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Morrissey Kurz vor dem Erscheinen seiner neuen «Best Of»-Sammel-CD hat sich der Mann mit den Gladiolen wieder einmal mit der englischen Presse überworfen. Der Streit unterstreicht die anhaltende Wichtigkeit des subtilsten britischen Songschreibers. Natürlich waren die sechs Konzerte im Londoner Roundhouse seit Monaten ausverkauft. Natürlich beginnt ein Morrissey-Konzert auch heute noch anders als alle anderen Popkonzerte. Als Vorband waltet eine punkige Lesbencombo. Dem folgen ein paar Filmchen – eines zeigt die Glam-Rock-Combo New York Dolls am deutschen TV («Sind das nun Mädchen oder Jungs?» fragt der Moderator), ein weiteres, Brigitte Bardot beim Singen. Endlich erschüttert eine Opern-Arie das Fundament der Halle. Morrissey! Gekleidet wie ein Buchhalter in mittleren Jahren und umgeben von einer ganz in Schwarz gekleideten Musikergang schlägt er nach einem drolligen «Good evening West Ham!» mit einem brachialen «How Soon Is Now» los, dem schönsten aller Smiths-Songs. Dazu windet und renkt er sich mit grotesk übertriebenem Körperpathos und liegt schliesslich mit in die Höhe gereckten Beinen vor dem Schlagzeug. Ganz die Leibhaft gewordene Todesszene in einem Gemälde aus der Zeit der Spätromantik. Typisch Morrissey halt. Auch wenn er nun 48 Jahre alt ist. Die Zeiten der «Smiths» Zelebrieren des «Anderssein» Bei einem früheren Interview warf mir (dem Autor dieses Artikels) Morrissey schmunzelnd immer wieder verblüffende Statements vor die Nase. Mit der Zeit merkte ich, dass er einfach gern «Devil’s advocate» spielte und mich damit erfolgreich zwang, meine eigene Haltung zu hinterfragen. Genauso, wie er es auch in seinen Songs immer wieder tut, wo des Öfteren Erzähler zweifelhaften Charakters zum Wort kommen. Solche Subtilitäten gehen im oberflächlichen Popgeschäft gern unter. So ging eine Aktion im Sommer 1993 völlig daneben, als er sich bei einem Festival-Auftritt in London den Union Jack umwickelte. Die Musikzeitung New Musical Express bezichtigte ihn rechtsextremer Tendenzen und zog als weitere Beweismittel die Songs «National Front Disco» und «Bengali In Platforms» herbei. Zwanzig Jahre später hat ihn dasselbe Blatt wieder in die Pfanne gehauen. Im Interview hatte sich Morrissey zu einem seiner Lieblingsthemen geäussert, nämlich zu den Veränderungen, die England seit den 50er Jahren durchgemacht hat. Das Blatt wollte in den Aussagen «rassistische» Neigungen herauslesen können. Der Sänger konterte die Vorwürfe mit einer Klage wegen Diffamierung sowie an den Konzerten mit fulminanten Versionen der umstrittenen Songs, die erst recht zeigten, wie aktuell sie noch immer sind. Nach der Auflösung der Smiths stürmte ein verzweifelter Fan die Lokalradiostation von Denver, Colorado, und zwang den Disc Jockey mit vorgehaltener Pistole, nur noch Lieder von dieser seiner Lieblingsband zu spielen. Vier Stunden lang liess der DJ notgedrungen immer wieder die vier Alben rotieren, ehe sich der verzweifelte Fan von der Polizei abführen liess. Von Hanspeter Künzler
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