Packen wir’s selber an – bevor es andere tun
Die Aids-Hilfe Schweiz arbeitet an einer neuen Präventionsidee

Seit 2003 meldet das Bundesamt für Gesundheit jährlich etwa 750 neue HIV-Diagnosen. Die Gesamttendenz ist zwar leicht rückläufig. Die einzige Gruppe mit steigender Anzahl an Neudiagnosen sind schwule Männer. Etwa 300 bekommen dieses Jahr den Bescheid: «HIV-positiv». Muss die Prävention anders laufen?

Die Gesamtstatistik der jährlichen HIV-Diagnosen in der Schweiz lässt Hoffnung aufkommen: Die Tendenz ist leicht sinkend und für dieses Jahr werden rund 700 neue Fälle erwartet. Dieser Hoffnungsschimmer schwindet, liest man die Zahlen für schwule Männer: Seit 2003 bis heute hat sich die jährliche Anzahl von positiven HIV-Tests von schwulen Männern etwa verdoppelt. 2007 werden sich bis Ende Jahr etwa gleich viele schwule Männer mit HIV angesteckt haben wie heterosexuelle Männer und Frauen zusammen. Diese Zahlen sind alarmierend, wenn man bedenkt, wie viel weniger Schwule es im Vergleich zu Heteros gibt.

Warum diese hohe Ansteckungsrate?
Viele Gründe werden diskutiert: Schwule sind präventionsmüde nach 20 Jahren Safer-Sex-Botschaften; die Schutzbereitschaft ist kleiner, weil Aids den Schrecken einer tödlichen Krankheit dank medikamentöser Therapie verloren hat; Schwule haben generell mehr Sex als noch vor ein paar Jahren, was auch häufigeren unsafen Sex nach sich zieht; riskanter Sexkonsum wird mangels anderen Perspektiven zum Lebensinhalt gemacht. Der Hauptgrund liegt aber darin, dass heute bereits einer von sechs Schwulen HIV-positiv ist. Somit ist das Risiko, sich schon bei einem einmaligen unsicheren Sexkontakt anzustecken viel grösser als für Heterosexuelle.
Zusätzlich haben viele schwule Männer eigene Präventions-Strategien entwickelt, von denen sie glauben, dass sie sicher seien, die aber in Tat und Wahrheit höchst riskant sind. Sie bauen sich ein «Sex-Netzwerk» auf mit mehreren vertrauten Partnern. Aufgrund von früheren HIV-Tests gehen sie davon aus, dass ihre Sexpartner HIV-negativ seien und verzichten auf das Kondom. Steckt sich nur einer in einem solchen Netzwerk von bekannten Sexpartnern mit dem Virus an, kann sich dieses rasant verbreiten. Eine neue Studie zeigt, dass in der Schweiz 30% der Infektionen bei schwulen Männern mit einem anonymen Partner passieren, die Übrigen stecken sich beim festen Partner (25%) oder einem bekannten Sexpartner (45%) an.
Das Virus wird am häufigsten un-mittelbar nach der eigenen Ansteckung weitergegeben. Das zeigen aktuelle Studien. Diese wissenschaftliche Erkenntnis muss also in neue Präventions-Ideen einfliessen.

Primoinfektion als Motor der HIV-Epidemie
Das Stadium der Infektion spielt eine wichtige Rolle für das Übertragungsrisiko. Steckt sich jemand neu mit dem HI-Virus an, vermehrt sich dieses ungehindert in Blut und Sperma (bis zu mehreren Millionen Viren pro Mikroliter Blutplasma), da noch keine Antikörper vorhanden sind. Mit der Zeit steigt die Zahl der Antikörper und die Viruslast (viral load) sinkt nach ein bis zwei Monaten wieder auf etwa 10’000 pro Mikroliter Blutplasma. Während dieser ersten Phase besteht wegen der hohen Virenlast in Blut und Sperma ein sehr grosses Ansteckungsrisiko bei unsafen Sexpraktiken. Diese Phase wird Primoinfektion genannt. Ihre Bedeutung für die Verbreitung von HIV zeigt sich darin, dass bis zur Hälfte der Übertragungen bei schwulen Männern während dieser Primoinfektion passieren! Die meisten davon wissen nicht, dass sie das Virus in sich tragen.

Fazit
Es gibt viele schwule Männer, die HIV-positiv sind, aber nichts davon wissen; viele haben unsichere Präventions-Strategien mit mehreren Sexpartnern; während der Primoinfektion passieren Ansteckungen wegen der hohen Virenlast sehr leicht. All dies führt dazu, dass sich das Virus gegenwärtig sehr rasch bei schwulen Männern verbreiten kann.

Die Übertragungskette unterbrechen
Diese fatale Übertragungskette von neuen HIV-Infektionen muss unterbrochen werden. Das kann nur funktionieren, wenn das Virus nicht mehr während der Primoinfektion weitergegeben wird. Genau dies will das Projekt erreichen, welches die Aids-Hilfe Schweiz im nächsten Jahr lanciert. Mit «Mission Possible» sollen die Ansteckungen bei schwulen Männern wieder reduziert werden. Das kann aber nur funktionieren, wenn die gesamte Gay-Community mitmacht! Das heisst, sämtliche schwulen Männer müssen über die Primoinfektion informiert sein und im Februar bei der gemeinsamen Safer-Sex-Aktion von drei Monaten mitmachen. Damit wird die Mission possible!
Der Cruiser wird in der nächsten Ausgabe genauer darauf eingehen.

     Von Martin Ender

 

Selber das Problem anpacken
Wie schnell und übereifrig «von aussen» auf Probleme reagiert wird, die angeblich durch Schwule entstehen, haben Schwule schon öfters erleben müssen. In den 60er Jahren wurde bei Gewalttaten gegen Männer in Zürich zuallererst das damals vorhandene Schwulenregister zu Rate gezogen. In diesem Sommer noch waren scheinbar die Schwulen Schuld an den Drogenexzessen und Gewalttaten in der Party-szene.
Nun steht ein nächstes Problem an. Die HIV-Ansteckungsrate ist bei den Schwulen unverhältnismässig höher als bei den Heterosexuellen. Und schon haben rechts-konservative Politiker die Schwulen im Visier. Die SVP hat nämlich auch die HIV-Epidemie für ihre populistischen Feldzüge entdeckt. So verkündet der Zürcher Nationalrat Toni Bortoluzzi offen seine seuchenpolizeiliche Strategie zur Verfolgung von Risiko-gruppen. Und er weiss auch, wo diese zu orten sind. Er schreibt, dass «die Risikogruppen in der Schweiz klar als ausländisch, drogensüchtig und schwul bezeichnet werden müssen. (…) Statt Spass-Kampagnen mit Hollywood-Stars sollte sich das BAG auf die systematische Kontrolle der Risikogruppen sowie die Rückverfolgung der Ansteckungsketten konzentrieren.» Nach den jüngsten Erfolgen der SVP bei den Nationalratswahlen ist es höchste Zeit, dass schwule Männer die Verantwortung für ihre Gesundheit in die eigene Hand nehmen. Die Aids-Hilfe Schweiz gibt demnächst den Anstoss zu einer gemeinsamen Aktion.
Packen wir’s also selber an, bevor uns untaugliche und unbequeme Rezepte von aussen aufgezwungen werden.