Eine Nacht in Moskau
Cruiser Mitarbeiter Dani Diriwächter verbrachte die Weihnachtstage in Moskau. Ein Erlebnisbericht.

Wäre Matthias Rust letzten Dezember auf dem Roten Platz gelandet, so wäre er auf einer polierten Eisfläche ins Lenin Mausoleum reingedonnert. Richtig. Auf dem so geschichtsträchtigen Platz befindet sich derzeit eine Schlittschuhbahn. Den musikalischen Hintergrund liefert Bing Crosbys «White Christmas». Willkommen im Moskau des 21. Jahrhunderts.

Am Kreml beginnt für mich und meine charmante Begleitung unser Ausflug ins Moskauer Nachtleben. Es dunkelt hier bereits um vier Uhr nachmittags. Wir sind bereit. Von der Kälte schnell vertrieben, gönnen wir uns in der Panorama-Bar des Hotels Hyatt Ararat einen sündhaft teuren Glühwein. Dabei geniessen wir die faszinierende Sicht über ganz Moskau. Die Stadt wirkt wie Metropolis aus dem gleichnamigen Stummfilmklassiker. Die imposanten Stalin-Bauten verstärken diesen Eindruck. Weihnachtsbeleuchtungen sind überall zu finden. Der Spruch «weniger ist mehr» scheint nichts zu bedeuten. Diverser Lichtschmuck ist einfach nur grässlich, statt besinnlich. Ähnlich wie Moskaus Damen der Schickeria. Es wird geklotzt, so weit das Auge reicht.

Dinner im Café des Artistes
Um in Moskau von A nach B zu kommen, empfiehlt sich übrigens des Nachts ein (meist illegales) Taxi. Die russische Sprache ist hier tonangebend, denn Geld bestimmt das Tempo (und das Ziel). Aber meine Begleitung meistert dies ausgesprochen gut. Bei Tage ist die U-Bahn das beste Fortbewegungsmittel. Selbstverständlich nur mit einem Führer, denn auch hier ist alles in Russisch angegeben. Die U-Bahn Stationen, die Stalin «Paläste fürs Volk» nannte, bieten verschwenderische Architektur und steile, entsprechend gefährliche Rolltreppen. (Die Rolltreppen runter zu den tief liegenden Stationen im Zentrum sind teilweise zwischen 80 und 100 m lang.)
Bald finden wir uns äusserst gut gelaunt an der bekannten Einkaufsmeile Tverskaya Ulitsa wieder. Diniert wird selbstverständlich im Café des Artistes, ein Restaurant unter Schweizer Leitung. Uns war eben nicht nach russischer Kost. Das Lokal selber gilt nicht nur unter Schwulen als absoluter Geheimtipp. Im warmen, barocken Ambiente gönnen wir uns ein vorzügliches Dinner (Hirschpfeffer!). Die hübschen Kellner, keiner dürfte die 25 überschritten haben, lassen es uns an nichts fehlen. Danach lädt die Bar noch gemütlich zum Grappa und Philosophieren ein. Selten hat man sich in einem Restaurant wohler gefühlt.

Singend im Three Monkeys
Nächstes Ziel ist einer der ältesten Gay Clubs Moskaus, das legendäre Three Monkeys. Er wirkt in der Tat wie die russische Variante des Zürcher T&Ms. Nur, dass man den Club unter höchster Geheimhaltung betreten muss (wie alle anderen schwulen Etablissements) und sich hier auf diversen Etagen austoben kann, inkl. einem Darkroom. Für jeden (Musik)-Geschmack ist also etwas dabei. Wir bevorzugen den Karaoke-Raum. Neben einem Katalog russischer Weisen, die schmachtend vorgetragen werden, entscheiden wir uns für die westliche Popkultur. Abba, Madonna und Celine Dion müssen für unsere feuchtfröhliche Performance hinhalten. Betrunkene Tunten klatschen, also ein Erfolg.

Niemals ungeküsst
Tief in der Nacht lässt es unser Stolz nicht zu, ungeküsst im Bett zu landen. Noch ist nichts verloren, eine Bar namens 12 Volt (ich nenne sie seither auch gerne «die letzte Station zur Hölle») hat noch geöffnet. In den zwei dunklen Kellerräumen mit dem Charme eines Asylantenheims fliesst der Wodka reichlich. Gutgelaunte Nachtschwärmer machen Stimmung und ich muss mit 100 Rubel den DJ für einen Song meiner Wahl bestechen. Selbst hier werden Geschäfte gemacht.
Irgendwann finde ich mich in den Armen eines blonden Schönlings wieder, der mich nur zu gerne eine Etappe weiter schleppen möchte. Spaciba, ich verzichte. Meine Begleitung und ich schnappen ein Taxi, denn es wird hell. Was für ein Spass, denke ich mir noch beim Einschlafen, nur fünf Minuten vom Kreml entfernt.

     Von Dani Diriwächter