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Gegen «T&M» kam nichts anderes an
Neue Namen sollten für Erneuerung stehen. Das T&M schaffte den Wandel auch so
Der Name T&M ist in der Zürcher Club-Szene zu einer Marke geworden, die nicht zu ersetzen ist. Zum 10jährigen Geburtstag titelten damals die Gay-Medien: Das T&M schliesst seine Pforten – und öffnet als «Bronx, Show- & Musicfactory». Jahre später wurde der Begriff «G-Colors-House» eingeführt als Oberbegriff für die mehreren Betriebe im Haus. Doch wer im Ausgang an die Zürcher Marktgasse 14 pilgert, spricht heute noch einfach vom «T&M».
Hinter all den Namensschöpfungen, den Marketing- und Werbestrategien, den unzähligen Neudekorationen und vielen Umbauten im Club steht der rührige Roger Pfändler, Erfinder des Clubs und heutiger Verwaltungsratspräsident der «T&M Gastro AG». 20 Jahre zog er im Hintergrund die Fäden und hatte die Zügel in der Hand. Dabei trat er ungern an die Öffentlichkeit. Dazu hatte er Tamara (Thomas Kraus) und Marisa (Frank Bruse), die im Club täglich an der Front waren und mit ihren Künstlernamen Pate standen für den Namen T&M.
Kürzlich hat der Öffentlichkeitsscheue aber eine Ausnahme gemacht. «gay.ch» freute sich «das erste Interview seit 20 Jahren mit T&M-Papa Roger Pfändler» veröffentlichen zu dürfen. Cruiser hat sich auf die Suche gemacht und das erste Interview vor 20 Jahren mit «Roger Pfändler, Mitbesitzer der neuen T&M-Disco» gefunden. Befragt wurde er damals, 1987, von Markus Christen.
Das damalige Interview
«Roger, am 20. November eröffnest du ein neues Lokal. Was für Ziele hast du dir damit gesetzt und wen möchtest du damit ansprechen?
Viele Leute dürften nicht wissen, dass das T&M lediglich ein auf 14 Monate befristetes Versuchslokal ist. Tamara und Marisa werden dieses Lokal leiten und versuchen, ein sehr grosses Animationsprogramm zu vernünftigen Preisen zu bieten. Wir möchten den Nachweis erbringen, dass in Zürich die Nachfrage für so ein Lokal vorhanden ist. Falls das gelingt, wird das T&M im grossen Neubau integriert und wird dann bestimmt einer der schönsten Gay-Clubs in Zürich werden.
Es ist also ein Gay-Club und sieben Tage in der Woche für unser Publikum geöffnet?
Es ist ein Gay-Club, der aber nur fünf Tage in der Woche offen hat. Wir schliessen Sonntag und Montag, damit wir an den anderen Tagen einen guten Service bieten können.
Werden Tamara und Marisa in Strassenkleidern das Lokal leiten oder werden sie jeden Abend ihre eigene Show haben?
Nein, Tamara und Marisa werden die Gäste im Fummel begrüssen, sonst müsste das Lokal ja Thomas und Frank heissen. Sie werden allerdings nicht jeden Abend ihre eigene Show zeigen, denn das würde den Leuten sehr bald zum Hals heraushängen. Jeweils nach 23.00 Uhr sollen dann die Gäste ihr Tanzbedürfnis befriedigen können, natürlich mit Live-DJ.
Tamara und Marisa im Fummel. Das heisst, ihr wollt die so genannte Fummelszene ansprechen?
Wir wollen die Gay-Szene ansprechen, die setzt sich aus verschiedenen Typen zusammen. Es gibt Ledertypen, es gibt Transvestiten, es gibt die ... was zwischendurch ist; was weiss ich...
Du willst also vom Handtäschchen bis zum Lederkerl alle unter ein Dach bringen?
Nein, davon bin ich nicht überzeugt. Aber ich wünsche es mir. Das wäre doch toll, wenn das funktionieren würde. Ob es realistisch ist, kann ich noch nicht beurteilen, da ich weder ein Lederkerl noch ein brennendes Handtäschchen bin...»
