Beten für den Sieg
Amerika befindet sich mitten in einem spannenden Präsidentschaftswahlkampf

Im Feld der durchwegs religiösen republikanischen Kandidaten herrscht in einem Thema Einigkeit: Die Ehe als eine Institution zwischen Mann und Frau gehört geschützt. Notfalls auch durch eine Verfassungsänderung.

«Ich kandidiere, um dem amerikanischen Volk zu zeigen, dass der amerikanische Traum immer noch lebt!» Mit diesen Worten richtet sich der konservative republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee, Baptisten-Pfarrer und früherer Gouverneur des US-Bundesstaats Arkansas, an die Besucher seiner Website. Die ersten Vorwahlen an den traditionellen Parteiversammlungen («Caucuses») in Iowa hat Huckabee überraschend für sich entscheiden können. Wenn auch Iowa mit seiner ländlichen und überwiegend weissen Bevölkerung nicht als repräsentativ für die Vereinigten Staaten gelten kann, so gibt das Resultat doch einen Einblick in die Stimmung eines beträchtlichen Teils der amerikanischen Gesellschaft. In New Hampshire kam Huckabee auf den dritten Rang, in Nevada landete er weit abgeschlagen und im südlichen South Carolina schaffte es der politisierende Pfaff auf den beachtlichen zweiten Platz.

Die Bibel immer dabei
Die Botschaften Huckabees kommen an, sorgen aber gleichzeitig auch für Irritationen. Aufsehen erregte unlängst ein Interview des Politikers mit dem Online-Magazin Beliefnet. Huckabee gewährte den Lesern darin nicht nur Einblicke in seine eigene Gebetspraxis («Ich lese jeden Tag einige Psalme und etwas aus dem Neuen Testament aus meiner Taschenbibel, die ich immer dabei habe»), sondern wird auch deutlich, was seine Haltung zur Homo-Ehe angeht. Danach gefragt, ob es nicht radikal sei, die amerikanische Verfassung in Einklang mit biblischen Prinzipien bringen zu wollen, entgegnet Huckabee: «Ich glaube nicht, dass es radikal ist, wenn wir uns für die Ehe aussprechen. Radikal wäre es, die Definition der Ehe zu verändern, so dass zwei Männer, zwei Frauen, ein Mann und drei Frauen, ein Mann und ein Kind oder auch ein Mann und ein Tier heiraten dürfen». Diese Äusserung trug Huckabee den Vorwurf ein, Homosexualität in die Nähe von Zoophilie und Sodomie zu rücken. Die Familie als Keimzelle einer starken und gesunden Gesellschaft steht nichtsdestotrotz auch weiterhin im Zentrum von Huckabees Kampagne: «Unsere wahre Stärke in Amerika kommt nicht von unserer Armee oder von unserer Wirtschaft, sondern von unseren Familien. Was bringt es uns, die Terroristen im mittleren Osten in Schach zu halten, wenn es uns nicht gelingt, Dekadenz und moralischen Zerfall zuhause in den Griff zu bekommen?», fragt er.

Das Rennen ist völlig offen
Im Wettbewerb um die republikanische Präsidentschaftskandidatur scheint weiterhin alles möglich: «Jeder der Kandidaten kann die Nomination noch schaffen», sagte Patrick Sammon dem Online-Magazin Gaywired. Er ist Präsident der Log Cabin Republicans, einer nationalen Vereinigung von schwulen und lesbischen Republikanern. Auf ihrer Website beschreibt die Gruppe teilweise radikale Meinungsumschwünge des republikanischen Spitzenkandidaten und früheren Gouverneurs von Massachusetts, Mitt Romney. Im Jahr 2002 meinte dieser noch, dass alle Bürger unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung gleiche Rechte verdient hätten und sprach sich für ein Genossenschaftsgesetz aus. Am CSD liess er Flyer verteilen, auf denen er und seine Frau den Teilnehmern alles Gute wünschten und gleiche Rechte für Schwule und Lesben forderten. Zwei Jahre später sprach Romney sich dann aber in einem Interview gegen ein Gesetz aus, das der Diskriminierung von Schwulen am Arbeitsplatz einen Riegel geschoben hätte. Zudem sah er entgegen frühreren Äusserungen auch keinen Anlass mehr für die Änderung der so genannten «Don’t Ask, don’t Tell»-Policy in der amerikanischen Armee, was einer Besserstellung der heute weitgehend marginalisierten Schwulen und Lesben in den Streitkräften entsprochen hätte.

Rassismus und Homophobie
Ebenfalls im republikanischen Kandidatenfeld, aber im Moment ohne Aussicht auf die Nominierung, befindet sich der Texaner Ron Paul. Von ihm sind jetzt Dokumente aus dem Jahr 1990 aufgetaucht, in denen er sich homophob äussert: «Ich habe die Nase voll, von Aids-Trägern mit Forderungen nach mehr Rechten bombardiert zu werden», heisst es da etwa. Schwule würden lediglich die Aufmerksamkeit und das Mitleid geniessen, das das Kranksein mit sich bringe. Paul hat sich inzwischen von den Äusserungen distanziert.
Weiterhin ein aussichtsreicher Kandidat für die republikanische Nominierung ist Senator John McCain. Auch er will als Präsident die Ehe schützen: «Ich glaube, dass die Ehe eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau ist», heisst es auf der Website des 71-jährigen. Eine Vorentscheidung dürfte anfangs Februar fallen, wenn nach der Vorwahl von Florida am «Super Tuesday» in mehreren Bundesstaaten gewählt wird. Dann möchte auch Rudy Giuliani, der frühere Bürgermeister von New York, ins Rennen eingreifen. Ob die amerikanische Gay-Community von diesem ebenfalls streng gläubigen Christen mehr erwarten darf als von den übrigen republikanischen Kandidaten, bleibt abzuwarten.

     Von Boris Schneider