 |
Mission Possible
Die neue Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz ist ehrgeizig wie noch nie
Wie noch nie sind in den letzten Jahren aber auch die Ansteckungszahlen gestiegen. Im 2007 waren es bei den Schwulen rund doppelt so viele wie noch im Jahr 2003. Die Aids-Hilfe Schweiz will dem Trend einen Riegel schieben und setzt auf die Mithilfe aller. Die Ziele sind hochgesteckt.
Seit Beginn des neuen Jahrtausends stecken sich jedes Jahr mehr Schwule mit dem HI-Virus an: 2007 rund doppelt so viele wie noch 2003. Nichts deutet auf eine Umkehr dieses Trends hin. Nun will die Aids-Hilfe Schweiz den Aufwärtstrend unterbrechen: Sie lanciert auf Anfang Februar die «Mission Possible» und zählt dabei auf das Mitmachen aller Schwulen.
Die Grundidee ist bestechend einfach
Die erste Phase nach der Infektion mit HIV wird als HIV-Primoinfektion bezeichnet. Während dieser Zeit breitet sich das Virus rasch im Körper aus und etabliert die Infektion definitiv. Die Viruslast im Blut und in den Genitalsekreten ist massiv höher als im weiteren Verlauf, wenn die Immunantwort die HIV-Replikation teilweise hemmt. Mit andern Worten: In den ersten Wochen und Monaten nach einer HIV-Infektion ist man wegen der sehr hohen Viruslast extrem ansteckend (wir berichteten darüber in der letzten Ausgabe, genauere Infos gibt es nachzulesen unter www.drgay.ch/primoinfektion). Studien beweisen, dass etwa ein Drittel aller sexuell übertragenen HIV-Infektionen in der Schweiz mit einem Partner geschehen, der gerade kürzlich infiziert wurde resp. eine Primoinfektion aufweist. Die Aids-Hilfe Schweiz geht davon aus, dass unter den Schwulen sogar rund die Hälfte aller positiven Männer sich bei jemandem ansteckte, der in der Phase der Primoinfektion war.
Dieser Mechanismus muss durchbrochen werden. Dies ist möglich, wenn alle schwulen Männer gleichzeitig während dreier Monate die Safer-Sex-Regeln einhalten. Wenn dies gelingt, kommt es in dieser Zeit zu keinen Neuinfektionen und dann gibt es nach Ablauf der Aktion auch keinen schwulen Mann mehr mit einer hoch ansteckenden Primoinfektion. Eine zentrale Ursache der HIV-Epidemie ist somit ausgeschaltet. Damit ist klar, dass Mission Possible nur erfolgreich sein kann, wenn die gesamte Gay Community, jeder einzelne schwule Mann, auch tatsächlich mitmacht.
Die Aids-Hilfe Schweiz ruft deshalb zu 100% Safer Sex während dreier Monate auf: Ab 1. Februar bis anfangs Mai 2008. Und jeder schwule Mann in der Schweiz soll mitmachen!
Mission Possible: Die Kampagne
Die Aids-Hilfe Schweiz startet dazu eine breit angelegte Kampagne. Kein schwuler Mann soll sagen können, nichts von Mission Possible gehört zu haben. Zusammen mit Partnerorganisationen werden Mission-Possible-Parties organisiert, und die Mitarbeiter verteilen in der Szene Flyer, Posters, Kondome, Give-aways und vieles mehr.
Auf der Website www.missionp.ch findet sich alles zur Mission Possible: Wann und wo finden die nächsten Parties statt? Infos zur Aktion, Newsletter, SMS- und MMS-Dienste, Downloads, Blogs und Erfahrungsberichte, Wettbewerbe und vieles mehr runden die Seite ab. Wenn alle schwulen Männer mitmachen und sich von Februar bis Anfang Mai drei Monate lang konsequent an die Safer-Sex-Regeln halten, wird die Aktion ein Erfolg. Aber was ist danach? Natürlich bleiben HIV/Aids und Safer Sex weiterhin Themen: Die Aids-Hilfe Schweiz wird demnächst über neuste Entwicklungen und Möglichkeiten informieren, wie Mann sich vor einer HIV-Infektion schützen und so den Erfolg der Mission weitertragen kann.
Realitätsfremd?
So sicher wie das «Amen» in der Kirche ist leider Gottes auch das «Aber» der Zweifler und Nörgler, die jedes Mal auftauchen, wenn neue Kampagnen präsentiert werden. Ob sie nun von der Aids-Hilfe Schweiz oder dem Bundesamt für Gesundheit lanciert werden, stets melden sich Besserwisser und Besserformulierer zu Worte. So stört sich beispielsweise ein Leserbriefschreiber am Titel der Broschüre über die Primoinfektion, der da heisst: «Einer von sechs Schwulen in der Szene ist HIV-positiv.» Er befürchtet, dass mit den Begriffen «Szene» und «Schwule» nicht alle in Frage kommende Männer angesprochen werden und «Schwule», die in der «Szene» verkehren sogar vor den Kopf gestossen werden. Aber, Hand aufs Herz, wichtiger als Wortklaubereien ist doch die Bereitschaft, positive Ideen aufzunehmen und weiterzutragen. Darum sagt auch der Cruiser: Macht mit! Join the Mission! Am 1. Februar geht es los. Jeder Einzelne zählt und kann seinen Teil zum Erfolg beitragen.
Von Martin Ender |