Was aus dem Versuch geworden ist
Nun, das T&M hat die Versuchszeit von 14 Monaten überstanden. Die Nachfrage war da und das T&M war damals das einzige Lokal dieser Art, das auch unter der Woche geöffnet hatte. Heute sind es nicht nur fünf Tage in der Woche, sondern sieben, und wenn früher um Mitternacht oder um zwei Uhr nachts Schluss war, heisst es heute «we never close before 4». Das Konzept, das Roger Pfändler damals im Kopf hatte wurde verwirklicht, nach und nach verfeinert und hat sich bewährt. Natürlich waren die Zeiten nicht immer rosig. Oft waren die Mittel knapp. Aber Pfändler hatte das Talent, auch mit wenigen bis gar keinen Mitteln, Leute zu gewinnen, die sich für seine Ideen einsetzten. So liegen dem Cruiser beispielsweise Dokumente vor, die zeigen, dass die Kreation eines Firmenlogos in Auftrag gegeben wurde, dafür aber kein Geld in der Kasse war. Die Arbeit konnte trotz Anmahnung längere Zeit nicht entschädigt werden. Doch die ersten Hürden wurden schliesslich gemeistert. Dennoch wurde Zurückhaltung im Geldausgeben geübt – diese Haltung hat auch Tamara früh vom Chef gelernt. Natürlich wollte sie aufwändige, tolle Kostüme, aber bitte zu einem bescheidenen Preis. Dekorationen des Lokals mussten auch sein und möglichst im raschen Wechsel. Fand sich dazu keiner, der’s günstig machte, so packte die Crew halt selber an – mit der Heftpistole in der Hand. Das brachte dem T&M auch den Spitznamen «Heftklammer-Palast» ein. Tüll&Müll war dann schon fast ein liebevoller Kosename, der sich auf die glamourös-improvisierten Fummel-Shows bezog.
Das T&M heute
An der «T&M Gastro AG» sind heute beteiligt: Roger Pfändler, Robert Zbinden, Sigi Gübeli, Thomas Kraus und Peter Williner. Roger Pfändler und Thomas Kraus haben sich aus dem operativen Bereich zurückgezogen. Zum T&M von heute befragte Cruiser die einzige Frau in der Runde, Sigi Gübeli.
Sigi, das T&M wird 20 Jahre alt. Wie lange bist du dabei?
Ich bin jetzt, Ende Oktober, volle acht Jahre dabei. Ich kenne den Betrieb aber schon länger. 1993 arbeitete ich schon für die Rothuus AG. Da habe ich Roger Pfändler kennen gelernt. Wir harmonierten arbeitsmässig gut. Es war die Zeit des Polygons und dessen Auflösung nach der negativen Zürcher Spielautomaten-Abstimmung. Ich fand anderswo Arbeit, blieb aber mit Roger in Kontakt.
Wie kommt man als Frau dazu, in einem Gay-Betrieb zu arbeiten?
1999 kam Roger auf mich zu, bot mir hier Arbeit an und ich sagte zu. Dass mein Arbeitsort ein Gay-Betrieb ist, spielt für mich keine Rolle. Ein Betrieb, eine Firma muss in erster Linie professionell geführt werden. Wenn es ganz spezifische Schwulen-Fragen und -Probleme gibt, dann habe ich ja mit den vier Männern im Unternehmen eine sehr gute Unterstützung. Ich finde es sogar toll hier zu arbeiten, weil gewisse Arbeitsplatzprobleme, wie es sie für Frauen in der Heterowelt gibt, hier nicht existieren. Zudem kann ich in der Führungscrew eine ergänzende Meinung einbringen, weil ich die Welt mit andern Augen sehe. Sei es bei der Umgestaltung des Clubs, bei der Organisation von Parties oder was immer.
Was ist das Rezept, dass das T&M seit 20 Jahren gut läuft?
Ich denke, der Club erneuert sich immer wieder. Ein Stück weit wie von selber. Viele junge Schwule haben hier ihre ersten Ausgangs-Gehversuche gemacht. Das spricht sich rum und spricht wiederum neue junge Leute an. Wir sind auch einer der wenigen Clubs, die junge Menschen ab 16 reinlassen. Das Rezept basiert natürlich auf der Erfahrung von Roger und Thomas. Es braucht einen Ort für junge Gays, an dem sie sich treffen, sich wohl fühlen und sich ausleben können. Und das ist das T&M. Dieses Publikum ziehen wir natürlich auch mit unserer Preispolitik an. Junge Leute haben noch nicht so viel Geld zur Verfügung. Sie sollen sich bei uns die Getränke leisten können.
