Rosa von Praunheim ist 65
Ist sein wichtigster Film ebenso in die Jahre gekommen?

«Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt», katapultierte Rosa von Praunheim Anfang der 1970er Jahre an die Spitze der Schwulenbewegung. Es war nicht sein erster Film, aber wohl der wichtigste, damals zumindest. Ist der Film aber noch aktuell? Ein Selbstversuch.

Ich war bei den Ausstrahlungen von «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» 1972 und 1973 noch nicht einmal geboren. Damals sorgte der Film für Kontroversen: Die älteren Schwulen bekamen einen Spiegel vorgehalten, junge Schwule waren entsetzt und gründeten Aktionsgruppen. Und heute? Verfängt die Botschaft noch? Mal schauen. Mein Mitbewohner hat glücklicherweise eine gut sortierte Videosammlung, aber er warnt mich: «Das ist wirklich langweilig.» Ich wage den Selbstversuch.
Am Anfang häufen sich die peinlichen Momente. Zuerst einmal, wie der Film gemacht ist: eine Pseudo-Doku, ein bunter Stummfilm im Stile der späten 20er. Dialoge werden reichlich gestelzt nachgesprochen. Daneben ertönt ein moralisierender Kommentar, der den Zuschauern erklärt, wie Schwule funktionieren und warum sie alle unglücklich sind. «Schwule wollen nur Sex, weil sie sich für Beziehungen schämen», heisst es da, «Schwule sind unfähig, ausser sich selbst auch andere zu lieben». Schwule seien spiessiger als die Spiesser, weil sie (erfolglos) versuchen würden, von diesen anerkannt zu werden. Dazu umarmen sich zwei junge Männer leidend, und im «Nachmittagstreffpunkt» sitzen lauter Männer gaffend und einsam in der Gegend herum. Ältere Schwule seien per definitionem unglücklich, Leder-schwule pervers.
Vorwurfsvoll zieht die näselnde Stimme aus dem Off Zwischenbilanz: «Schwule wollen nicht schwul sein!» Na toll, denke ich, ist ja auch kein Wunder. Wer wäre da schon gern schwul, verdammt zu Sexsucht und Unglücklichsein? Ich nicht. Aber verspüre ich jetzt den Drang, eine Gruppe zu gründen?
Ehe-ähnliche Verhältnisse werden kritisiert, «Schwule wollen die bürgerliche Ehe kopieren!», schimpft die Off-Stimme. Das finde ich auch blöd. Aber ein Thema ist es nicht mehr. «Werdet stolz auf eure Homosexualität!», fordert der Kommentar am Ende, «Raus aus den Toiletten, rein in die Strassen! Freiheit für die Schwulen!» – reichlich anachronistisch für heutige Verhältnisse. «Weg von Gayromeo!», müsste man heute wohl rufen – und dann? «Was sollen wir auf der Strasse?», würden die Leute fragen.
Die Welt sieht heute entspannter aus. «Schwulsein ist nicht Abend füllend!», sagt der Filmkommentar. Ist es wirklich nicht mehr. Schwulsein ist beim Coming-out wichtig, und in der Zeit danach. Später wirkt es noch ins Leben rein, na klar, aber ansonsten sind Identitäten viel mehr hybrid. Auf sozialer Ebene ist der Film aber noch aktuell. Schicksale wie das der Hauptperson Daniel gibt es auch heute en masse. Leute suchen die grosse Liebe, zerbrechen an ihren Erwartungen und kompensieren die fehlende menschliche Nähe mit schnellem Sex. Nur die Reihenfolge ist nicht mehr so zwingend. Und die Möglichkeit zu anonymem Sex per Park oder Internet wird als Chance gesehen, körperliche Zwänge nicht so sehr auf Beziehungen wirken lassen zu müssen. Der Körperkult dagegen hat sich verschärft. «Die Gefahr ist, dass wir zum Schluss so abgestumpft sind, dass wir alle nur nach dem Körper beurteilen, und dass wir letzten Endes darunter selbst leiden, weil wir einsam und ohne Liebe sind.» Ja. Stimmt. Damals wie heute.
Ob der Film auch in einem bestimmten weiteren Punkt aktuell ist, kann ich nicht ganz beurteilen: Können Schwule auch glückliche Rentner sein? Ich denke, ja. Aber das kann Rosa von Praunheim wohl selber am besten beantworten. In diesem Sinne: Alles Gute zum 65.!

     Von Malte Göbel

Rosa von Praunheim
Rosa von Praunheim wurde am 25. November 1942 geboren.
Der deutsche Filmregisseur gilt als wichtiger Vertreter des postmodernen deutschen Films. Er war vor allem mit seinem Dokumentarfilm von 1970 «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» der öffentliche Wegbereiter und einer der Mitbegründer der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Er wuchs als Holger Mischwitzky in Ost-Berlin auf. 1953 flüchtete die Familie in den Westen, zunächst ins Rheinland, anschliessend zog sie nach Frankfurt am Main. Er besuchte das Humanistische Gymnasium in Frankfurt, machte die mittlere Reife und besuchte anschliessend die Werkkunstschule in Offenbach. Später studierte er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin in der Abteilung «Freie Malerei». In den 1960er Jahren debütierte er mit Ex-perimental- und Kurzfilmen, wie «Samuel Beckett» (1969), mit denen er sich bald einen Namen machte. Mitte der 1960er Jahre nahm er den Künstlernamen «Rosa von Praunheim» an, der eine Reminiszenz an den rosa Winkel darstellt, den homosexuelle Gefangene in Konzentrationslagern tragen mussten, sowie an den Frankfurter Stadtteil Praunheim, wo er als Teenager aufwuchs.
In 30 Jahren drehte von Praunheim über 50 Filme. Neben Homosexualität waren seine Themen «ältere, vitale Frauen» (zum Beispiel Evelyn Künneke und Lotti Huber) und seit den späten 1980er Jahren die AIDS-Prävention. Rosa von Praunheim war bis 2006 Dozent für Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.

Malte Göbel
Malte Göbel wurde 1976 geboren.
Er hat in Berlin, Rom und Toronto Geschichte studiert und lebt derzeit in München, wo er die Deutsche Journalistenschule besucht. Neben dem Cruiser schreibt er u.a. auch für die Du&Ich, die Siegessäule und Spiegel Online.