Morrissey
Der Sänger und Texter provoziert weiterhin

Kurz vor dem Erscheinen seiner neuen «Best Of»-Sammel-CD hat sich der Mann mit den Gladiolen wieder einmal mit der englischen Presse überworfen. Der Streit unterstreicht die anhaltende Wichtigkeit des subtilsten britischen Songschreibers.

Natürlich waren die sechs Konzerte im Londoner Roundhouse seit Monaten ausverkauft. Natürlich beginnt ein Morrissey-Konzert auch heute noch anders als alle anderen Popkonzerte. Als Vorband waltet eine punkige Lesbencombo. Dem folgen ein paar Filmchen – eines zeigt die Glam-Rock-Combo New York Dolls am deutschen TV («Sind das nun Mädchen oder Jungs?» fragt der Moderator), ein weiteres, Brigitte Bardot beim Singen. Endlich erschüttert eine Opern-Arie das Fundament der Halle. Morrissey! Gekleidet wie ein Buchhalter in mittleren Jahren und umgeben von einer ganz in Schwarz gekleideten Musikergang schlägt er nach einem drolligen «Good evening West Ham!» mit einem brachialen «How Soon Is Now» los, dem schönsten aller Smiths-Songs. Dazu windet und renkt er sich mit grotesk übertriebenem Körperpathos und liegt schliesslich mit in die Höhe gereckten Beinen vor dem Schlagzeug. Ganz die Leibhaft gewordene Todesszene in einem Gemälde aus der Zeit der Spätromantik. Typisch Morrissey halt. Auch wenn er nun 48 Jahre alt ist.

Die Zeiten der «Smiths»
Niemand, der dabei war, wird den Schock vergessen, als The Smiths zum ersten Mal in der Hitparaden-Sendung «Top Of The Pops» der BBC auftraten. Damals, im November 1983, wurden Synthis, Michael Jackson und – in den Schwulenclubs – Hi-NRG als die grosse Zukunft abgefeiert. Hier nun war dieser Morrissey – ein linkischer junger Sänger, aus dessen Hosentasche Gladiolen hingen und der mit japsender Stimme den Charme eines jungen Mannes besang («This Charming Man», Chart-Rang 25). Vier grossartige Alben lang waren The Smiths die provokativste und bewegendste Band Grossbritanniens. Eine der erfolgreichsten auch. Dabei wirkte Morrissey auf weite Teile Grossbritanniens wie ein rotes Tuch. Ganz abgesehen von seiner ungewöhnlichen Erscheinung – ein fein geschnittener Nord-engländer? Unmöglich! – hatten Morrisseys Texte eine geradezu literarische Bilder- und Aussage-Dichte, ganz zu schweigen vom Witz, der darin steckte. «Punctured bicycle/on a hillside desolate / will nature make a man of me yet?», begann etwa «This Charming Man». Oder «How Soon Is Now»: «I am the son / and the heir /of a shyness that is criminally vulgar». Mitten im Konsumwahn der Thatcher-Jahre, der überdies mit einem kommunalen Anti-Intellektualismus gepaart war, stand hier doch noch einer gegen den Wind an. Jede Zeile, die er sang, war auch eine Warnung vor dem neuen Materialismus und dem Gleichschritt-Ethos Thatcher’scher Prägung. Niemand stand Morrissey gleichgültig gegenüber. Wer ihn nicht hasste, liebte ihn.

Zelebrieren des «Anderssein»
Auch nach der Auflösung der Smiths, als Morrissey mit einer durchmischten Folge von Solo-Alben seine persönlichen Lieblingsthemen weiterstrickte, erging er sich sehr genüsslich in einer Masse von faszinierenden, befreienden Widersprüchen. Typisch war seine langjährige Weigerung, seine Sexualität zu diskutieren, auch wenn man ihn des Öfteren in den Schwulenklubs antraf: Sex sei Sex, meinte er. Auf die Schattierungen komme es nicht an. Und dann erklärte er auch noch, er lebe eh im Zölibat. Der Mainstream schüttelte ungläubig den Kopf. Aber einer Generation von Musikfans – schwul oder nicht – gaben solche Streiche erst den Mut, das «Anderssein» nicht nur zu leben, sondern auch zu zelebrieren. Als er um die Veröffentlichung seines letzten Studioalbums «Ringleader of the Tormentors» vor zwei Jahren kein Geheimnis mehr aus seinem männlichen Lover machte, war es weder eine Neuigkeit noch eine Sensation, sondern einfach so. So, wie es eigentlich schon zwanzig Jahre vorher hätte sein sollen.

Umstrittene Songs
Bei einem früheren Interview warf mir (dem Autor dieses Artikels) Morrissey schmunzelnd immer wieder verblüffende Statements vor die Nase. Mit der Zeit merkte ich, dass er einfach gern «Devil’s advocate» spielte und mich damit erfolgreich zwang, meine eigene Haltung zu hinterfragen. Genauso, wie er es auch in seinen Songs immer wieder tut, wo des Öfteren Erzähler zweifelhaften Charakters zum Wort kommen. Solche Subtilitäten gehen im oberflächlichen Popgeschäft gern unter. So ging eine Aktion im Sommer 1993 völlig daneben, als er sich bei einem Festival-Auftritt in London den Union Jack umwickelte. Die Musikzeitung New Musical Express bezichtigte ihn rechtsextremer Tendenzen und zog als weitere Beweismittel die Songs «National Front Disco» und «Bengali In Platforms» herbei. Zwanzig Jahre später hat ihn dasselbe Blatt wieder in die Pfanne gehauen. Im Interview hatte sich Morrissey zu einem seiner Lieblingsthemen geäussert, nämlich zu den Veränderungen, die England seit den 50er Jahren durchgemacht hat. Das Blatt wollte in den Aussagen «rassistische» Neigungen herauslesen können. Der Sänger konterte die Vorwürfe mit einer Klage wegen Diffamierung sowie an den Konzerten mit fulminanten Versionen der umstrittenen Songs, die erst recht zeigten, wie aktuell sie noch immer sind.

Nach der Auflösung der Smiths stürmte ein verzweifelter Fan die Lokalradiostation von Denver, Colorado, und zwang den Disc Jockey mit vorgehaltener Pistole, nur noch Lieder von dieser seiner Lieblingsband zu spielen. Vier Stunden lang liess der DJ notgedrungen immer wieder die vier Alben rotieren, ehe sich der verzweifelte Fan von der Polizei abführen liess.

     Von Hanspeter Künzler

 

Morrissey,
«Ringleader of the Tormentors» (2006, Phonag)
Morrissey,
«Vauxhall and I» (1994, EMI)
Morrissey,
«The Best Of…» (2008, Universal)