Du arbeitest mehr im Hintergrund, was sind deine Aufgaben?
(lacht) Mädchen für alles. 1999 habe ich angefangen als persönliche Assistentin von Roger Pfändler. Ich bin dann mehr und mehr in den Hotelbereich hineingewachsen (Hotel Schwert, im gleichen Hause), habe die Hotelleitung übernommen. Dann wurden mir auch Organisationsaufgaben im Clubbereich übertragen. Aber ich stehe da nicht an der Front.
An grossen Parties sieht man dich aber schon mal im Club?
Ja, da bin ich gerne mal vorne im Club dabei – und es macht mir Spass. Ich fühle mich da voll integriert in diese «family». Ich möchte damit auch zeigen, dass ich als Frau und als heterosexueller Mensch tolerant und offen bin. Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erzähle, wo ich arbeite, finden die das sehr, sehr speziell. Für mich ist es völlig normal. Das schwule Leben gehört ja heute zum Gesellschaftsleben dazu. Ich mache einfach die Geschäftsführung in einer Firma, die ein Hotel hat, eine Bar und zwei Clubs im Gay-Sektor...
Geschäftsführung ist leicht untertrieben, du bist auch Teilhaberin...
Wir sind fünf Teilhaber...
...Wer hat da das Sagen? Roger Pfändler ist ja immer noch der Präsident.
Ja, er ist der Verwaltungsratspräsident, das ist richtig. Er könnte ein Vetorecht ausüben über Entscheide von uns im operativen Bereich. Aber seit Januar 06, seit es die Firma in dieser Zusammensetzung gibt, ist das noch nie vorgekommen. Wir informieren ihn regelmässig und bei wichtigen Entscheiden fragen wir vorher nach. Schliesslich haben Roger und Thomas eine riesige Erfahrung. Aber wir führen hier das Unternehmen selbständig. Mir kommt dabei zugute, dass ich aus der früheren Zusammenarbeit mit Roger sehr gut weiss, wie sein unternehmerisches Denken funktioniert. Wir haben in dieser Beziehung die gleichen Überzeugungen.
Was sind für dich Höhepunkte, seit du im T&M dabei bist?
Ein ganz besonderes Erlebnis ist natürlich der Schritt in die Eigentümerschaft. Dass ich ein Teil des Hauses sein darf, das mir ans Herzen gewachsen ist, freut mich. Ich liebe dieses Haus mit den Wänden, die so viele Geschichten erzählen könnten. Es ist wie ein Zuhause...
Als Miteigentümerin bist du aber auch angebunden für die Zukunft. Wie sieht denn die Zukunft fürs T&M aus? Es wird ja gemunkelt, ab Frühjahr 08 werde alles anders...
Nein, ich sehe das überhaupt nicht als ein «Angebunden sein»! Und zur Zukunft: Wie schon vorher gesagt, war das T&M immer ein Club, der sich erneuert hat, auch rein räumlich und das wird im Frühjahr 08 wieder stattfinden. Die Gäste sollen sehen, dass wir nach dem 20. Geburtstag wieder etwas unternehmen. Und es wird sicher nicht das letzte Mal sein.
Letzte Frage: bei all den zukünftigen Veränderungen, haben da eine France Delon und andere Tüll-Tanten noch ihren Platz im T&M?
(sehr schnell) Aber natürlich! Wir machen nach 20 Jahren keine Radikalkur für die nächsten 20 Jahre. Darum geht es nicht. Es geht um räumliche Veränderungen. Wir sind nach wie vor für die Leute da, die auch bis jetzt gekommen sind und uns die Treue gehalten haben.
Von Martin Ender
20 Jahre T&M
Der Grosse Geburtstag wird drei Tage lang gefeiert
Mittwoch, 21. November
- Erinnerungen, 21.30 Uhr
Donnerstag, 22. November:
- Generations Go On, 20.00 Uhr
Freitag, 23. November:
- Dance To The Music, 21.30 Uhr
Komplettes Programm unter www.g-colors.ch |