile Karriere nicht aufgehalten, seiner Beliebtheit
keinen Abbruch getan. Wer nun aber glaubt, das Thema Homosexualität wecke in Berlin keine Ängste oder Aggressionen mehr, liegt falsch. Eine repräsentative Untersuchung an der Berliner Andreas-Oberschule zeigt auf, dass das Gros der Schüler und Schülerinnen sich Homosexuellen gegenüber kaum liberaler verhält als ihre Eltern. 850 Kinder gaben Auskunft – anonym und gelegentlich durchaus hasserfüllt. Die meisten Lehrer verweigerten sich den Interviews. Traurig, aber wahr: Das Outing von Klaus Wowereit, die Arbeit der vielen Jugendprojekte zu Homosexualität oder die jährlichen CSD-Paraden – sie beeinflussten die Denkweisen der Heranwachsenden kaum positiv. Auffällig auch, dass verachtende Fantasien in viel geringerem Masse von Mädchen geäussert wurden; Jungen hingegen reagieren stark aggressiv auf das Thema an sich. Alles in allem traurige Befunde, denn sie wurden an einer Schule erzielt, die viel auf ihre liberale und weltoffene Grundhaltung gibt – also keine Lehranstalt, in der die Pädagogen vorwiegend mit multikulturellen Integrationsaufgaben beschäftigt sind.
Der Weg der Offenheit muss weiter beschritten werden. Gerade auch als Gegenpol zur Heuchelei von schwulen Schwulengegnern im amerikanischen Senat (Affaire Larry Graig). Zum Glück bekennen sich weltweit immer mehr Spitzenpolitiker und setzen sich für schwulenfreundliche Gesetze ein. So auch in Melbourne. Denn in Australien hinkt die Gesetzgebung dem europäischen Stand noch hinterher. Manuel Studer hat den stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Melbourne, Gary Singer, getroffen und mit ihm über die Homo-Ehe und Schwulenrechte gesprochen. Er wollte auch wissen, wieso man in Australien als Homosexueller die Stadt Melbourne als Reiseziel wählen sollte.
MS: In der Schweiz gibt es kein vergleichbares politisches Amt zu deinem. Bitte erkläre uns, was ein stellvertretender Bürgermeister einer australischen Millionenstadt für Funktionen und Aufgaben hat.
GS: In meinem Amt habe ich die Aufgabe, Melbourne als internationale Stadt nach aussen zu repräsentieren. Zudem kümmere ich mich um strategische Angelegenheiten, wie zum Beispiel Partnerschaften mit anderen Städten, Event Sponsoring und Projekte für die Zukunft. Ausserdem unterstütze ich den amtierenden Bürgermeister, John Su, bei vielen seiner Aufgaben.
Du hast einen Hochschulabschluss als Jurist und einen als Ökonom. Wie bist du eigentlich in die Politik gekommen?
Politik war nie ein Thema für mich und ich habe deshalb auch keine klassische Parteikarriere hinter mir. John und ich sind nach wie vor parteilose Politiker. So können wir uns um die Belange aller Bürger kümmern, ohne dass wir dazu einen Parteikodex befolgen müssten. Das ist oft sehr hilfreich und es erlaubt einem, ein Problem ganzheitlich zu betrachten. Meine grösste Motivation allerdings ist es, die Stadt in der ich aufgewachsen bin, als Ort für alle, egal ob Bewohner, Besucher oder Investoren, so interessant wie möglich zu gestalten.
Wurdest du je mit schwulenfeindlichen Äusserungen gegen dich konfrontiert?
Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich schwul bin. Die Leute wussten, wen sie wählen und ich empfand es als gutes Zeichen, dass sie mich trotzdem in ein solch wichtiges Amt gewählt haben. Nichts desto trotz gab es einige Zeitungen, die mein Privatleben auseinander genommen haben. Besonders ärgerlich war, dass mein Partner aufgrund von Hasstiraden eines Herausgebers, der persönlich etwas gegen Homosexuelle und im Besonderen etwas gegen mich hat, fast seinen Job verloren hätte.
Dennoch begleitet dich dein Partner zu fast allen öffentlichen Terminen. Sogar als du den australischen Premierminister getroffen hast, der bekanntlich Schwule nicht sonderlich mag, war er dabei.
Das stimmt. Wer mein Amt bekleidet, wird traditionell dem Premierminister vorgestellt. Dies ist ein so genannter «Anlass mit Damen», bei dem der jeweilige Amtsinhaber seine Gattin mitbringt. John Howard hat meinem Partner zwar die Hand geschüttelt, dabei aber lieber den Fussboden als dessen Gesicht betrachtet.
Zurück nach Melbourne. Es gab 1994 einen Vorfall in einem Nachtklub, von dem du persönlich betroffen warst.
Ja, einen solchen Vorfall gab es. Ich war damals mit meinem Freund im Ausgang im Tasty Night Club, als plötzlich die Polizei hereinkam und eine Drogenrazzia durchführte. Nicht, dass ich deswegen etwas zu befürchten hatte, es war mehr die Art und Weise, wie die Polizei vorging, die den Vorfall schlussendlich zum Skandal machte. Sämtliche Clubbesucher wurden behandelt wie Schwerverbrecher. Man musste sich an die Wand stellen und die Hände hinter den Kopf nehmen. Das war sehr erniedrigend. Zudem hatte die Polizei nur fünf männliche und zwei weibliche Beamte im Einsatz für die anschliessenden Kontrollen, so dass einige Besucher den Club erst morgens um halb acht verlassen durften. Einen Drogenverdacht konnte die Polizei nicht erhärten, also lag der Verdacht nahe, dass die Razzia reine Schikane war.
