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Homophobes Youtube?
Musizierende, schwule Samichläuse sind ein «unangemessener Inhalt»
Die Video-Plattform Youtube hat den Account von Gayromeo über die Feiertage schon zum dritten Mal ohne triftige Gründe gelöscht. Jetzt bittet Gayromeo in einem offenen Brief um eine Stellungnahme und wirft Youtube Homophobie vor.
Zwist zwischen Internet-Giganten: Die Dating-Seite Gayromeo wirft der zu Google gehörenden Video-Plattform Youtube Homophobie vor. Hintergrund dieser Anschuldigungen, die Gayromeo unlängst in einem offenen Brief publik gemacht hat, ist die wiederholte Löschung des Gayromeo-Accounts auf der Video-Plattform: «Bereits zum dritten Mal wurde unser Account von Youtube ohne Vorwarnung und ohne stichhaltige Begründung gelöscht», sagt Maurice Berendsen, Managing Director der Gayromeo-Betreiberfirma Planetromeo in Amsterdam, zum Cruiser. Zum ersten Mal sei dies an Weihnachten 2006 geschehen. Im Juli 2007 unternahm Gayromeo einen zweiten Versuch, einige laut Berendsen harmlose Videos auf Youtube hochzuladen. Auch diese wurden vom Betreiber gelöscht, der Gayromeo-Account entfernt. Die Begründung: Die Clips, die unter anderem zwei sich küssende Jungs und einen nackten männlichen Oberkörper gezeigt hätten, seien «zu sexuell». Im Dezember 2006 folgte dann die dritte und vorerst letzte Episode: Ein harmloser Musikclip der holländischen Gruppe Bearforce One, der schwule Weihnachtsmänner zeigte, führte zur insgesamt dritten Löschung eines Gayromeo-Accounts auf Youtube. Dies, nachdem das Video mehr als 50'000 Mal angeklickt worden und unter anderem in den Youtube-Charts aufgetaucht war. Die
offzielle Begründung: «Inappropriate Content» – unangemessener Inhalt. «Weil von offizieller Seite auf diverse Anfragen keine Reaktion erfolgte, haben wir uns für den offenen Brief entschieden, um die Angelegenheit publik zu machen und Youtube zu einer Stellungnahme zu drängen», sagt Berendsen.
Freie Meinungsäusserung
Youtube ist in den USA zuhause, wo das Recht auf freie Meinungsäusserung traditionell hochgehalten wird. So heisst es in den Spielregeln von Youtube denn auch: «Wir unterstützen die Redefreiheit und räumen dieses Recht jedem ein, auch bei unpopulären Standpunkten. Wir gestatten jedoch keine Hassreden, die andere Personen aufgrund von ... sexueller Orientierung ... angreifen oder erniedrigen.» Die Realität sieht derweil anders aus: Mit nur wenigen Klicks gelangt man zu einem Handy-Video, das zeigt, wie angetrunkene englische Touristen in Barcelona einen schwulen Spanier während mehrerer Minuten anpöbeln, physisch bedrängen und verbal erniedrigen. Zahllose Benutzerkommentare, etwa derjenige von «Zeckenkiller123», nehmen es mit den Youtube-Spielregeln auch nicht sonderlich genau: «Fick dich du dumme Hure. Ich bin kein Teenie, sondern ein erwachsener Mann und nenne Regenbogen-Schweine beim Namen: Schwule Säue raus!» Vor allem bei den Videos aus dem notorisch schwulenfeindlichen Hip-Hop- oder Ragga-Umfeld sind die Benutzer-Kommentare an Homophobie und Sexismus kaum zu überbieten. Weil das Video zu «Keine Toleranz» («Ich gehe mit 10 MGs zum CSD») des Berliner Rappers G-Hot trotz Ächtung und Verbot immer wieder auf Youtube auftaucht, hat der deutsche Lesben- und Schwulenverband im Januar eine Klage gegen Youtube eingereicht.
Community als Selbstregulator
Für die Identifikation von «unangemessenen Inhalten» sieht sich Youtube nicht selber zuständig. Es ist die Benutzergemeinde, die solche Inhalte anzeigt. Von den Benutzern angezeigte Inhalte werden von Youtube begutachtet und anschliessend von der Seite entfernt oder mit einem Warnhinweis versehen. Dieser Mechanismus kann auch im Fall von Gayromeo eine Rolle gespielt haben: Unter den mehr als 50000 Besuchern des Bearforce-Videos mit den schwulen Santas befanden sich offenbar nicht nur Gayromeo-Benutzer, sondern auch das Youtube-Fussvolk hat sich dort getummelt, was Kommentare wie «Happy AIDS» zweifelsfrei belegen. Wenn viele homophobe Benutzer das schwule Weihnachts-Video mit vereinten Kräften als «unangemessen» bezeichnen, kann dies natürlich im System Youtube zu dessen Entfernung führen.
Genauso wie Gayromeo laut eigenen Worten in der Selbstdarstellung «ein Spiegel der schwulen Welt» ist, in dem alle möglichen Ausprägungen von Schwulen vorkommen, genauso ist die Youtube-Community ein Spiegel unserer heteropatriarchalen Kommerz- und Konsumgesellschaft. Das Problem sitzt also tiefer: Es geht nicht nur um das Versagen der Regulierungsmechanismen von Youtube, sondern um die immer noch über weite Strecken nicht vorhandene gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen und Lesben. Der offene Brief von Gayromeo bewirkt Publizität und ist ein Schritt in die richtige Richtung. Noch haben Youtube oder Google dazu nicht Stellung genommen.
Von Boris Schneider
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