Als Jurist hast du im Anschluss sicherlich etwas unternommen!
Und wie! Ich und über 400 Leute, die an besagtem Abend im Club waren, haben eine Sammelklage gegen die Melbourner Polizei und den Bundesstaat Viktoria eingereicht. Der Fall wurde anschliessend mehr als zwei Monate vor Gericht verhandelt.
Wie ist es ausgegangen?
Wir haben gewonnen. Ich konnte sogar für jeden Betroffenen eine Entschädigung erwirken. Seither ist glücklicherweise nichts mehr in dieser Art passiert in Melbourne. Kann man sich als Homosexueller demnach sicher und willkommen fühlen? Jeder ist in unserer Stadt herzlich willkommen. Das sage nicht nur ich, sondern das geben dir vor allem unsere Bewohner zu verstehen, wenn du hier bist. Man fühlt sich bei uns nicht nur sicher, sondern auch wohl. Ich will aber nicht verschweigen, dass Melbourne mit denselben Problemen kämpft wie die anderen Grossstädte.
Die wären?
Zum Beispiel die Betreuung von Obdachlosen oder die Sicherheit in Vorstädten.
Abgesehen von diesen Problemen, was macht Melbourne für Schwule so sehenswert? Besonders im Vergleich zu Sydney.
Mit der Schönheit des Hafens können wir nicht mithalten, aber was Gay-Freundlichkeit betrifft, stehen wir Sydney in nichts nach. In Melbourne gibt es mittlerweile mehr Gay-Bars und Clubs als in jeder anderen australischen Stadt. Dieser Umstand spricht für sich. Zudem hat Melbourne sein eigenes gay Radio namens Joy FM. Es informiert Einheimische sowie Touristen über aktuelle Events, Parties und an wen man sich wenden kann, zum Beispiel bei Problemen nach dem Coming-out. Melbourne ist aber, wie gesagt, ein Ort für jedermann. Wir haben über 500 Festivals pro Jahr, beim Grand Final der australischen Football League, zum Beispiel, säumen mehr Leute die Melbourner Strassen als bei der Zürcher Streetparade.
Das tönt sehr interessant. Dennoch, Sydney hat in Europa nach wie vor den höheren Bekanntheitsgrad als Gay-Reisedestination im Vergleich zu Melbourne oder Brisbane. Hast du konkrete Pläne dies zu ändern?
Wie gesagt, die meisten Gay-Locations in Australien gibt es hier bei uns in Melbourne. Leider wissen das die wenigsten, die nach Australien kommen. Zudem hat Melbourne eine sehr diversifizierte Gay-Subkultur im Vergleich zu Sydney.
Gibt es neben der abwechslungsreichen Szene auch einen Melbourner Mardi Gras oder einen CSD?
Ja, nur heisst der Event bei uns Midsummer. Im Gegensatz zum Christopher Street Day oder Mardi Gras, begleiten in Melbourne viele Heteros den Umzug, um ihre Solidarität zu zeigen. Oft sieht man ganze Familien mit Kindern, die am Umzug mitmarschieren. Midsummer verlangt nach gleichen Rechten für alle.
Wenn du alleiniger Gesetzgeber wärst, würdest du ein Gesetz erlassen, das die Homo-Ehe erlaubt?
Du schliesst richtig (lacht). Nein im Ernst, eine Menschenrechtskommission hat kürzlich eine Studie bezüglich der Missstände von Schwulenrechten in Australien durchgeführt. Das Ergebnis ist erschütternd. 48 Punkte im Gesetz diskriminieren Homosexuelle. Leider sieht sich der Premierminister nach wie vor nicht dazu veranlasst, die Gesetze anzupassen, obwohl ihn seine Partei dazu anhält. Ich würde daher tatsächlich ein Gesetz erlassen, das eine Homo-Ehe mit gleichen Rechten im Vergleich zur herkömmlichen Ehe vorsieht. Ihr Schweizer seid etwas liberaler als wir.
Ja, wir hatten kürzlich sogar den Vorschlag, in Zürich eine schwule Polizeieinheit ins Leben zu rufen. Der Vorschlag wurde allerdings vom Parlament abgelehnt. Könntest du dir so etwas in Melbourne vorstellen?
Ehrlich gesagt, halte ich von dieser Idee nicht sehr viel und würde daher auch keinen solchen Vorschlag machen für die Melbourner Polizei. Die Polizei hat die Aufgabe, alle Bürger gleich zu beschützen. Sie ist eine Institution für alle, egal ob schwul oder hetero. Da sehe ich nicht ein, wieso Schwule eine Extrabehandlung erhalten sollen.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Wo in Melbourne bist du privat am liebsten unterwegs?
Ich besitze ein Restaurant namens EQ in der Southbank, dort bin ich sehr gerne. Gastronomie ist ein Hobby von mir. Aber im Grunde kann ich dir spontan keinen spezifischen Ort in Melbourne nennen, an dem ich lieber bin als an allen andern Orten in der Stadt. Das liegt wohl daran, das Melbourne eine kosmopolitische 24-Stunden-Stadt ist und je nach Tageszeit, einige Orte mehr oder weniger interessant sind.
von Manuel Studer |